Wilhelms seltsamer Kreuzzug

Vor hundert Jahren traf der deutsche Kaiser den Zionisten Theodor Herzlim Wüstensand. Der Antisemit Wilhelm II. schien bereit, sich für einenjüdischen Staat in Palästina stark zu machen. Sein Biograph John C. G. Röhlschildert eine Begegnung, die das Schicksal der europäischen Juden hättewenden können

Kaum ein Ereignis des bewegten Jahres 1898 erschien den Zeitgenossen so schicksalsschwanger wie die Reise von Wilhelm II. ins Heilige Land. Bismarck war fassungslos, als er vom Vorhaben des Monarchen erfuhr, und rief aus: "Meine Trompete ist durchschossen." Frank Wedekind und Th. Th. Heine wurden zu Freiheitsstrafen verurteilt, weil sie im Simplicissimus den kaiserlichen Kreuzritter verspottet hatten. Der Herausgeber der satirischen Zeitschrift, Albert Langen, wurde gezwungen, außer Landes zu gehen. Groß war freilich die Verblüffung deutscher Juden, als die Absicht Wilhelms II. durchsickerte, sich in Jerusalem mit Theodor Herzl, dem Leiter der zionistischen Bewegung und dem geistigen Vater des heutigen Staates Israel, zu treffen. "Aber ist es nicht eine köstliche Ironie der Mächte, daß der Padischah an demselbigen Tage zu Kreuze kriechen muß, an dem sein Protektor Einzug hält?" fragte Walther Rathenau seinen Briefpartner Maximilian Harden ungläubig.

Der heutige Beobachter, der die Begegnung des Imperators mit dem Zionistenführer fast zwangsläufig durch die dunkle Brille des Holocaust betrachten muß, könnte sich zu der Frage veranlaßt fühlen, ob es sich dabei nicht um einen äußerst geschmacklosen Scherz der Weltgeschichte handelte. Denn war nicht Herzl angesichts der in Europa grassierenden Seuche des Antisemitismus von einer Vorahnung des drohenden Unheils beseelt? Und war nicht seine Hoffnung bei der Unterredung mit dem Kaiser, diesen für das geradezu atemberaubende Projekt eines deutschen Protektorats über einen jüdischen Staat in Palästina zu gewinnen? Wie anders hätte der Verlauf der Geschichte in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts ausgesehen, wenn Herzls "Rettungsaktion" 1898 verwirklicht worden wäre, wenn es eine sichere Heimstätte für die unterdrückten Juden Europas gegeben hätte. Wenn Tausende der ärmeren Juden aus den Ländern, in denen sie nicht mehr willkommen waren, hätten fliehen können. Wenn ein jüdischer Staat existiert hätte, der sich auf internationaler Bühne gegen Unrecht und Verfolgung hätte wehren können. Und wenn es eine deutsch-jüdische Kolonie im Nahen Osten gegeben hätte, auf die deutsche Imperialisten mit Stolz hätten blicken können!

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"Ich werde sagen: Lassen Sie uns ziehen" Solch kontrafaktische Spekulation macht schwindelig, und es ist wohl ratsam, sich auf den Boden der historisch feststellbaren Tatsachen zurückzubegeben. Was wollten Theodor Herzl und Kaiser Wilhelm II., und wie kam es zu einem ersten Vorgespräch der beiden Männer in Konstantinopel am 18. Oktober 1898, zu dem Wiedersehen am Straßenrand vor Jaffa elf Tage später und schließlich zu ihrer denkwürdigen Begegnung im kaiserlichen Zelt vor den Mauern Jerusalems am 2. November? Unsere Aufmerksamkeit wird sich besonders auf die Gründe dieses Fehlschlags richten müssen, denn nur dadurch werden wir die Antwort auf die Frage erhalten, warum im Jahre 1898 die Weltgeschichte scheinbar an einem Wendepunkt angelangt war, ohne sich dann zu wenden.

