Was ist das für ein Land, in dem die Schriftstellerin Ruth Rendell alias Barbara Vine ihre mysteriösen Mordgeschichten ausspinnt, die sich nie auf diese Weise, mit diesen Charakteren in Deutschland abspielen könnten? Solche Geschichten gedeihen in Suffolk, dem Land am Meer im Osten Englands, dem Land aus Sand und Kies, Heide und Lehm, wo die Spukgeschichten von der White Lady umgehen, wo sich der Himmel an manchen Tagen schwer und melancholisch über Marschland und sanft geschwungene Hügel legt. Ausgedehnte Felder liegen hier, auf denen Weizen, Futtermais, Rüben wachsen. Schweine suhlen sich auf Weiden mit atemberaubendem Ausblick aufs Meer. Aber irgendwas ist nicht normal - irritiert und ungläubig stellt der Betrachter fest: Hier steht kein Hotel!

Auch Engländer halten Suffolk für eine der letzten unberührten Landschaften des Königreichs. Nur in dieser Gegend mag man glauben, daß ein Haus fünfundzwanzig Jahre leer steht und keiner kommt und plündert, wie Barbara Vine es in ihrem Roman "The Brimstone Wedding" ("Schwefelhochzeit") beschreibt.

Nur wenige große Straßen zerschneiden das Land. Die übrigen sind lediglich kleine Verbindungen zwischen den Orten. Ideal zum Fahrradfahren! Stundenlang, tagelang, wochenlang. Seit dem vergangenen Sommer ist die Gegend radtouristisch erschlossen, es gibt eine gut ausgeschilderte Route von Harwich bis Hull von insgesamt etwa 600 Kilometern; eine Teilstrecke führt durch Essex und Suffolk, von Colchester über Felixstowe an der Küste entlang und landeinwärts über Framlingham zurück nach Colchester, vergleichsweise bescheidene 250 Kilometer.

Winzige Straßen winden sich übers Land, verborgen und abgeschirmt wie Tunnels zwischen riesigen Hecken aus Weißdorn, Schlehen und Brombeeren. Fasane flattern ins Dickicht; am ersten Tag zähle ich gewissenhaft fünfzehn Stück, zwei Hasen und vier Eichhörnchen; aber schon am zweiten Tag genieße ich nur noch: Ausblicke durch Lücken in der Hecke, wenn sich flache Felder vor der Linie eines Hügels auftun, eine weite Perspektive mit hintereinander aufgefalteten leichten Höhenzügen, immer wieder Höfe und Gebüsch, kathedralenhaft aufragende Kirchtürme, die in jedem noch so kleinen Dorf aus der Wiese wachsen, und Bäume, starke Einzelgän ger, die zusammen mit den Hecken die Landschaft in einen Park verwandeln.

Ich radle durch John Constable's Country, und alles sieht genauso aus wie auf seinen Gemälden. Sogar seine hoffnungsvollen Nacheiferer mit ihren Staffeleien am River Stour bei Dedham sehen aus wie gemalt, Accessoires in einem Land, in dem scheint's alle der Devise folgen: Make it look beautiful.

Rosemary Bryce, herzliche Bäuerin und Bed-&-Breakfast-Wirtin auf der College-Farm bei Hintlesham, überläßt mir großzügig ihr Familienzimmer, bewirtet mich im sitting room mit Orangensaft und Keksen. Das Haus ist ein Puppenstubentraum in Altrosa aus der Tudorzeit, fünfhundert Jahre alt und rückwärts erheblich gebeugt unter der Last des Alters. Der Fußboden im Schlafzimmer vermittelt das Schiefe-Turm-von-Pisa-Gefühl, und im Bett muß ich mir zwei Kissen unter den Kopf stopfen, um dem Drall nach unten entgegenzuwirken. Meinen Morgentee nehme ich stilvoll im Bett, umgeben von Rosemary Bryce' Kissen und Vorhängen in Pfirsich und Aprikose, die einen enorm positiven Einfluß auf die gute Laune zu haben scheinen. Oder ist's der Tee? Oder das berühmte englische Frühstück mit Ei, Würstchen und Speck, das sämtliche Mahlzeiten des Tages abdeckt?

In Felixstowe, einem noch immer viktorianisch-altmodischen Seebad, lasse ich mich von der "Fähre" - einem winzigen Knatterboot, gerade lang genug fürs Fahrrad - über den River Orwell setzen, der mit der Flut gewaltig anschwillt. Dann wird's wieder einsam auf den Straßen. Ich höre kaum noch ein Auto, dafür aber um so mehr Natur: Vogelstimmen in allen Lagen. Und ich sehe Hecken, Felder, Bäume, sonst nichts.