Verklemmt im Kabuff
Die erste Biennale in Berlin lockt das grelle Leben in die Kunst - doch zu sehen ist vor allem Abklatsch
Der Trend geht zur Matratze. Wohl nie war eine Ausstellung so verkuschelt und gemütlich wie die jüngst eröffnete Biennale für Gegenwartskunst in Berlin. Überall haben die Künstler ihre Knuddelecken und Butzen aufgebaut, der Besucher plumpst in ein Bett mit dickem Plumeau, kriecht in Campingzelte und schaut sich einen Film an, oder er fläzt sich auf tiefen Fauteuils. Die Honey Suckle Company, eine mehrköpfige Spaß- und Kunsttruppe, hat für die Biennale sogar ihre Kinder- und Jugendzimmer geplündert und mitten in der Ausstellung eine zugekramte Wohngemeinschaft eröffnet. Unterhosen, gewaschen immerhin, baumeln von der Decke, Fallobst liegt herum, ein Teddybär, ein Skateboard, und aus allen Ecken brüllen Fernseher. Es riecht säuerlich, so als lebe hier tatsächlich jemand. Als hätten die Honey Suckles der Kunst alle Künstlichkeit ausgetrieben.
Auch der dadaistische Wuselkopf John Bock streut gerne Fährten, die auf etwas Echtes und Wahres hinlenken mögen. In gleich zwei Räumen der Biennale hat er sich hamstergleich eingegraben, indem er durch einen zweiten Fußboden die Zimmer auf halber Höhe in getrennte Sphären unterteilte. Unten hat sich Bock eingenistet zusammen mit mehreren Fudern Heu, und nur durch ein paar schmale Löcher taucht er manchmal hinauf an die Oberfläche. Dort hantiert er herum mit Niveacreme, Peperoni oder Legosteinen, baut kuriose Collagen und brabbelt vor sich hin. Allerdings sieht der Besucher von diesem abstrusen Lebensbild - halb Clownerie, halb Klapse - nur die Kulisse und ein paar Videosequenzen, die den Monolog dokumentieren. Vom Künstler nur die Spur.
Da erstarrt selbst der Medienhirbel Christoph Schlingensief zum banalen Ausstellungsstück. Über Monate hatte er mit seinem Wahlkampfzirkus die Republik bereist, verstört, amüsiert, verwirrt. Auf der Biennale hingegen langweilt er die Besucher - mit einem nachgebauten Wahlbüro, das vollgestopft ist mit T-Shirts, Transparenten und Zigarettenkippen. Aus dem Nachbarzimmer hört man Schlingensief, wie er eines seiner mäandernden Manifeste vorträgt. Doch es ist nur seine Stimme, nur Tonband. Und man wähnt sich plötzlich im historischen Kuriositätenkabinett.
Spontanes wird festgezurrt, die Ausstellung pflegt das Ritual
Dabei wollten die Kuratoren Klaus Biesenbach, Hans-Ulrich Obrist und Nancy Spector doch eigentlich den Aufbruch zeigen (ZEITNr17/98). Sie wollten die Kunst als eine offene Koje präsentieren, in der Platz ist für Design, Mode, Theater, Architektur - in der sich alle Vordenker des Ästhetischen wieder vorbehaltlos begegnen. Und Berlin sollte im Mittelpunkt dieser Ausstellung stehen, denn die drei waren fasziniert von der Bewegung in dieser Stadt, von den Verschiebungen, vom Unfertigen. Deshalb luden sie 70 internationale Künstler ein, die alle das Leben in Berlin kennen und die etwas von der Kraft dieser Stadt in die Biennale tragen sollten. Außerdem wählten die Kuratoren für ihre Ausstellung drei Orte des Übergangs, die alle noch die Patina gelebten Lebens tragen: die Ruine der Akademie der Künste am Pariser Platz, das Künstlerhaus Kunst-Werke und das ehemalige Postfuhramt. Letztere liegen mitten im umtriebigen Galerien- und Designviertel rund um die Auguststraße. Doch auch das nützte nichts: Die erhoffte Atmosphäre des Authentischen will sich nicht einstellen.
Vor allem liegt das an der Ausstellung selbst, die zwar eine sich öffnende Kunst propagiert, doch starr an alten Ritualen festhält: Ganz wie in den staatlichen Museen zahlt man hier erst einmal brav seinen Eintritt, bekommt ein Faltblatt in die Hand gedrückt, dann klappert man die einzelnen Räume ab, überall wachen Aufseher, und pünktlich um 20 Uhr wird geschlossen. Alles wie gewohnt, und kindgerechte Lockerungsübungen wie die Rutsche, mit der Carsten Höller in den Kunst-Werken die Etagen verbindet, die kennt man auch aus anderen Ausstellungen.
Damit sich dennoch das Neue ereigne, hatten die Organisatoren einen Kongreß einberufen, der drei Nächte tagte - den Congress 3000. Die weitgewölbten Hallen im Berliner Weltkulturenhaus hatte man in buntes Licht getaucht, ein paar Dias strahlten von den Wänden, dazu gab es viel Musik, eingespielt von renommierten Mischern. Hier und da auch eine Videoshow oder eine kleine Performance, ein paar Kurzlesungen wurden abgehalten. Vor allem aber gab es Gesprächsrunden. Staatstragend wurde die erste eröffnet, ein junger Mann sprach von der "kulturellen Hauptstadt", die wieder erwachen müsse, von Künstlern, die "um die Zukunft wettstreiten", und natürlich von dem neuen Jahrtausend, das gewiß eine neue Kunst hervorbringen werde.