Herzls Absicht, einen Appell an Wilhelm II. zu richten, war so alt wie sein Zionismus überhaupt. Im Juni 1895, kurz bevor er den Entwurf zu seinem einflußreichen Buch Der Judenstaat niederschrieb, erklärte er: "Ich werde zum Deutschen Kaiser gehen; und der wird mich verstehen, denn er ist dazu erzogen, große Dinge zu beurteilen. Dem Deutschen Kaiser werde ich sagen: Lassen Sie uns ziehen." Obwohl ihm klar war, daß ein mit Deutschlands Hilfe ins Leben gerufener jüdischer Staat "die wucherischten Zinsen" würde bezahlen müssen, bevorzugte Herzl stets den deutschen Weg zur Verwirklichung seiner weitreichenden Pläne. Er wollte in Palästina eine aristokratische jüdische Republik gründen, für die das Bismarck-Reich Modell stehen sollte.

"Unter dem Protektorat dieses starken, großen, sittlichen, prachtvoll verwalteten, stramm organisierten Deutschland zu stehen, kann nur die heilsamsten Wirkungen für den jüdischen Volkscharakter haben", schrieb er am 8. Oktober 1898 in sein Tagebuch. "Mit einem Schlag", fuhr er fort, "kämen wir zu vollkommen geordneten inneren und äußeren Rechtszuständen." Und auch die Deutschen würden aus dem Bündnis Gewinn erzielen, denn "durch den Zionismus wird es den Juden wieder möglich werden, dieses Deutschland zu lieben, an dem ja trotz allem unser Herz hing!"

Freilich, es war eine Sache, an den Kaiser appellieren zu wollen, eine ganz andere, den Monarchen zu einer Audienz zu bewegen. Die beiden Männer sahen sich erstmals im April 1896, als Wilhelm Wien besuchte und Herzl sich eiligst eine Opernkarte besorgte, um den obersten Kriegsherrn aus der Nähe beobachten zu können. Es war William H. Hechler, der exzentrische deutsch-britische Kaplan an der englischen Botschaft in Wien, der Herzl den Weg an den kaiserlichen Hof ebnete. Er schickte dem Großherzog von Baden, dem Onkel des Kaisers, drei Exemplare des Judenstaats und brachte den badischen Monarchen dazu, Herzl am 22. April 1896 in Karlsruhe zu empfangen. Mit der Zeit entpuppte sich Großherzog Friedrich als wohlwollender, wenn auch zaghafter Gönner der Zionisten.

Wilhelm II. hatte bislang zwar wenig Interesse am Zionismus gezeigt, er war dennoch mit der zentralen Idee dieser neuen Bewegung vertraut und äußerte sich gelegentlich - wenn auch spöttisch - zustimmend dazu. Im Mai 1891, als er von den amerikanisch-russischen Verhandlungen erfuhr, in denen es um Landerwerb in Argentinien für die verfolgten Juden Rußlands ging, bemerkte er: "Ach, wenn wir unsere doch auch dahin schicken könnten." Als der Großherzog und Hechler 1896 bei einem Besuch in Karlsruhe den Versuch unternahmen, Wilhelms Aufmerksamkeit auf die Ideen Herzls zu lenken, rief der Kaiser dem Gast seines Onkels lachend zu: "Hechler, ich höre, Sie wollen Minister des jüdischen Staates werden." Ein Jahr später, bei der Lektüre eines Berichtes über den ersten Zionistenkongreß, schrieb Wilhelm II. an den Rand: "Ich bin sehr dafür, daß die Mauschels nach Palästina gehen, je eher sie dorthin abrücken, desto besser. Ich werde ihnen keine Schwierigkeiten in den Weg legen." Das antisemitische Gekritzel des allerhöchsten Herrn verdeutlicht immerhin, daß es zwischen Herzl und dem Kaiser gemeinsamen Boden gab. Wie der Zionistenführer bereits 1895 notiert hatte: "Die Antisemiten werden unsere verläßlichsten Freunde." Als Herzl auf Anraten des Großherzogs den Kaiser brieflich um eine Audienz bat, erhielt er zur Antwort, der Monarch könne ihn nicht empfangen, er bäte aber um einen schriftlichen Bericht über den Zionistenkongreß. Am 1. Dezember 1897 schickte Herzl dem Kaiser seine Broschüre Der Baseler Kongress zu. Der erste Kontakt war hergestellt.

