Bonner Politik, das war für Stephan Balzer bislang pfälzische Beständigkeit. Oder der ewig gleiche Trott, wie man's sieht. "Ich bin ja auch ein ,Kohl-Kind'", sagt der 32jährige, "als ich das erste Mal wählen durfte, war Kohl längst an der Macht." Während der Oggersheimer in Bonn residierte, hat Balzer Abitur gemacht und studiert, ein paar Jahre beim Berliner Internet-Pionier Pixelpark gearbeitet - und, mit vier Kompagnons, die Hamburger Multimedia-Agentur Lava gegründet. Das ist gerade mal zweieinhalb Jahre her. Inzwischen haben die Jungunternehmer 21 Mitarbeiter, und Lavas Umsatz nähert sich zielstrebig der 5-Millionen-Grenze. VW, Veba und Toyota sind ihre Kunden; der Tagesschau wie auch der ZEIT hat Lava den Internet-Auftritt besorgt. Und hat, von Neuseeland über Korea bis zu den USA, interaktive Live-Shows organisiert. "Unser Geschäft ist jetzt schon global, wir konkurrieren mit internationalen Firmen", sagt Stephan Balzer mit berechtigtem Stolz.

Die neue deutsche Lage beobachtet der junge Unternehmer mit Spannung - und mit gemischten Gefühlen. "Das Wahlergebnis ist ein gutes Signal dafür, daß in den Reformstau endlich Bewegung kommt", sagt er. Aber: "Jetzt muß die SPD beweisen, daß sie wirklich eine moderne Partei ist." Und daß nicht einfach die CDU-Lockerungen im Arbeitsrecht - Stichwort: Lohnfortzahlung und Kündigungsschutz - zurückgedreht werden und dann alles beim uralten bleibt. Seine Hoffnung: daß sich Schröder eher an Blair als an Jospin orientiert.

Balzers Wunschliste für die neue Regierung: ein Abbau der Bürokratie, der Beamtenscharen und von unzeitgemäßen Subventionen; statt dessen die Förderung von Innovation und jungen Technologien und vor allem eine neue Bildungspolitik. "Die Unis sind unflexibel, haben aber auch wenig Geld und können deshalb keine Reformen durchsetzen." So herrsche in seiner Branche bereits echter Mangel an gut ausgebildeten Leuten: "Das ist hier schon jetzt ein Standortnachteil." Bei den Gehältern allerdings sieht der junge Chef sogar noch "Luft nach oben". Auch da wünscht er sich neue Modelle: zum Beispiel, nach amerikanischem Muster, die finanzielle Beteiligung der Mitarbeiter am Firmenerfolg.

Mit besonders scharfen Augen wird Balzer verfolgen, "was von Jost Stollmann übrigbleibt". Dem designierten Wirtschaftsminister und Vorzeigeunternehmer fühlt er sich verbunden. Ohnehin hofft der Jungunternehmer, daß die Politik in Zukunft ihren Elfenbeinturm verläßt und auch außen Rat holt: "Modelle, in denen Leute aus der Praxis beteiligt sind, fände ich extrem spannend. Das würde die Deutschland AG sicher nach vorne bringen." Ob er selbst auch bereit wäre, sich da zu engagieren? Oh, dazu habe er doch noch zuwenig Erfahrung, winkt Balzer ab und lacht: "Außerdem habe ich keine Zeit." Denn ein Jungunternehmer arbeite Tag und Nacht.