Mr. Paranoia

Die Bücher des amerikanischen Schriftstellers Don DeLillo sind voller Verschwörungstheorien. Sein neuer Roman "Unterwelt" ist in den USA ein Bestseller

ZEITmagazin: Herr DeLillo, Ihre Bücher sind voller bizarrer Theo-rien. Sie zeigen Ihren Lesern die Welt, wie sie sie noch nie gesehen haben. Junge Leser finden Sie ziemlich cool. Beeindruckt Sie das?

Don DeLillo: Es ist mir egal, was man von mir denkt. Mir fällt allerdings auf, daß immer mehr Leute mit mir reden wollen; seit der Veröffentlichung meines neuen Romans in den USA ist das noch schlimmer geworden. Zum Glück erkennt mich in New York niemand.

DeLillo: Vor gar nichts. Ich möchte mir nur ein wenig Anonymität bewahren. Fernsehen konsumiert die Dinge, die es zeigt. Es ersetzt die Realität.

ZM: Zu einer Ihrer seltenen Lesungen kamen vor kurzem in San Francisco fast tausend Zuschauer, die wünschten, daß Sie Ihr neues Buch Unterwelt erklären - einen Roman von mehr als 900 Seiten mit üppig wuchernder Handlung. Wo befindet sich diese Unterwelt?

DeLillo: In Graffiti-übersäten New Yorker U-Bahn-Tunnels, in einem geheimen Militärgelände in der Wüste und überall, wo nuklearer Abfall ist. Auch der Kellerraum, in dem meine Hauptfigur Nick Shay einen Freund erschießt, ist eine Unterwelt. Als mir einfiel, daß das Wort Plutonium von Pluto abgeleitet ist, dem Gott der Toten und Herrn der Unterwelt, wußte ich, welchen Titel ich dem Buch geben mußte. Die Atombombe spielt eine große Rolle in dem Buch. Es ist eine geheime Geschichte Amerikas im Kalten Krieg.

ZM: Der Roman beginnt mit dem berühmten Baseballspiel der New York Giants gegen die Brooklyn Dodgers am 3. Oktober 1951 und endet mit Explosionen von Atombomben. Was verbindet die Bombe mit dem Sport?

DeLillo: Die Macht der Geschichte. Ich stieß darauf in einer alten Ausgabe der New York Times. Ich suchte einen Artikel über das Spiel und fand daneben, gleich groß auf der Titelseite, einen Bericht über einen russischen Bombentest. Ich fühlte, daß das Spiel eines der letzten bejubelten Ereignisse war, das alle Amerikaner im Gedächt-nis behalten haben. Später prägten Katastrophen das öffentliche Bewußtsein.

DeLillo: Bobby Thomson von den New York Giants schlug darin einen Homerun und holte damit für seine Mannschaft den Sieg im Finale der Baseballsaison. Es war elektrisierend: Im Bruchteil einer Sekunde war alles vorbei, Geschichte gerann zu einem winzi-gen Augenblick. Ich habe Bobby Thomson vor kurzem getroffen, er ist 74 Jahre alt, und die Leute sprechen ihn immer noch darauf an. Sie wissen sogar noch, welche Kleidung sie trugen, als sie vom Ergebnis des Spiels erfuhren. Heute werden solche Ereignisse im Fernsehen immer wieder gezeigt, und wenige Stunden später hat sich ihre Kraft bereits erschöpft. Dieses Spiel aber ist in unser Gedächtnis eingebrannt wie das Foto der Pilzwolke.

ZM: Im Roman wird auch ein Film des russischen Regisseurs Sergej Eisenstein erwähnt, der dem Buch angeblich den Titel geliehen hat. Gab es den Film Unterwelt wirklich?

DeLillo: Nein, aber ich fühlte beim Schreiben, daß es auch eine russische Präsenz in dem Buch geben müsse. Fragen Sie mich nicht, warum. Es öffneten sich einfach immer mehr Unterwelten und drängten von alleine in das Buch.

ZM: Geschichte scheint für Sie nur ein Spiel zu sein. Der Leser weiß nie, was wahr ist und was falsch.

DeLillo: Ein Schriftsteller muß in der Lage sein, Lücken der Historie zu füllen. In meinem Roman Sieben Sekunden bringen Verschwörer John F. Kennedy um. Trotzdem glaube ich nicht, daß es wirklich so war.

ZM: Auch in Unterwelt spielt der Mord eine Rolle. Der Film, den ein Amateur während des Attentats drehte, wird darin bewundert wie ein Kultobjekt.

DeLillo: Viele Leute glauben, Technik könnte dunkle Stellen der Vergangenheit aufhellen. Eine private Firma hat gerade die Rechte an den Aufnahmen gekauft, und Experten haben die Lochstreifen am Rand untersucht, ob sie Spuren von Informationen enthalten.

ZM: Gibt es auch einen Film über das Baseballspiel vom 3. Oktober 1951?