Nicht nur Herzl bemühte sich um Wilhelm. Auch der Einfluß Hechlers, des Großherzogs von Baden und des Grafen Philipp zu Eulenburg, des Botschafters Deutschlands in Wien, sorgten im Herbst 1898 dafür, daß der Kaiser dem zionistischen Traum für kurze Zeit mehr Sympathie entgegenbrachte. Hechler war plötzlich von der Überzeugung durchdrungen, daß die Bundeslade, gefüllt mit den eigenhändig von Gott geschriebenen zehn Geboten und dem Originalmanuskript des von Moses verfaßten ersten Teils des Alten Testaments, ihrer Entdeckung auf dem Nebo-Berg im Ostjordanland harrte. Kaiser Wilhelm sollte den Sultan dazu überreden, ihm das Heilige Land mit Transjordanien abzutreten, drängte der Geistliche, um somit der Welt endlich zu beweisen, daß Gott und Moses diese jüdisch-christlichen Urtexte höchstpersönlich verfaßt hätten.

Am 28. Juli 1898 schrieb Großherzog Friedrich nach wiederholten Bitten Hechlers und Herzls endlich an seinen kaiserlichen Neffen. Sein Brief kann allerdings schwerlich als ein überzeugtes Plädoyer für den Zionismus ausgelegt werden. An keiner Stelle schlug er vor, Wilhelm solle Herzl empfangen. Obwohl er Material über die zionistische Bewegung beilegte, befaßte sich sein Brief hauptsächlich mit der "Entdeckung" Hechlers des Aufbewahrungsortes der Bundeslade. Der Großherzog drängte den Kaiser, auf seiner bevorstehenden Orientreise den Sultan Abdulhamid II. dazu zu bringen, ihm das in Frage stehende Gebiet abzutreten, freilich ohne den wahren Grund dieser Bitte, die Bundeslade, preiszugeben.

Die Anwort des Kaisers fiel zurückhaltend aus: Das eingesandte zionistische Material werde er an Philipp Eulenburg weiterleiten, der ihm einen mündlichen Bericht darüber erstatten würde. Trotzdem überstürzten sich nunmehr die Ereignisse. Am 2. September 1898, unmittelbar nach dem zweiten Zionistenkongreß in Basel, wurden Hechler und Herzl vom Großherzog zu einer zweistündigen Audienz auf der Insel Mainau empfangen. Der Zionistenführer war durch die "grandiose" Bereitschaft des Großherzogs verblüfft, mit ihm die "geheimsten deutschen politischen Angelegenheiten und ... die Absichten des Kaisers" zu besprechen. Vom deutschen Botschafter in Konstantinopel, dem Badener Freiherrn Marschall von Bieberstein, habe der Großherzog erfahren, daß der Sultan der zionistischen Frage wohlwollend gegenüberstehe. Infolge der deutschen Unterstützung der Türkei in der jüngsten Kretakrise genieße der Kaiser das uneingeschränkte Vertrauen Abdulhamids, fuhr Friedrich fort, und der deutsche Einfluß am Bosporus sei somit augenblicklich grenzenlos. "Wenn unser Kaiser dem Sultan gegenüber ein Wort fallen läßt, so wird man sich sicherlich danach richten", urteilte er. Der Großherzog enthüllte ferner, daß der Kaiser an der Bundeslade, deren Auffinden eine Weltsensation sein würde, ein ausgesprochenes Interesse bekundet hatte. Friedrich fragte Herzl, ob er die Absicht habe, in Palästina einen Staat zu gründen, und riet ihm, des Sultans Oberhoheit vorläufig anzuerkennen; eine Generation später könne man dann weitersehen. Er mahnte Herzl jedoch zu Geduld. Die übrigen Mächte seien den deutschen Absichten in Palästina gegenüber plötzlich mißtrauisch geworden, und Herzl würde das Feuer nur schüren, wenn er auf eine Audienz mit dem Kaiser dränge.

