Frauen in Schwarzweiß. Eine scheint aus dem Bild zu laufen, im einfachen Tweedmantel vor einem Berliner Gasometer. Andere vor leblosen Industriebauten, versonnen, ins Leere blickend auf einer Parkbank, zurückgelassen in einem Brautkleid, einsam in einem Plattenbauviertel, im Strickpullover inmitten einer kahlen Wohnung, im schlichten Kostüm auf einem Hinterhof in Bitterfeld.

Modefotografie aus drei Jahrzehnten DDR. Zusammengestellt vor allem aus dem Archiv von Sibylle, einer Frauenillustrierten, die jahrelang nur unter dem Ladentisch gehandelt wurde und die vielleicht auch wegen ihres Untertitels Zeitschrift für Mode und Kultur so begehrt war. Seit 1956 erschien sie in der DDR und rettete sich über die Wende bis ins Jahr 1995. Seitdem fehlen die Sibylle-Hefte an den Kiosken. Und mit ihnen die Arbeiten ihrer langjährigen Fotografen, ihre eindrucksvolle, schlichte Bildsprache. Ähnliches scheint zwischen all den anderen verbliebenen Magazinen und Illustrierten so völlig abhanden gekommen zu sein.

Dorothea Melis, jahrelang Moderedakteurin bei Sibylle, hat mit dem gerade erschienenen Bildband ein Stück Erinnerung an diese ungewöhnliche Frauenzeitschrift gerettet. Es ist ein Buch voller sinnlicher Alltagsgeschichten von einem für viele unbekannten Ort.

Denn diese Modefotos haben erst auf den dritten oder vierten Blick etwas mit Mode zu tun. Immer sieht man zuerst in die Gesichter, versucht, den Augen zu folgen, in ihnen zu lesen, den Hintergrund zu erahnen und die Geschichte zu hören, die das Bild erzählen will. Diese Bilder waren "Bekenntnisse zum Alltag", schreibt Dorothea Melis. An ihm allein wurde alles gemessen: die Mode, die Motive, die Wirkung der Fotomodelle. Kühnheiten waren nicht gestattet, Extravaganzen nicht gefordert. Das erste Modefoto von Arno Fischer, das 1962 veröffentlicht wurde, machte aus den Vorstellungen der Redakteure und Fotografen erstmals Realität: Die berufstätige, selbstbewußte, emanzipierte Frau wollte man zeigen, sich von alten Klischees trennen. Mode ins Verhältnis setzen zu den gesellschaftlichen Idealen. Das passierte zu einer Zeit, in der westliche Modejournale die modebewußte Gattin, Hausfrau und Mutter stilisierten, Zeit der Restauration in der Adenauer-Republik. Bei den Machern von Sibylle hinterließen solche Bilder vor allem Befremden.

Die "Puppenposen" habe man damals abgeschafft, sagt der Fotograf Arno Fischer. Geblieben sind die Bilder ganz normaler Frauen, bei der Arbeit, auf der Straße, mit ihren Kindern, auf Festen oder irgendwo am Ostseestrand - dort haben sie sich dann erholt. Dazu gehörten auch Versuche, Mode in tiefster Tristesse, im schmutzigen Bitterfeld zu fotografieren. Es sei doch darum gegangen, den Alltag zu bestehen, das Leben zu bewältigen, schreibt die Herausgeberin des Buches. Und niemand wollte mit Sibylle Bedürfnisse wecken, die nicht befriedigt werden konnten. Die Regale in den Kaufhäusern waren vollgestopft mit Kleidern, Mänteln, Pullovern, die niemand tragen wollte. Schnittmusterbögen waren die begehrtesten Seiten in den Frauenzeitschriften. Maßschneidereien hatten immer Hochkonjunktur - aber dann mangelte es doch wieder am passenden Stoff für das Traumkleid. In der "Jugendmode", den Boutiquen für jüngere Leute, hing immer nur die Mode von gestern. Und selbst als Ende der sechziger Jahre das Modeunternehmen Exquisit gegründete wurde, das die besten Gestalter des Landes beschäftigte und sich endlich auch an internationalen Maßstäben orientierte, blieben immer noch die meisten mit ihren Träumen zurück. Die Preise in diesen Läden vermochten selbst die sozialistische "Einheitsgesellschaft" zu spalten.

Und natürlich war auch eine Zeitschrift wie Sibylle ein bißchen heiterer, offener und optimistischer als das gewöhnliche Leben. Illusionen wurden dort verkauft, die waren sinnlich und leicht. Immer ging es darum, ein Lebensgefühl aus den Fotografien auf den Betrachter abstrahlen zu lassen. Die Kleider, Röcke oder Mäntel traten stets zurück hinter dem Ausdruck eines Gesichtes, einer leichten Traurigkeit in den Augen oder der Ausgelassenheit, die eine einzige Bewegung auslösen konnte. Schönheitsideale konnten kaum ausgemacht werden bei der Vielfältigkeit der Modelle. Natürlich und klug sollten die Frauen sein. Alles Mondäne und Damenhafte paßte nicht zu ihnen, die täglich zur Arbeit gingen und nach Feierabend noch Mutter und Hausfrau waren. Neunzig Prozent aller Frauen hielten dieser Doppelbelastung stand. Ganz selbstverständlich, wie es gerne propagiert wurde. Wieviel aber wahr ist am Bild der unabhängigen, selbstbewußten Frau, die zugleich schön war und weiblich, ihre Weiblichkeit aber nicht verkaufen mußte, und wieviel davon verlogen - damit setzt sich ein Text von Karin Hirdina in diesem Buch auseinander.

Sibylle sei frei von Parteipolitik gewesen, sagen einige der Fotografen, die dort gearbeitet haben. Das für die DDR einzigartige Konzept, Mode mit anspruchsvollen Beiträgen aus Kultur und Kunst zu verbinden, ließ wohl wirklich mehr Freiräume, als sie politischen Zeitungen und Zeitschriften eingeräumt wurden. Trotzdem unterlag auch Sibylle strengen, ja absurden Kontrollen. Zu kurze Röcke wurden länger retuschiert, nach unten hängende Mundwinkel zu einem Lächeln korrigiert, und der Fotograf Sven Marquardt mußte sich vor der Chefredakteurin verstecken, weil sein punkiges Outfit Grund genug gewesen wäre, ihm keine Aufträge mehr zu geben.