Warschau

Die strahlenden Sieger vom 27. September stehen vor einer ostpolitischen Chance. Zwar genießt Helmut Kohl enormes Ansehen in Ostmitteleuropa und in Rußland, während der ostpolitische Ruf sowohl der Sozialdemokraten als auch der Grünen - zumindest in Polen - stark angeknackst ist. Doch die SPD könnte jederzeit an die besten Traditionen Willy Brandts und Helmut Schmidts anknüpfen. Sie könnte die restlichen Minen, die nach wie vor im ostpolitischen Feld liegen und gelegentlich auch hochgehen, endgültig aus dem Weg räumen, um einen unbelasteten Übergang in das neue Jahrtausend deutsch-polnischer Nachbarschaft zu ermöglichen.

Die psychologische Landschaft der deutsch-polnischen Beziehungen ist längst nicht so erfreulich, wie es den Sonntagsrednern erscheint. Nicht einmal ein Drittel der Deutschen ist für die Osterweiterung der EU, und auf dem Thermometer deutscher Sympathien landen die Polen nach wie vor weit unten. Auch wenn die "polnische Wirtschaft" sich langsam zu einem Erfolgsmodell entwickelt, herrscht in Deutschland weiterhin das Bild der "polnischen Automafia" und "Schwarzarbeiter" vor.

CDU/CSU wie SPD hatten im Wahlkampf Schwierigkeiten mit Polen. Die Christdemokraten ließen auf der Jagd nach den Stimmen national gesinnter Vertriebener eine Platzbombe explodieren, indem sie vermeintliche Eigentumsrechte der Vertriebenen in der alten Heimat einklagten und zu einer "Rückwanderung unter der Europafahne" aufriefen. Die Sozialdemokraten wiederum winkten mit dem Schreckgespenst einer Horde von 800 000 polnischen (und sonstigen) Arbeitnehmern, die mit dem Schraubenzieher bei Fuß an der Oder und Neiße warteten, um nach vollzogener Osterweiterung den deutschen Arbeitsmarkt vollends zu ruinieren. Während die Schwarzen mit der Fata Morgana einer Ostwanderung auf Stimmenfang gingen, schürten die Roten die alte Angst vor dem Sturm aus dem Osten. Beiden war dabei der nationale Egoismus wichtiger als der Ausgleich mit dem Nachbarn.

Nun wird in wenigen Monaten Gerhard Schröder in Berlin, fast an der Oder, residieren und Europa und die Welt vom "Nahen Osten" Deutschlands aus betrachten. Seinem Arbeitszimmer wird Warschau nicht nur geographisch, sondern zum ersten Mal in der Berliner Geschichte auch geopolitisch viel näher liegen als Moskau. Er wird erkennen, daß die deutsch-polnische Nachbarschaft eine Realität im Vorhof des Kanzleramtes ist, die persönlichen Einsatz, Kenntnisse und Einfühlungsvermögen erfordert. So angelsächsisch Schröder sich heute gibt und in Blair sein Vorbild sucht, er wird die alte deutsch-französische Allianz fortsetzen und sie - im Rahmen des "Weimarer Dreiecks" - nach Osten Richtung Warschau ausdehnen müssen. Nur dann wird er nicht in dem östlichen Eckhaus des Westens sitzen, angelehnt an eine zitternde Außenwand.

Auch wenn der künftige Kanzler bei uns in Ostmitteleuropa noch nicht besonders bekannt ist, hat er gute Möglichkeiten, sich relativ schnell zu profilieren und nach Willy Brandt, Helmut Schmidt und Helmut Kohl sozusagen die "vierte Ostpolitik" zu starten, die nicht mehr die Anerkennung der Realitäten, nicht mehr Versöhnung und Normalisierung und nicht mehr die Öffnung der euroatlantischen Strukturen zum Ziel haben muß, sondern all dies voraussetzt.

Diese vierte Ostpolitik muß klare Schlußfolgerungen aus der Tatsache ziehen, daß Polen, Tschechien und Ungarn, demnächst aber wohl auch die Slowakei, Rumänien, Bulgarien und die baltischen Republiken, Deutschlands "innere Nachbarn" im Rahmen der EU sein werden. Damit kommt es zur Umkehrung einer zweihundert Jahre alten politischen Tradition, nach der Rußland Deutschlands Hauptpartner im Osten ist und das übrige "Zwischeneuropa" nur eine Funktion der hegemonialen Ansprüche Deutschlands und Rußlands sein kann.