"Ein Element deutscher Kultur" fürs Mittelmeer Am 8. September wandte sich Herzl in einem Brief an Eulenburg. Er sei gewillt, dem Botschafter nähere Informationen über die Bewegung zukommen zu lassen, schrieb er und betonte, daß er noch vor der Palästinareise den Kaiser sprechen müsse. Da sich dieser am 17. September zur Beisetzung der ermordeten Kaiserin Elisabeth in Wien aufhalten werde, hoffe er dort auf eine Audienz. Die Begegnung Herzls mit dem Kaiserfreund fand am 16. September in der deutschen Botschaft statt. Als er seine Pläne vor ihm ausbreitete, war Eulenburg "sichtlich fasziniert". Vor allem beeindruckte Eulenburg die Andeutung Herzls, daß sich die Zionisten an England wenden müßten, wenn die deutsche Unterstützung ausbleiben sollte. Eindringlich schlug der Botschafter ein Treffen mit seinem Freund Bernhard von Bülow, dem Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, vor, der mit dem Kaiser nach Wien kommen werde.

Im Anschluß an eine nichtssagende Unterredung mit Bülow fuhr Herzl nach Paris, Amsterdam und London, ohne den Kaiser getroffen zu haben. Von der französischen Hauptstadt aus schrieb er Eulenburg einen Brief, in dem er seine Hauptargumente nochmals zusammenfaßte. Er hob hervor, daß mit der Gründung einer jüdischen Heimstätte in Palästina "ein Element von deutscher Kultur" ans östliche Ufer des Mittelmeers käme; daß ein "geordneter Abfluß" des jüdischen Proletariats der sozialistischen Bewegung in Europa den Wind aus den Segeln nehmen würde; und daß mit dem damit einsetzenden Rückgang antisemitischer Agitation wohlhabende Juden gern in ihren jetzigen Ländern verbleiben würden. Für das türkische Reich bedeute der "Zufluß eines intelligenten, wirtschaftlich energischen Volkselements" zudem eine Kräftigung. Frankreich befände sich auf dem Höhepunkt der Dreyfuskrise in Aufruhr und sei nicht in der Lage, sich einem deutschen Vorstoß zu widersetzen. Mit verstärkter Dringlichkeit bat Herzl Botschafter Eulenburg erneut um eine Audienz bei dem Kaiser noch vor dessen Abreise nach Konstantinopel. "Ein Wort des Kaisers kann die größten Folgen zur Gestaltung der Situation im Orient bewirken. Seine Reise in das Heilige Land kann die Bedeutung einer Geschichtswende im Orient erlangen, wenn die Rückkehr der Juden eingeleitet wird", insistierte er.

Wilhelm über die Juden: Liebe deine Feinde Eulenburg, der auf dem kaiserlichen Jagdschloß in Rominten weilte, benutzte Herzls Brief in seinen Gesprächen mit Wilhelm offenbar als Gedankenstütze. Klar ist jedenfalls, daß der Monarch, wenngleich in seinem eigenen unnachahmlichen Stil, Herzls Argumente in dem Brief an den Großherzog von Baden aufnahm, den er am 29. September 1898 eigenhändig verfaßte. Zunächst dankte er seinem Onkel für die Zusendung des Materials über den Zionismus, das er zusammen mit Eulenburg durchgearbeitet hatte. "Das Ergebnis meiner Untersuchungen ist nun Folgendes: ... Der Grundgedanke [der Bewegung] hatte mich stets interessirt, ja sogar sympathisch berührt. Durch das Studium Deiner gnädigen Zusendungen bin ich nun doch zu der Ueberzeugung gekommen, daß wir es hier mit einer Frage von der allerweitgehendsten Bedeutung zu thun haben. Ich habe daher in vorsichtiger Weise mit den Förderern dieser Idee Fühlung nehmen lassen und dabei konstatiren können, daß die Uebersiedelung der dazu bereiten Israeliten ins Land Palästina in hervorragender Weise vorbereitet und sogar finanziell in jeder Hinsicht völlig fundirt ist. Ich habe daher auf eine Anfrage seitens der Zionisten, ob ich eine Abordnung von ihnen in Audienz empfangen wolle, erwidern lassen, ich sei gern bereit eine Deputation in Jerusalem zu empfangen anläßlich unserer Anwesenheit dortselbst." Er sei der Überzeugung, fuhr der Kaiser fort, "daß die Besiedelung des Heiligen Landes durch das kapitalkräftige und fleißige Volk Israel dem ersteren bald zu ungeahnter Blüthe und Segen gereichen wird" - und somit auch zu einer bedeutenden wirtschaftlichen Wiederbelebung der Türkei. "Dann wird der Türke wieder gesund, d. h. kriegt er auf natürliche Weise ohne zu pumpen Geld, dann ist er nicht mehr krank, baut sich seine Chausseen und Eisenbahnen selbst ohne fremde Gesellschaften und dann kann er nicht so leicht aufgetheilt werden. Q. e. d.! Zudem würde die Energie, Schaffenskraft und Leistungsfähigkeit vom Stamme Sem auf würdigere Ziele als auf Aussaugen der Christen abgelenkt, und mancher die Opposition schürender, der Soz. Dem. anhängender Semit wird nach Osten abziehen wo sich lohnendere Arbeit zeigt ... Nun weiß ich wohl, daß neun-zehntel aller Deutschen mit Entsetzen mich meiden werden, wenn sie in späterer Zeit erfahren sollten, daß ich mit den Zionisten sympathisire oder gar eventl: wie ich es auch - wenn von ihnen angerufen - thun würde, sie unter meinen Schutz stellen würde!" Aber Wilhelm hatte seine Entgegnung bereit: "Daß die Juden den Heiland umgebracht, das weiß der liebe Gott noch besser wie wir, und er hat sie demgemäß bestraft. Aber weder die Antisemiten, noch Andere noch ich sind von Ihm beauftragt und bevollmächtigt diese Leute nun auch auf unsere Manier zu kujoniren in Majorem Dei Gloriam!"

