Was ärgert uns eigentlich an der Theaterkritik, was ärgert uns denn so besonders daran? Unter den Kritikern gibt es, genau wie in jedem anderen Beruf, Dummköpfe und Genies und wie in den meisten Berufen mehr von den ersten. Trotzdem müßten wir Theatermacher uns ja eigentlich freuen, daß es überhaupt regelmäßige Theaterkritik gibt, auch in einer Zeit, wo das Theater ein bißchen traurig ist. Daß Kritiker meist besonders eitel sind, karrieresüchtig, schlechtes Deutsch schreiben und ungebildet sind, bedeutet nur, daß sie ähnlich wie andere Journalisten sind. Daß sie ihre manchmal recht große Macht oft mißbrauchen mit Verrissen wie mit Lobeshymnen, gehört zu den Berufsrisiken des Theaters. Immerhin gibt es mindestens so viele uninteressante Theatermacher, wie es schlechte Kritiker gibt. Aber noch einmal die Frage: Was ist denn besonders ärgerlich an der Theaterkritik? Es ist die Unbeweglichkeit.

Kenneth Tynan, sicherlich einer der bedeutendsten Theaterkritiker nach dem Zweiten Weltkrieg, behauptete, er schreibe seine Theaterkritiken für die Nachwelt. Außerdem schrieb er, daß eine Aufführung, die er kritisiert, wie ein Türschloß sei - entweder er findet schnell den Schlüssel, oder die Tür bleibt ihm für immer verschlossen. Damit wollte er übrigens nicht sagen, daß Theatermacher doch bitte Schlösser machen sollte, zu dem sein Schlüssel paßt. Aber manchmal denke ich, daß das der Wunsch vieler Theaterkritiker ist: Die Bühne möge doch Schlösser bauen, zu denen ein bestimmter Kritikerschlüssel paßt. Mit anderen Worten: Wenn sich Theater nach den Kritikern richtete, gäbe es lauter positive Kritiken und ein großartiges Theater ... Daß das nicht stimmt, kann jeder schnell erkennen. Kritiker kritisieren; schöpferisch sind sie nicht. Wenn sie das wären, würden sie - und auch dafür hat es schon Beispiele gegeben - selbst Theater machen. Ein Theater, das sich nach den Kritikern richtet, kann nur ganz schrecklich trocken und langweilig sein, wie ein Theater, das sich nach irgend etwas außer nach seinen eigenen Impulsen und nach seiner eigenen Phantasie richtet.

Aber diese Phantasie, wenn sie nicht modisch ist (oder sich nach dem Geschmack von Kritikern richtet!), ist ein sprunghaftes Wesen. Sie ist abhängig von Stück, Regisseur, Schauspielern, Bühnen- und Kostümbildnern, von dem Theater, in dem die Aufführung stattfindet, vom Wetter, von der Tagespolitik, von dem Essen in dem Hotel, in dem die Schöpfer, die Phantasten, möchte man fast sagen, wohnen. Abhängig vom Leben, mit anderen Worten. In den meisten Fällen ist die Phantasie des Autors oder des Regisseurs oder auch eines besonderen Darstellers ausschlaggebend, manchmal auch die Phantasie einer ganzen Gruppe.

Kritiker sollten auf der Lauer liegen - bereit fürs Unerwartete

Deswegen ist Theater auch so wunderbar vielfältig - weil es mit einem oder zwei Menschen ohne einen Pfennig Geld in jeder Ecke stattfinden kann. Und weil seine Qualität ausschließlich von der Qualität der Phantasie des Theatermachers abhängt. Das zu beschreiben in Worten in den begrenzten Zeilen einer Zeitung oder Zeitschrift ist eine fast unmögliche Aufgabe. (Als Schuljungen haben wir lange darüber diskutiert, was die Qualität von Beethoven ausmacht - wie beschreibt man die Qualität einer Musik?) Um ein wirkliches Urteil über eine Theateraufführung abzugeben, müßte man soviel über das Stück und seinen Hintergrund wissen - man brächte höchstens zwei Kritiken im Monat zustande.

Also ist der Kritiker oberflächlich? Ist seine Aufgabe eine oberflächliche? Wenn man Kritiken von Tynan, Henrichs, Hensel und vielen anderen liest - ein echtes Urteil über eine Kritik kann man ja eigentlich nur haben, wenn man die Aufführung selbst gesehen hat -, wird einem klar, daß sie nicht nur oberflächlich sind. Der Mangel an Zeit wird durch Intuition - auch eine Art von Phantasie, wenn auch nicht eine schöpferische - ersetzt. Auch durch Vergleiche, da die meisten Kritiker viele - zu viele? - Aufführungen sehen.

Also zurück zur Frage: Was ärgert einen - mich - denn so an Kritikern? Nicht unbedingt Oberflächlichkeit oder Bissigkeit oder Eitelkeit - sondern Unbeweglichkeit. Es ist richtig und wahrscheinlich notwendig für einen Künstler beim Theater oder anderswo, sich für eine gewisse Zeit in eine bestimmte Richtung zu bewegen, seiner Obsession zu folgen. Autoren, Maler, Komponisten und auch Theatermacher tun das, manchmal sehr erkennbar - Wilson, Marthaler, Strauß, Pinter, Brook -, manchmal weniger.