Vier Jahre Opposition auf Bewährung - so lautet das Wähler-Urteil über die Liberalen. Die FDP wäre gewiß nicht mehr im Bundestag vertreten, gäbe es nicht auch Bürger, die ungefähr so gedacht haben: An sich hat die Partei die Wiederwahl nicht verdient; aber ein für allemal auf eine liberale Partei im Parlament zu verzichten - dafür ist es noch zu früh. Deshalb: eine letzte Chance in der Opposition. Aber was heißt dabei "Bewährung"?

Die FDP hat seit 1961 - mit einer kurzen Unterbrechung zwischen 1966 und 1969 - im Bund mitregiert, einmal so, das andere Mal so. Dies addierte sich zu immerhin 34 Jahren netto. Sie war darüber zur bloßen Funktionspartei geworden: ohne sie ging halt nichts. Vier Jahre Opposition ohne die Chance, aus der Exekutive heraus eine Klientel mit Entscheidungen (oder deren Verhinderung) zu beglücken, vier Jahre auch ohne Patrona gemacht und anschließend einen Wahlkampf - das übersteht die FDP nur unter einer Bedingung: daß sie endlich wieder zur Überzeugungspartei wird.

Eine liberale Überzeugungspartei, die ihre Sitze im Parlament wert ist - das setzt voraus, daß sich die FDP aus ihrem Minderheitsdenken befreit. Gewiß, sie wird auch in Zukunft immer nur von einer Minderheit gewählt werden. Aber eine liberale Partei, die ihr Programm von vorneherein nur auf die Befriedigung (um nicht zu sagen: Begünstigung) einer kleinen Klientel ausrichtete (zuzüglich einiger Leihstimmen, eben der Funktion wegen), eine solche Partei grübe sich ihr eigenes Grab - in das sie spätestens fällt, wenn sie, verbannt in die Opposition, keine Macht mehr hat, noch irgend jemanden zu begünstigen.

Nein, eine liberale Überzeugungspartei müßte ein aufklärerisches, emanzipatorisches und radikaldemokratisches Programm auflegen, von dem eine Mehrheit der vernünftig und aufgeschlossen Denkenden, ohne Rücksicht auf ihre augenblickliche Partei- und Interessenbindung, nur sagen könnte: Die haben eigentlich recht!

Es gibt kein liberales Denken ohne universellen Anspruch. Gefordert ist also beides: Freisinn und Gemeinsinn. Eine liberale Partei hingegen, die nicht nur faktisch, sondern auch geistig um die Fünfprozentmarke kreist, könnte man wirklich vergessen.

Freisinn und Gemeinsinn - einige Beispiele für den universellen Anspruch:

Bildungspolitik: Nur der gebildete Bürger kann seine Chancen wahrnehmen, seine persönlichen, wirtschaftlichen und politischen. Und nur eine Gesellschaft hervorragend ausgebildeter Bürger kann sich im internationalen Wettbewerb behaupten. Die FDP müßte deshalb ein Konzept erarbeiten, das jedem begabten jungen Menschen, unabhängig von seiner Finanzlage, den Zugang zu höherer Bildung eröffnet und ein zügiges Studium ohne Job-Verzögerung ermöglicht. Soviel zum Freisinn. Der Gemeinsinn würde es verlangen, daß anschließend ans Studium jeder nach seinem Verdienst nachträglich zur Finanzierung seines Studiums beiträgt. Und Entscheidungsfreiheit wie Wettbewerb erfordern es, daß jeder Student seine (zur Not vorfinanzierten) Studiengebühren zu jener Hochschule tragen kann, die er für die beste hält.