Wilhelm erinnerte daran, daß man seine Feinde lieben solle. Und außerdem sei es "vom weltlichen, realpolitischen Standpunkt aus nicht außer acht zu lassen, daß bei der gewaltigen Macht, die das Internationale jüdische Kapital nun einmal in aller seiner Gefährlichkeit repräsentirt, es doch für Deutschland eine ungeheure Errungenschaft wäre, wenn die Welt der Hebräer mit Dank zu ihm aufblickt?! Ueberall erhebt die Hydra des rohesten, scheußlichsten Antisemitismus ihr greuliches Haupt, and angsterfüllt blicken die Juden - bereit die Länder wo ihnen Gefahr droht zu verlassen - nach einem Schützer! Nun wohlan die ins Heilige Land zurückgekehrten sollen sich Schutzes und Sicherheit erfreuen und beim Sultan werde ich für sie interzediren."

Wie man gut verstehen kann, war Herzl förmlich überwältigt, als er am 1. Oktober in Amsterdam durch einen Brief von Eulenburg erfuhr, daß der Kaiser bereit sei, das Protektorat über den jüdischen Staat zu übernehmen. Wilhelm habe "volles und tiefes Verständnis" für die Bewegung gezeigt und sei gewillt, in "dringender Weise" beim Sultan für seine Ziele einzutreten. Der Monarch wolle Herzl nicht vor seiner Abfahrt nach Konstantinopel treffen, da man ein solches Treffen nicht geheimhalten könne, aber er freue sich auf den Empfang einer zionistischen Deputation in Palästina. In einer "ganz geheimen" Nachschrift schlug Eulenburg vor, daß Herzl dennoch bereits am 17. Oktober in Konstantinopel eintreffen solle für den Fall, daß der Kaiser doch Anweisungen für seine Unterredung mit dem Sultan benötige. Darüber hinaus bot der Botschafter Herzl an, ihn vor der Abreise auf seinem märkischen Gut zu empfangen.

In Schloß Liebenberg wiederholte Eulenburg seine Überzeugung, daß Wilhelm II. sich ganz an den Gedanken eines Protektorats gewöhnt habe. Der Kaiser zweifele nicht, daß der Sultan seinen Vorschlag gut aufnehmen würde. Wilhelm habe ihm außerdem versichert, daß er sein Eintreten für die Juden vor seinem Volk verantworten könne. "Wunderbar, wunderbar!" schrieb Herzl entzückt. Als Eulenburg davor warnte, daß Deutschland einen Krieg wegen der Zionisten nicht führen würde, folgte eine Diskussion über die voraussichtliche Reaktion der Großmächte auf die deutsche Unterstützung eines jüdischen Staates im Nahen Osten. Eulenburgs Ansicht war, daß, "da es sich um ein Protektorat handele, die Sache nicht lange verschwiegen werden könnte". Deshalb meinte er, es wäre besser, "sofort und demonstrativ damit herauszukommen". Was Rußland anbetraf, so zeigte sich der Botschafter optimistischer als der Zionist. "Im schlimmsten Falle könnte unser Kaiser [dem Zaren] einen Brief schreiben und ihn für den Zionismus gewinnen", meinte er. "Da Rußland nichts dagegen hat, wenn die Juden fortgehen, wird man der Sache kein Hindernis in den Weg legen."

