Kein Zweifel, seit dem Ölpreisschock vor 25 Jahren hat die Weltwirtschaft nicht mehr solch turbulente Zeiten erlebt. Als wären die Asienkrise, das Rußland-Desaster und Lateinamerikas Zitterpartie nicht beängstigend genug, brennt es nun auch in der Ersten Welt: Die rezessionsgeplagten Japaner erleben in diesen Tagen die teuerste Pleite ihrer Nachkriegsgeschichte - schlimmer noch, der Zusammenbruch der Finanzfirma Japan Leasing Corporation (26 Milliarden Mark Schulden) wird wohl kein spektakulärer Einzelfall bleiben. Und in den Vereinigten Staaten wäre um ein Haar der milliardenschwere Hedge Fonds LTCM kollabiert. Die Turbulenzen an der Wall Street veranlaßten gar die renommierte US-Investmentbank Goldman Sachs, ihren seit langem geplanten Börsengang zu verschieben.

Keine Frage, das internationale Finanzsystem droht aus den Fugen zu geraten. Auch wenn ein Vergleich mit 1929, der schlimmsten Weltwirtschaftskrise dieses Jahrhunderts, an der Realität vorbeigeht und daher nur unnötig Panik schürt, es gibt nichts zu verharmlosen. Industrie- und Schwellenländer müssen jetzt handeln. Nur, was können ihre Notenbanker und Finanzminister tun, wenn sie in diesen Tagen mit dem Hochadel der Finanzwelt in Washington zusammentreffen? Welche Impulse können von der Herbsttagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank ausgehen?

So gänzlich unterschiedlich die Ursachen der regionalen Finanzkrisen sein mögen, es gibt verblüffende Parallelen. Ob korrupter Tigerstaat, mafioses Rußland, verfilztes Japan oder regelarmes Amerika, in allen Fällen richteten undurchschaubare Finanzströme schwere Schäden an - weit über die eigenen Landesgrenzen hinaus. Der britische Premierminister Tony Blair, sein Land hat derzeit die Präsidentschaft der sieben führenden Industrienationen (G-7) inne, weist daher den richtigen Weg: Mehr Transparenz von Finanzgeschäften - vor allem in den emerging markets - sowie eine bessere Kooperation der nationalen Aufsichtsbehörden - besonders im Bankensektor - sind unerläßlich, auch wenn Blairs jüngste Vorschläge im Detail nicht gerade neu sind.

Offene Bücher und strengere Standards werden allein aber nicht ausreichen, um das globale Finanzsystem für das nächste Jahrzehnt sturmfest zu machen. Denn vor allem eins haben die vergangenen Jahre gezeigt: Heimische Regierungen und supranationale Kontrolleure haben kurzfristig orientierte Spekulanten geradezu ermutigt, Verluste zu sozialisieren. Sprudeln keine Gewinne mehr aus ihren erratischen - und volkswirtschaftlich bisweilen schädlichen - Transaktionen, erschallt prompt ein unverschämter Hilferuf, der oft genug Gehör findet: Wenn es an den Börsen abwärtsgeht, sollen die Notenbanken den Renditejägern mit niedrigeren Zinsen zu Hilfe eilen. Oder Geldjongleure und inkompetente Regierungen wollen von der Politik Hilfen, vornehmlich neue Kredite von IWF oder Weltbank.

IWF-Chef Michel Camdessus beklagt (ZEIT Nr. 40/98) zu Recht ein beliebtes Spiel der internationalen Politik, seine Organisation zum Prügelknaben zu degradieren. In einem Punkt trifft die Kritik jedoch ins Schwarze. Seit der IWF Mitte der neunziger Jahre ein Hilfspaket für Mexiko geschnürt hat, wähnen sich Gläubiger und Schuldner auf der sicheren Seite. In der Not, so lautet die Devise, werde der IWF schon mit frischem Geld einspringen. "Decade of Moral Hazard" bilanziert das Wall Street Journal, ein Jahrzehnt, in dem Sünder nicht für ihre Fehler einstehen müssen.

Die Diagnose trifft den Kern. Die Konsequenz kann nur heißen: Wer in riskanten Märkten agiert, muß die Suppe - wenn es schiefläuft - selbst wieder auslöffeln. Daher ist es richtig, daß der IWF im Fall Rußlands den Geldhahn zugedreht hat und auch die dort engagierten Banken und Anlagefonds bluten läßt.

So ehrenwert das Ziel ist, künftig vaterlandslosen Spekulanten und unfähigen Regierungen nicht mehr automatisch aus der Patsche zu helfen, in der Praxis hilft diese Einsicht allerdings häufig nicht weiter. Manche Übeltäter sind einfach "too big to fail", zu groß, um sie untergehen zu lassen. Die Folgen für Wachstum und Beschäftigung in der Welt wären zu verheerend.