DeLillo: Nur einen Nachrichtenfilm in grobem Schwarzweiß, das verleiht ihm etwas Kostbares. Er ist nicht so häufig gezeigt worden wie Filme heute. Sie sind deshalb viel vergänglicher. In unse- rer Kultur dreht sich alles um Konsum, und eine Sekunde spä- ter ist alles Müll. Das ist vielleicht der Grund, warum sich so viele Schriftsteller heute mit der Vergangenheit beschäftigen. Die Gegenwart ist zu flüchtig.

DeLillo: Ich spüre solche Dinge, in meine Bücher fließen sie durch die Charaktere ein. Ich hoffe, ich klinge dann nicht zu akademisch.

ZM: Vielleicht können Sie noch einen Satz erläutern: "Alle Technik bezieht sich auf die Bombe", haben Sie einmal gesagt.

DeLillo: Damit meine ich, daß die Bombe und die enorme Kraft, die man mit ihr verbindet, der spirituelle Gott der Technik ist. In Unterwelt gibt es eine Szene, in der Haushaltsgegenstände aus den fünfziger Jahren beschrieben werden, die die Zeit überdauert haben, mit völlig vergilbten Etiketten. Man spürt, von diesen unschuldigen Objekten geht eine Gefahr aus. In unserer Welt scheint alles eine Beziehung zur Bombe zu haben. Es gibt eine Metaphysik der Technik, die ich erst langsam zu verstehen beginne.

ZM: Bei einem Ihrer Vorträge sagte vor kurzem ein Zuschauer, er lese Unterwelt wie ein Geschichtsbuch. Ist das nicht gefährlich?

DeLillo: Man kann das Buch als Kulturgeschichte benutzen. Ich habe Straßenslangs der fünfziger und sechziger Jahre verwendet, die schon lange keiner mehr spricht, auch den Rhythmus des italienisch-amerikanischen Singsangs meiner Familie, mit der ich im New Yorker Stadtteil Bronx lebte.

ZM: Besonders heftig diskutieren Leser Ihre vielen Verschwörungstheorien. In Unterwelt behaupten Sie, die U.S. Army habe Soldaten ohne ihr Wissen für Forschungszwecke radioaktiver Strahlung ausgesetzt, und irgendwo in der Wüste betreibe der Staat Trainingscamps für Menschen mit paranormalen Fähigkeiten. Fürchten Sie nicht, daß die Leute das für Tatsachen halten?

DeLillo: Das fände ich völlig in Ordnung. Leser können mit fiktiven Werken anstellen, was sie wollen. Außerdem ist es tatsächlich wahr. Die U.S. Army hat Unter- suchungen an verstrahlten Soldaten durchgeführt. Und ich glau- be, daß das Verteidigungsmini- sterium Versuche mit Menschen macht, die übersinnliche Fähig-keiten haben.

ZM: "Geschichte ist die Summe all der Dinge, die sie uns nicht sagen", schreiben Sie in Sieben Sekunden. Das klingt paranoid.

DeLillo: Viele ganz normale Leute glauben das. Jede Regierung hält eine Menge vor ihren Bürgern geheim. Das Kennedy-Attentat enthüllte merkwürdige Verbindungen, von denen man nicht einmal zu träumen gewagt hätte, das hat viele Bürger mißtrauisch gemacht. Seit 1963 ist Paranoia ein Teil der amerikanischen Psyche. Zwischendurch hat sie etwas nachgelassen, heute ist sie wieder sehr stark. Eine Quelle ist das Internet - Technik ist immer verdächtig.

ZM: Jetzt hören Sie sich an wie einer dieser Spinner aus der Science-fiction-Serie Akte X .

DeLillo: Ich benutze nur die kulturellen Strömungen, die mich umgeben. Und es ist unmöglich, einen Roman über Amerika im Kalten Krieg zu schreiben ohne ein Element von Paranoia und Verschwörung. Im Süden der USA verbar- rikadieren sich Milizen, weil sie fürchten, UN-Truppen würden die Macht im Land übernehmen. Sektenanhänger begehen kollektiv Selbstmord, weil sie glauben, ein Komet würde kommen und ihre Seelen holen. Wir Schriftsteller denken uns das nicht aus. Es passiert einfach.

ZM: In Unterwelt beschreiben Sie Läden, in denen man tiefgefrorenen Müll von Prominenten kaufen kann. Ist das Ihre Vision von Amerika im nächsten Jahrtausend?

DeLillo: Ich glaube, es ist nur eine logische Fortsetzung von Kräften, die in dieser Kultur wirken. Ich habe mir auch ein Geshäft ausgedacht, das Mitschnitte von illegal aufgenommenen Telefongesprächen anbietet. So etwas bekommt man bereits im Internet

ZM: Woran arbeiten Sie gerade?

deLillo: An einem Theaterstück.

ZM: Bestimmt handelt es von Bill Clinton und Monica Lewinsky - und der Verschörung, die zum Rücktritt des Präsidenten führt.

deLillo: Dazu sage ich nichts. Mich rufen ständig Zeitungen an, die meine Meinung wissen wollen zu solchen Dingen. Ich gebe ihnen keine Antwort. Ich bin kein Experte für die Wirklichkeit.

Don DeLillo: "Unterwelt": Kiepenheur & Witsch. Köln 1998; 54 Mark

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