Den nächsten Tag verbrachte Herzl in größter Spannung im Neuen Palais, wo Eulenburg und der Großherzog mit dem Kaiser konferierten. Anschließend bestätigte der Großherzog den Eindruck Eulenburgs, daß der Kaiser "voller Begeisterung" für die zionistische Sache sei. Er sei aufgrund eines positiven Berichts Marschalls sicher, daß der Sultan günstig reagieren würde. "Der Kaiser hat nun die Vermittlung übernommen und er will sie durchführen", versicherte ihm der Großherzog. Er habe die Absicht, Herzl sowohl in Konstantinopel als auch in Jerusalem zu empfangen. Später, als Herzl mit Bülow und dem Reichskanzler Fürst Hohenlohe zusammentraf, bekam er zum ersten Mal den eisigen Wind der Staatsvernunft zu spüren. Der alte Kanzler wollte wissen, welches Gebiet Herzl denn beanspruche, ob bis Beirut oder noch darüber hinaus. Er fragte, ob Herzl einen Staat gründen wolle und wie er sich die türkische Reaktion auf einen solchen Vorstoß vorstelle. Der Außensekretär verneinte jegliches Wissen um einen günstigen Bericht von Marschall. Herzl mußte sich mit dem Gedanken trösten, daß es schließlich nur auf den Kaiser selbst ankäme.

Am 13. Oktober 1898 verließen Herzl und vier weitere Zionistenführer Wien mit dem Orientexpreß. Unterwegs einigten sie sich darauf, das Gebiet zwischen Gaza und dem Euphrat, das einen autonomen Status innerhalb des Osmanischen Reiches erhalten sollte, zu verlangen. Bei ihrer Ankunft in Konstantinopel lief allerdings zunächst alles schief. Botschafter Marschall erklärte rundheraus, er kenne Herzl nicht und habe keine Zeit, ihn zu empfangen. Herzl wandte sich daraufhin an den Oberhofmarschall Graf August zu Eulenburg, Philipps Vetter, und fügte einen Brief an den Kaiser bei, worin er ihn dringend bat, ihm eine Audienz zu gewähren. Am Abend des 18. Oktober 1898 fand endlich im Beisein Bülows die lang ersehnte Audienz statt.

Herzl: Der Kaiser "hörte mir prachtvoll zu" Zunächst irritierte Herzl der antisemitische Unterton der einstündigen Unterhaltung. Der Kaiser erklärte, daß es ihm durchaus willkommen wäre, wenn sich einige deutsch-jüdische "Elemente" in Palästina niederließen. "Ich denke zum Beispiel an Hessen, wo es unter der Landbevölkerung Wucherer gibt. Wenn diese mit ihrer Habe in die Kolonien gingen, um sich anzusiedeln, könnten sie nützlicher sein." Bülow trug zum antisemitischen Ton bei, indem er darüber klagte, "die Juden" hätten sich dem Hause Hohenzollern gegenüber undankbar gezeigt und befänden sich neuerdings zum Teil sogar bei den Oppositionsparteien. Sollte der Kaiser ein Protektorat in Palästina ausrufen, würde er erwarten, daß ihm die Juden ihre Dankbarkeit erwiesen.

Trotzdem gelang es Herzl, seinen "gesamten Plan" an den Mann zu bringen. "Alles, alles", notierte er erleichtert. Der Kaiser "hörte mir prachtvoll zu" und stimmte mit ihm überein, daß der Plan für eine jüdische Heimstätte "ganz natürlich" sei. Und als Bülow Zweifel über die türkische Reaktion zum Ausdruck brachte, rief Wilhelm aus: "Es wird doch wohl einen Eindruck machen, wenn der Deutsche Kaiser sich darum kümmert, Interesse dafür zeigt ... Schließlich bin ich doch noch der einzige, der zum Sultan hält. Er gibt etwas auf mich." Er fragte Herzl, was er von dem Sultan fordern sollte, worauf Herzl antwortete: "Eine Chartered Company - unter deutschem Schutz." In dem Bewußtsein, "sich dem Höhepunkt seiner tragischen Unternehmung zu nähern", reiste Herzl mit seinen Leuten am nächsten Tag nach Palästina weiter.

