Paris

Was bedeutet der Wahlsieg von Gerhard Schröder für uns Franzosen? Zunächst dieses: eine Überraschung und die Einsicht, daß es in Deutschland etwas anderes geben kann als Helmut Kohl. Wir hatten uns so an ihn und seine Durchsetzungsfähigkeit gewöhnt, daß kein Franzose glaubte, irgendwann eine neue politische Landschaft auf der anderen Seite des Rheins zu erleben. Wir waren dabei, zu glauben, daß es in Deutschland keine Alternative geben könne, daß dieses Land irgendwie das "Ende der Geschichte" erreicht hätte. Und wir waren letztlich ganz gut bedient mit einem Bundeskanzler, der immer ein gutes Gefühl gehabt hat für das, was Frankreich ist und sein will.

Mit Gerhard Schröder kommt etwas Neues auf uns zu. Was ist dieses neue Deutschland, diese "Berliner Republik", von der der künftige Bundeskanzler schwärmt? Ich habe zunächst den Eindruck, daß die Bundesrepublik sich nicht fundamental geändert hat. Mit dem Wort "Kontinuität" könnte man am besten die politische Richtung von Schröder zusammenfassen. Deutschland ist nicht plötzlich "rotgrün" geworden. Abgesehen von seinen ökologischen Beziehungspunkten unterscheidet sich die "neue Mitte" nicht fundamental von der "alten Mitte", die die CDU jahrelang verkörpert hat, und ich füge hinzu: Diese "sozialdemokratische" Mitte ist manchmal konservativer und besonders nationaler als die "christdemokratische".

Ich war ziemlich erstaunt, kürzlich auf einer Wahlkampfveranstaltung der SPD in Bayern zu hören, wie der Kanzlerkandidat Schröder seine politischen Ziele formulierte: Das Wort "selbstbewußt" kam sehr oft in seiner Rede vor: selbstbewußter sollte nach seiner Meinung nicht nur die Sozialdemokratie, sondern auch Deutschland sein. Es klang so, als sei Die selbstbewußte Nation, das Buch von den rechten Intellektuellen um Rainer Zitelmann, Schröders Bettlektüre gewesen.

Es fällt auf, daß der designierte Kulturminister Michael Naumann in einem Spiegel-Interview die "deutsche Selbstkasteiung" angeprangert hat. Soll die Wiedererrichtung des Hohenzollernschlosses in Berlin die neue Weltoffenheit und Multikulturalität der Berliner Republik dokumentieren? Für mich ganz gewiß nicht!

Wieso braucht Deutschland mehr Selbstbewußtsein oder weniger "Selbstkasteiung"? Für mich leidet dieses Land wirklich nicht unter Minderwertigkeitskomplexen. Ist Daimler-Benz nicht die selbstbewußteste industrielle Gruppe, die es in Europa gibt? Ist Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer nicht der selbstbewußteste Zentralbankier Europas? Sind die deutschen Medientycoons oder Versicherungsmanager nicht die selbstbewußtesten Unternehmer in Europa?

Natürlich muß Deutschland besser behandelt werden, wenn wir über den europäischen Haushalt reden. Natürlich müssen deutsche Beamte fair behandelt werden, sobald über die Verteilung von Posten in internationalen Organisationen gesprochen wird. Selbstverständlich gibt es ein Bedarf an Rücksichtnahme auf deutsche Interessen, wenn es darum geht, Europa nach Osten zu erweitern. Aber Schröder scheint manchmal zu vergessen, daß Deutschland nicht wie jedes Land in Europa agieren kann, allein schon wegen seiner Größe. Wenn deutsche Interessen und europäische Interessen nicht vereinbar sind, dann muß der Kompromiß gesucht werden, nicht der nationale Alleingang. Ich bemerke, daß es Joschka Fischer gewesen ist, der nach der Wahl vor der Presse sagte: "There ist no German Sonderweg", während Gerhard Schröder auf seiner ersten Pressekonferenz als designierter Kanzler meinte: "Ich bin hier, um deutsche Interessen zu vertreten. Wenn Sie damit nicht zufrieden sind, werden Sie damit leben müssen."