Das Konzept, mit dem die drei jungen Kuratoren angetreten waren, darf man also als gescheitert bezeichnen - das üppige Budget von 2,5 Millionen Mark (davon 900000 aus dem Hauptstadtfonds) ist dennoch nicht ganz verpufft. Einige der Künstler zeigen durchaus Verblüffendes, so wie die Kunst- und Theatergruppe Gob Squad, der Skulpturenbauer Manfred Pernice oder die aus Boston stammende Sarah Sze. Die 29jährige läßt die Kunst wuchern: In der Akademie-Ruine hat sie aus Nachttischlampen, Streichhölzern, Zollstöcken, Ohrreinigern und viel Klebstoff ein wildes Geflecht zusammengefitzelt, das sich vom Boden bis hoch hinauf zur zerborstenen Glasdecke rankt. Sarah Sze nutzt jeden Mauerriß, jede Notausgangsleuchte, um sich festzusetzen. Und im kleinen geht sie bis aufs Äußerste, so als wollte sie mit der Belastbarkeit ihrer nichtigen Materialien auch den Überlebenswillen der Kunst vorführen - und deren Unvorhersehbarkeit.
Von dieser Lust am Verwegenen begegnet einem sonst leider nur wenig auf dieser Biennale. Vielleicht liegt das daran, daß Berlin ohnehin so scheckig und obsessiv ist, daß jeder Künstler, der sich mit eigenen Ideen einmischen will, oft ins Belanglose gerät. So schlägt der US-Künstler Sean Snyder vor, auf dem Fernsehturm am Alexanderplatz eine Agora einzurichten, einen frei zugänglichen Ort, an dem internationale Zeitungen ausliegen und man gratis im Internet herumsegeln kann. Eine schöne Idee, sicher, doch nicht so kühn, daß man sie samt Modell ausstellen müßte. Ebensowenig wie den Entwurf der holländischen Avantgardegruppe MVRDV für ein Hochhaus am Prenzlauer Berg, in dem viele Überlegungen und noch mehr Provokation stecken - das aber schon von 1989 stammt.
Überhaupt begegnen dem Besucher der Biennale viele alte Bekannte wie die Schweizer Videoqueen Pipilotti Rist, der deutsche Einrichtungsexperte Tobias Rehberger oder das Wiener Strickwunder Christine und Irene Hohenbüchler, das auch auf der documenta schon ausstellen durfte. Ein wenig verwunderlich ist das schon, hatten die Kuratoren doch von "ausgiebiger Recherche und zahllosen Atelierbesuchen" erzählt. Jetzt sieht es eher so aus, als hätten sie die Großausstellungen der jüngsten Zeit gründlich ausgewertet und seien anschließend durch die Aufsteigergalerien in Berlins Mitte gestreift. So traf man denn auch auf der Kunstmesse Art Forum, die ebenfalls in der vorigen Woche das Publikum anlockte, erstaunlich viele der Biennale-Künstler wieder - diesmal als Kaufobjekte.
Den Kuratoren nun ein geschicktes Marketing zu unterstellen wäre allerdings absurd. Schließlich zeigen sie nur das, was ohnehin gerade gut läuft, und daraus machen sie auch keinen Hehl. Gern wollen sie nur der neutrale Beobachter sein, sie meiden jede eigene Position - und beziehen sie natürlich dennoch, zum Beispiel wenn auf der Biennale nur fünf Künstler aus Osteuropa ausgestellt werden oder man nach einem traditionellen Tafelbild vergeblich sucht. Da akzeptieren die drei Jungmanager bereitwillig die Politik- und Trendgrenzen des jungen Kunstmarkts.
Dazu paßt auch der Katalog zur Ausstellung, der keiner sein will - ein Aufsatz wäre den Kuratoren offenbar zuviel der Festlegung und Einordnung. Man mag es lieber unverbindlich und hat deshalb eine Art Stadtführer zusammengestoppelt, der viel anreißt, was gute Laune verheißt, und nichts thematisiert, was kompliziert werden könnte. So ist die Modemacherin Jil Sander mit ihrem "wundervollen Laden am Kurfürstendamm" erwähnt, einen Eintrag "Hitler" oder "Wannseekonferenz" spart man lieber aus.
Die Kuratoren selbst sind immerhin diskret genug, um sich nicht selbst zum Stichwort zu stilisieren. Ihren Sponsoren und guten Freunde wie Harald Szeemann oder Alanna Heiss widmen sie hingegen gerne einen Eintrag in ihrem Lexikon. Und beweisen: Nicht nur Künstler, auch Kuratoren mögen´s mitunter gern verkuschelt.
Kunst-Werke, Akademie am Pariser Platz, Postfuhramt (Oranienburger Straße) bis zum 3. Januar 1999
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 1998
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