Wilhelms seltsamer KreuzzugSeite 4/4

Wie die Akten im Yildiz-Archiv zeigen, wurde die Haltung des Sultans einmütig von seinen Ratgebern geteilt. Alle widersetzten sich der Möglichkeit, dem Reich ein zusätzliches nationales beziehungsweise religiöses Problem aufzubürden, welches die europäischen Großmächte nur für sich ausnutzen würden. Die Botschafter warnten alle, daß das wahre Ziel der Zionisten die Bildung eines unabhängigen jüdischen Staates sei, der nicht auf Palästina beschränkt sein würde; solch ein Staat würde zudem den Mittelpunkt weltweiter jüdischer Aktivität bilden. Sie waren sich auch klar, daß die Etablierung eines jüdischen Staates im Heiligen Land die "Arabische Erhebung" schüren würde, die das Osmanische Reich zerstören würde. Auf ausdrücklichen Befehl Abdulhamids hatte der Ministerrat ein Programm entwickelt, um der zionistischen Gefahr im Innern wie im Ausland entgegenzuwirken. Vor diesem Hintergrund hätte die entschlossene Haltung des Sultans bei Wilhelm II. keine Überraschung hervorrufen dürfen.

Zwölf Köche waren im Gefolge des Kaisers Herzl wußte zu diesem Zeitpunkt nicht, daß sich Wilhelms Einstellung zum Zionismus ohnehin schlagartig geändert hatte. Er war voller Bewunderung für den quasiabsoluten Sultan und die monotheistische Strenge des Islams. Weit entfernt von dem Einfluß Eulenburgs und des Großherzogs von Baden, war er zugänglich für die zwingenden Regeln der Staatsvernunft, die ihm von Bülow und Ali Tewfik, dem mitreisenden türkischen Botschafter in Berlin, dargelegt wurden. Sie wiesen darauf hin, daß Großbritannien, Frankreich und Rußland niemals einen deutschen Satellitenstaat im Nahen Osten dulden würden. Wilhelm fiel zurück in die Rolle eines gleichgültigen, beinahe höhnischen Gegners der zionistischen Idee, die er bis zu seiner Bekehrung durch Eulenburg in Rominten drei Wochen zuvor vertreten hatte. Anders als seine Begeisterung für die Schlachtflotte, anders als sein Glaube an die Monarchie von Gottes Gnaden oder seine Entschlossenheit, das Deutsche Reich zum Rang einer Weltmacht zu erheben, war sein Interesse am Zionismus flüchtig und oberflächlich. Von Anfang an von antisemitischen Vorurteilen und egoistischem Kalkül motiviert, verlief seine Absicht, ein deutsches Protektorat über einen Judenstaat in Palästina zu proklamieren, nach Abdulhamids njet schnell im Sande.

Der Kaiser und seine Umgebung kamen am 25. Oktober 1898 vor Haifa an. Als Wilhelm II. nachmittags an Land ging, war es, wie der offizielle Reisebericht verkündete, das erste Mal seit dem Besuch Friedrichs II. von Hohenstaufen im Jahre 1228, daß ein deutscher Kaiser den Boden des Heiligen Landes betrat. Als sich die Reisegruppe auf die staubige Reise nach Jaffa begab, waren zahlreiche Geistliche und über 500 weitere Teilnehmer hinzugestoßen, die in vier Dampfern angekommen waren. Die Prozession benötigte nicht weniger als 230 Zelte, 120 Wagen, 1300 Pferde und Maulesel, 100 Kutscher und 600 Treiber, 12 Köche und 60 Kellner. Diese gewaltige Karawane wurde von einem Regiment der türkischen Armee beschützt, und die deutschen Kriegsschiffe, die die Reisenden vom Meer aus begleiteten, feuerten donnernde Salven ab, wo immer die Kaiserstandarte am Horizont zu erblicken war. Als Wilhelm die jüdische Siedlung von Mikve Israel passierte, hatte er am Straßenrand eine kurze Begegnung mit Herzl, bevor er zum Hauptereignis der Reise - der Einweihung der Erlöserkirche am 31. Oktober - nach Jerusalem weiterfuhr.

Als er am 2. November Theodor Herzl und seine vier nervösen Begleiter im Zeltlager vor Jerusalem empfing, die alle vorher vom Reverend Hechler gesegnet worden waren, äußerte sich Wilhelm nur in unverbindlichen Platitüden. "Das Land braucht ... Wasser und Schatten", sagte er den Zionisten. "Die Ansiedlungen, die ich sah, sowohl die Deutschen wie Ihrer Landsleute, können als Muster dienen, was man aus dem Lande machen kann. Das Land hat Platz für alle. ... Ihre Bewegung ... enthält einen gesunden Gedanken." Und als Herzl bemerkte, daß die Wasserversorgung durch die Eindämmung des Jordans sichergestellt werden könnte, obwohl dies viel Geld kosten würde, antwortete der Kaiser in seinem bekannten Ton: "Na, Geld haben Sie ja genug ... Mehr Geld wie wir alle." - "Er sagte weder Ja noch Nein", bemerkte Herzl enttäuscht nach dem Treffen, tröstete sich jedoch mit dem Gedanken, daß seine Bemühungen nicht umsonst gewesen seien. "Dieser kurze Empfang wird in der Geschichte der Juden für immerwährende Zeiten aufbewahrt werden, und es ist nicht unmöglich, daß er auch geschichtliche Folgen haben wird."

Obwohl Wilhelm sein Interesse an der zionistischen Sache verloren hatte, war Herzls Idee, ein deutsches Protektorat im Orient zu proklamieren, zu wertvoll, um ganz aufgegeben zu werden. Von Jerusalem fuhr der Kaiser nach Damaskus, wo er am 8. November alle Welt mit der Verkündigung in Erstaunen setzte, er betrachte sich als Beschützer von 300 Millionen Muslimen. Aus seiner Enttäuschung über das, was er in Palästina erlebt hatte, machte der allerhöchste Kreuzfahrer allerdings kein Hehl. Palästina sei "ein trostloser, ausgetrockneter Steinhaufen", schrieb er seiner Mutter auf der Heimfahrt. "Der Mangel an Schatten und Wasser ist entsetzlich ... Jerusalem ist gänzlich verdorben durch die vielen ganz modernen Vororte ... voller jüdischer Kolonisten. 60 000 von diesen Leuten waren da, schmierig, erbärmlich, kriechend und verkommen, die nichts zu tun haben außer sich bei den Christen und Musulmanen gleichermaßen verhaßt zu machen, indem sie diesen Nachbarn jeden schwerverdienten Groschen abzuknöpfen versuchen. Lauter Shylocks allesamt." Das Projekt eines kaiserlichen Protektorats über eine jüdische Heimstätte in Palästina war von Anfang an eine Illusion gewesen. Für die Juden Europas hatte die "Weltgeschichte" noch ganz unvorstellbare Leiden bereit, ehe sich Herzls Traum verwirklichen lassen sollte.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service