Vielleicht bedurfte es des Blicks von außen, um über die Weltvergessenheit des deutschen Wahlkampfs zu staunen. John Vinocur, kritischer Deutschlandkenner und Reporter der International Herald Tribune, wunderte sich. Da wackelt Rußland, da taumelt Asien, die westliche Führungsmacht ist ohne Führung - und die Deutschen tun so, als berühre sie das alles kaum? Vinocurs Erklärung des Phänomens: Offenbar habe Helmut Kohl durch seine erfolgreiche Außenpolitik seine Landsleute so in Sicherheit gewiegt, daß sie die Turbulenzen um sich herum gar nicht mehr wahrnahmen.

Die Wahlkampfmanager der SPD haben dies richtig erkannt: Arbeitslosigkeit, Renten, Löhne standen im Mittelpunkt. Außenpolitik blieb für Gerhard Schröder vorerst eine Pflichtübung, der er sich mit der ihm eigenen Grazie des Common sense in Warschau, Straßburg und Washington entledigte. Seine stete Botschaft: Keine Experimente. Eine von ihm geführte Regierung werde die Außenpolitik Kohls fortsetzen, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Allenfalls im politischen Stil, deuteten er und seine Ratgeber an, werde sich etwas ändern; man werde selbstbewußter auftreten. Und hinter vorgehaltener Hand wurde den Verbündeten versichert, sie brauchten vor Rot-Grün keine Angst zu haben; einen Außenminister Fischer werde es unter Schröder nicht geben. Die Aussperrung eines der wenigen großen außenpolitischen Talente des Landes wurde gleichsam zum Beweis internationaler Verläßlichkeit.

Beispiel Bundeswehr: Hier ist Kontinuität keine Option

Nun haben die Wähler entschieden und der rotgrünen Koalition eine so stabile Mehrheit beschert, daß Joschka Fischer inzwischen doch noch als aussichtsreichster Kandidat für das Außenamt gehandelt wird. Aber damit ist die künftige Außenpolitik noch nicht formuliert. Und in keinem anderen Politikbereich belasten so viele schwere Brocken die Tagesordnung der neuen Regierung:

- Im ersten Halbjahr 1999 hat Bonn die Präsidentschaft in der Europäischen Union inne. Das wird diesmal keine Routineaufgabe. Vielmehr müssen in den wenigen Monaten vor der Neuwahl des Europäischen Parlaments die Pfeiler der künftigen Union gemauert werden: Osterweiterung, Finanzen und Institutionen.

- In dieselbe Zeit fällt der deutsche Vorsitz in der Euro-Mediterranen Partnerschaft. Auch das ist diesmal keine Routinesache. Vielmehr droht mit der wahrscheinlichen Ausrufung des Palästina-Staates im Mai 1999 eine neue Nahostkrise mit transatlantischen Verwerfungen, wenn die EU-Staaten unter deutschem Vorsitz, im Gegensatz zu Amerika, den neuen Staat anerkennen.

- Im Juni 1999 wird die neue Regierung das Gipfeltreffen der führenden Industriestaaten - G-7/8 - ausrichten. Unter normalen Umständen wäre dies kaum mehr als der übliche Medienzirkus. Angesichts des Unwetters auf den internationalen Finanzmärkten und der Gefahren für die Weltwirtschaft wird diesmal jedoch von den großen Sieben erwartet, daß sie Rettungsanker für die globale Stabilisierung auswerfen - und von dem Bonner Vorsitzenden, daß er rasch, lange schon vor dem Treffen, seine eigenen Vorstellungen zur Grundlage gemeinsamer Überlegungen macht.