Jetzt berappeln sie sich endlich: Monatelang hatten die deutschen Architekten geschwiegen, hatten tatenlos zugesehen, wie der deutsche Pavillon für die Expo 2000, dieses Renommierstück der Zunft, zum gesichtslosen Renditeobjekt verkam. Erst in dieser Woche konnten sich einige zum Protest entschließen und schrieben einen Brief an den Bundespräsidenten. Spät, doch nicht zu spät, mischen sie sich ein und wollen mitbestimmen, wie Deutschland sich darstellt, wenn die Welt, wie erhofft, nach Hannover kommt.

Im Moment bestimmt vor allem einer: Josef Wund. Er ist der Investor, baut den Pavillon und soll ihn betreiben, und seit kurzem ist er auch der Architekt. Zwar hatte die Expo einen internationalen Wettbewerb ausgeschrieben, und aus 316 Arbeiten waren die eindrücklichen Entwürfe des Stuttgarters Florian Nagler ausgewählt worden. Doch im August schmiß er hin, entnervt von der zähen Unentschiedenheit seines Bauherrn, gedemütigt von dessen Kontrollwut. So standen die Deutschen plötzlich ohne Pavillon da, und niemand wußte mehr, wie weiter. Wäre nicht Herr Wund gewesen.

Als hätte er Naglers Rücktritt bereits vorhergesehen, lieferte er binnen einer Woche seinen eigenen Entwurf - dankbar griff Birgit Breuel zu. Die Expo-Chefin hatte ja ohnehin schon genug Ärger, so war sie froh über die schnelle Lösung. Daß Wund ein Unbekannter ist, ein Architekt aus Friedrichshafen, der vor allem Industriehallen und Krankenhäuser erstellt, das störte Breuel nicht. Ebensowenig wie dessen flauer Entwurf.

Einen dreigeschossigen Glaspalast mit weit überkragendem Dach will Wund bauen, vom Steuerzahler mit 280 Millionen Mark unterstützt. Was der Investor als ein "Manifest deutscher Bau- und Ingenieurkunst zur Jahrtausendwende" anpreist, ist in Wahrheit eine wuchtige Banalität, aufgerüscht mit technischen Sperenzchen. Man fühlt sich erinnert an Autohäuser und Einkaufszentren, die sich modisch modernistisch geben und doch brav und bieder bleiben.

Warum also wird dieser Pavillon gebaut? Weil alle Fachkundigen längst mundtot sind, weil der Staat sich drückt vor der Verantwortung und weil viele fürchten, Investor Wund könnte sich zurückziehen, wenn man ihm den schönen Auftrag streitig macht. Jetzt bloß keine Konflikte mehr, sagt sich die Expo - und hatte mit dem Widerstand der Architekten nicht gerechnet. Diese spüren, daß da symbolhaft eine Ära ihren Abschied nimmt. Vorbei die Zeit, als man die Baumeister noch für Bühnenbildner eines besseren Lebens hielt. In der man ihnen zutraute, Formen für das eigene Selbstverständnis zu finden. Bislang war es immer wieder gelungen, mit den Expo-Pavillons ein Bild der Republik zu prägen - das Bild einer entschiedenen Moderne zum Beispiel, wie es Ludwig Mies van der Rohe vorschwebte, als er 1929 für Barcelona baute. Oder das Bild einer heiteren Gesellschaft, so wie es das Zeltdorf von Frei Otto und Rolf Gutbrod 1967 in Montreal zeigte.

Für andere Nationen ist auch Hannover wieder ein Anlaß, ihre besten Architekten zu schicken. Deutschland hingegen schickt Herrn Wund. Und wenn sein Pavillon überhaupt ein Bild abgibt, dann ist es das einer Gesellschaft, in der die Generalunternehmer und Totalübernehmer die Baubranche regieren.

Müssen wir uns also mutlos ins Expo-Schicksal fügen? Ist die Blamage unabwendbar? Noch könnten die obersten Verantwortlichen eingreifen - eine neue Bundesregierung und ihre Kulturpolitiker hätten die Chance des Neuanfangs und sollten sie nutzen, um einen Architekten zu beauftragen, dessen Namen man kennt und vertraut. Für kühne Neuentdeckungen, für Signale des Aufbruchs ist es zwar zu spät. Die böse Überraschung läßt sich aber noch abwenden.