Vor einem Jahr noch hat Gerhard Schröder unverblümt gesagt, daß ein rotgrünes Bündnis in Bonn schon nach sechs Monaten auseinanderbrechen könnte. Die Bemerkung unterstreicht seinen Realitätssinn. Und sie deutet darauf hin, daß Deutschland eine Zeit der Unsicherheit bevorstehen könnte, die sich das Land und seine Nachbarn nicht leisten können.

Die Koalitionsverhandlungen werden wenig Zeit lassen, sich auf die Einführung des Euro und auf Deutschlands Präsidentschaft in der Europäischen Union Anfang 1999 vorzubereiten. Sie werden die Aufmerksamkeit von der Krise der Finanzmärkte ablenken und insbesondere von Rußland, wo Deutschland bisher bemerkenswert wenig Führung demonstrierte.

Gerhard Schröder ist ein vitaler, kompetenter Politikmacher - ein bißchen vom Schlage Helmut Schmidts. Ein Mann mit wachem Anwaltsverstand und beachtlichen politischen Erfolgsausweisen. Sein Problem ist, daß er weder seine Partei voll unter Kontrolle hat noch über Erfahrung auf der internationalen politischen Bühne verfügt. Aber auch Kohl war relativ unerfahren, als er vor 16 Jahren das Amt von Helmut Schmidt übernahm. Der Unterschied zu damals: Der neue Kanzler steht vor Aufgaben, die schwieriger sind als alles, was Kohl seinerzeit bevorstand.

Gerhard Schröder wird an mehreren Fronten kämpfen müssen. Die Grünen werden wirtschafts- und industriepolitische Forderungen stellen. Der linke Flügel der SPD wird mehr staatliche Eingriffe zur Schaffung von Arbeitsplätzen verlangen und, umgekehrt, die Deregulierung des Arbeitsmarktes zügeln wollen.

Die wichtigste Trumpfkarte der SPD ist ihre Fähigkeit, nun die dringend nötigen Steuer- und Rentenreformen durchsetzen zu können, die sie gegen Kohl über ihre Mehrheit im Bundesrat blockiert hat. Innerhalb der Sozialdemokratischen Partei könnten aber Differenzen zwischen dem linken und rechten Flügel, die während des Wahlkampfs verdeckt wurden, wieder aufbrechen. Die SPD wird deshalb einen Mittelkurs zwischen widersprüchlichen Prioritäten steuern müssen. Schröder muß rasch:

- die Steuerreform in die Wege leiten. Sie wird sich auf die Verbreiterung der Steuerbasis konzentrieren, um damit Kürzungen in der Körperschaftsteuer sowie Entlastungen für Niedrig- und Mittellohnempfänger zu finanzieren.

- Kohls Rentenkürzungen rückgängig machen und zugleich das Fundament für eine umfassendere Rentenreform legen.