Wir wissen nicht, bei welcher der Unterredungen mit dem Sultan die Frage eines deutschen Protektorats in Palästina angeschnitten wurde. Fest steht nur, daß Abdulhamid die Idee so schroff von sich wies, daß der kaiserliche Gast die Angelegenheit nicht weiter verfolgen konnte. Freilich, die türkische Regierung hatte sich dem Zionismus gegenüber längst auf eine durchdachte Politik geeinigt. Trotz Marschalls (nicht aufgefundenem) gegenteiligem Bericht schwankte der Sultan nie in seiner Opposition dagegen. Seiner Tochter zufolge erklärte er: "Ich kann selbst einen Fuß Land nicht verkaufen, denn es gehört nicht mir, sondern meinem Volk. Die Juden können sich ihre Millionen sparen. Wenn einst mein Reich geteilt ist, können sie Palästina vielleicht umsonst bekommen. Aber nur unser Leichnam kann zerlegt werden. Ich werde einer Vivisektion nie zustimmen."

Wie die Akten im Yildiz-Archiv zeigen, wurde die Haltung des Sultans einmütig von seinen Ratgebern geteilt. Alle widersetzten sich der Möglichkeit, dem Reich ein zusätzliches nationales beziehungsweise religiöses Problem aufzubürden, welches die europäischen Großmächte nur für sich ausnutzen würden. Die Botschafter warnten alle, daß das wahre Ziel der Zionisten die Bildung eines unabhängigen jüdischen Staates sei, der nicht auf Palästina beschränkt sein würde; solch ein Staat würde zudem den Mittelpunkt weltweiter jüdischer Aktivität bilden. Sie waren sich auch klar, daß die Etablierung eines jüdischen Staates im Heiligen Land die "Arabische Erhebung" schüren würde, die das Osmanische Reich zerstören würde. Auf ausdrücklichen Befehl Abdulhamids hatte der Ministerrat ein Programm entwickelt, um der zionistischen Gefahr im Innern wie im Ausland entgegenzuwirken. Vor diesem Hintergrund hätte die entschlossene Haltung des Sultans bei Wilhelm II. keine Überraschung hervorrufen dürfen.

Zwölf Köche waren im Gefolge des Kaisers Herzl wußte zu diesem Zeitpunkt nicht, daß sich Wilhelms Einstellung zum Zionismus ohnehin schlagartig geändert hatte. Er war voller Bewunderung für den quasiabsoluten Sultan und die monotheistische Strenge des Islams. Weit entfernt von dem Einfluß Eulenburgs und des Großherzogs von Baden, war er zugänglich für die zwingenden Regeln der Staatsvernunft, die ihm von Bülow und Ali Tewfik, dem mitreisenden türkischen Botschafter in Berlin, dargelegt wurden. Sie wiesen darauf hin, daß Großbritannien, Frankreich und Rußland niemals einen deutschen Satellitenstaat im Nahen Osten dulden würden. Wilhelm fiel zurück in die Rolle eines gleichgültigen, beinahe höhnischen Gegners der zionistischen Idee, die er bis zu seiner Bekehrung durch Eulenburg in Rominten drei Wochen zuvor vertreten hatte. Anders als seine Begeisterung für die Schlachtflotte, anders als sein Glaube an die Monarchie von Gottes Gnaden oder seine Entschlossenheit, das Deutsche Reich zum Rang einer Weltmacht zu erheben, war sein Interesse am Zionismus flüchtig und oberflächlich. Von Anfang an von antisemitischen Vorurteilen und egoistischem Kalkül motiviert, verlief seine Absicht, ein deutsches Protektorat über einen Judenstaat in Palästina zu proklamieren, nach Abdulhamids njet schnell im Sande.

