Fünf Menschen drängen sich in dem fensterlosen Zimmerchen: ein Gewerkschaftsaktivist, ein Pastor, zwei zaghafte Studentinnen und, über Fachliteratur gebeugt, der berühmte und beleibte Anthropologe Emmanuel Terray, ein Linker vor dem Herrn. Ein großer Emaillebecher mit klarem Wasser steht vor ihm und daneben eine Kiste Mineralwasser. Terray ist seit drei Wochen im Hungerstreik gegen den Innenminister. Demnächst, sagt er bedeutungsvoll, will auch Pierre Bourdieu vorbeischauen.

Terray fastet in der Abstellkammer einer reformierten Kirchengemeinde am Boulevard des Batignolles in Paris. Vor der Tür sitzen zwei oder drei Dutzend Menschen mit Wassergläsern: Türken, Chinesen, eine schlanke Afrikanerin, alle im Hungerstreik für eine eine ordentliche Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung. Ihr Antrag ist im Mai abgelehnt worden, wie 70 000 andere auch. Da hat die reformierte Kirche von Paris ihnen prompt Asyl geboten, und seither wandern sie von Kirchengemeinde zu Kirchengemeinde. Das protestantische Establishment ist auf ihrer Seite. Als nächstes kommt der hochbürgerliche Sprengel in der Rue Madame an die Reihe.

Widerstand gilt ihnen als soziale Tugend Die französischen Protestanten sind eine Minderheit, die den Widerstand als Gemeinschaftstugend pflegt. Das ist Erbgut aus der Zeit, als der protestantische Glauben in Frankreich verboten oder bloß geduldet war neben dem allgegenwärtigen Katholizismus. Soziologisch gesehen sind sie längst arriviert und integriert - überdurchschnittlich gut ausgebildet und wohlhabend, in den Vorstandsetagen und im Beamtenadel überproportional vertreten. Dennoch sind sie, ausgestattet mit einer Art moralischem Klassenkämpferreflex, bis weit in ihre eigene Elite hinein allzeit bereit, Wort zu ergreifen und Anliegen zu unterstützen, die sie für richtig halten. Die Unterstützung für die Hungerstreikenden am Boulevard des Batignolles ist bloß das jüngste Beispiel.

Politisch stehen die französischen Protestanten mehrheitlich links. Die linke Tageszeitung Libération hat ihre jüngste Krise nur dank einer Kapitalspritze von Jerome Seydoux, einem protestantischen Großunternehmer, überlebt. Bekennende Konservative in ihren eigenen Reihen wie der Pariser Pastor Serge Oberkampff sind rätselhafte Einzelerscheinungen, die es schwer haben in ihren Gemeinden: Oberkampff ist ein Neogaullist, der seine Überzeugungen mit lauter Stimme vertritt und seine Schäflein im großbürgerlichen Saint-Germain damit schon fast zur Verzweiflung gebracht hat.

Im Sommer 1997 beschäftigte sich eine Historikerquerele über mehrere Wochen mit der Frage, ob der Protestantismus möglicherweise am Ursprung der gesamten französischen Linken stünde. In wichtigen Anliegen decken sich die Vorstellungen von Linken und Protestanten in der Tat seit über hundert Jahren: Laizität, konfessionell ungebundene Schulbildung für alle, mehr Rechte für Frauen. Die Integration von Ausländern und anderen Minderheiten nach dem eigenen Beispiel, Hierarchieabbau und Dezentralisierung sind Projekte, die in der französischen Gesellschaft von Protestanten mit missionarischer Leidenschaft gefördert und zuweilen gegen eine linke Spielart des Autoritarismus durchgesetzt werden.

Die wohlhabenden Calvinisten waren ihrem Kasteninteresse zum Trotz mit den gesellschaftlichen Reformprojekten der Linken von Anfang an weitgehend einverstanden. Als 1988 der Sozialist Michel Rocard Ministerpräsident wurde - ein Protestant von außergewöhnlichem Format, der die intellektuellen Ansprüche der calvinistischen Elite spiegelt -, befanden sie sich in selten übertroffener Harmonie mit der Regierung. Das war schon ein Phänomen. "Die mehrheitlich katholische Bourgeoisie konnte es kaum fassen", sagt der protestantische Sozialhistoriker Eric Mansion-Rigau, "daß man gleichzeitig reich sein kann und links."

In sich ist die protestantische Gesellschaft freilich fein geschichtet. Obenauf die Clans der HSP (haute société protestante), ein paar tausend Menschen und ein paar Dutzend weitverzweigte und durch Heiraten miteinander verwandte Familien: Hottinguer, Peugeot, Seydoux, Hermès, Guerlain und dergleichen Bankiers- und Markennamen mehr. Unmittelbar darunter und teilweise mit ihr verwachsen die BSP, die bonne société protestante, die Beamten- und Pastorendynastie Cadier zum Beispiel oder die Industriellen- und Theologenfamilie Monod (1200 Familienmitglieder).