Der Kaiser und seine Umgebung kamen am 25. Oktober 1898 vor Haifa an. Als Wilhelm II. nachmittags an Land ging, war es, wie der offizielle Reisebericht verkündete, das erste Mal seit dem Besuch Friedrichs II. von Hohenstaufen im Jahre 1228, daß ein deutscher Kaiser den Boden des Heiligen Landes betrat. Als sich die Reisegruppe auf die staubige Reise nach Jaffa begab, waren zahlreiche Geistliche und über 500 weitere Teilnehmer hinzugestoßen, die in vier Dampfern angekommen waren. Die Prozession benötigte nicht weniger als 230 Zelte, 120 Wagen, 1300 Pferde und Maulesel, 100 Kutscher und 600 Treiber, 12 Köche und 60 Kellner. Diese gewaltige Karawane wurde von einem Regiment der türkischen Armee beschützt, und die deutschen Kriegsschiffe, die die Reisenden vom Meer aus begleiteten, feuerten donnernde Salven ab, wo immer die Kaiserstandarte am Horizont zu erblicken war. Als Wilhelm die jüdische Siedlung von Mikve Israel passierte, hatte er am Straßenrand eine kurze Begegnung mit Herzl, bevor er zum Hauptereignis der Reise - der Einweihung der Erlöserkirche am 31. Oktober - nach Jerusalem weiterfuhr.

Als er am 2. November Theodor Herzl und seine vier nervösen Begleiter im Zeltlager vor Jerusalem empfing, die alle vorher vom Reverend Hechler gesegnet worden waren, äußerte sich Wilhelm nur in unverbindlichen Platitüden. "Das Land braucht ... Wasser und Schatten", sagte er den Zionisten. "Die Ansiedlungen, die ich sah, sowohl die Deutschen wie Ihrer Landsleute, können als Muster dienen, was man aus dem Lande machen kann. Das Land hat Platz für alle. ... Ihre Bewegung ... enthält einen gesunden Gedanken." Und als Herzl bemerkte, daß die Wasserversorgung durch die Eindämmung des Jordans sichergestellt werden könnte, obwohl dies viel Geld kosten würde, antwortete der Kaiser in seinem bekannten Ton: "Na, Geld haben Sie ja genug ... Mehr Geld wie wir alle." - "Er sagte weder Ja noch Nein", bemerkte Herzl enttäuscht nach dem Treffen, tröstete sich jedoch mit dem Gedanken, daß seine Bemühungen nicht umsonst gewesen seien. "Dieser kurze Empfang wird in der Geschichte der Juden für immerwährende Zeiten aufbewahrt werden, und es ist nicht unmöglich, daß er auch geschichtliche Folgen haben wird."

Obwohl Wilhelm sein Interesse an der zionistischen Sache verloren hatte, war Herzls Idee, ein deutsches Protektorat im Orient zu proklamieren, zu wertvoll, um ganz aufgegeben zu werden. Von Jerusalem fuhr der Kaiser nach Damaskus, wo er am 8. November alle Welt mit der Verkündigung in Erstaunen setzte, er betrachte sich als Beschützer von 300 Millionen Muslimen. Aus seiner Enttäuschung über das, was er in Palästina erlebt hatte, machte der allerhöchste Kreuzfahrer allerdings kein Hehl. Palästina sei "ein trostloser, ausgetrockneter Steinhaufen", schrieb er seiner Mutter auf der Heimfahrt. "Der Mangel an Schatten und Wasser ist entsetzlich ... Jerusalem ist gänzlich verdorben durch die vielen ganz modernen Vororte ... voller jüdischer Kolonisten. 60 000 von diesen Leuten waren da, schmierig, erbärmlich, kriechend und verkommen, die nichts zu tun haben außer sich bei den Christen und Musulmanen gleichermaßen verhaßt zu machen, indem sie diesen Nachbarn jeden schwerverdienten Groschen abzuknöpfen versuchen. Lauter Shylocks allesamt." Das Projekt eines kaiserlichen Protektorats über eine jüdische Heimstätte in Palästina war von Anfang an eine Illusion gewesen. Für die Juden Europas hatte die "Weltgeschichte" noch ganz unvorstellbare Leiden bereit, ehe sich Herzls Traum verwirklichen lassen sollte.

 
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