Kein Reiseführer im Gepäck, nur ein Buch. Ich weiß, es paßt. Schon, weil es mit einem anfängt, der liest und der wegwill. Der Interregio ruckelt nach Norden, und ich lese: Der Mississippi wäre das Richtige . Da vorn, hinter den Hügeln und den kilometerlangen, parallelen Linien auf den geeggten Feldern, liegt die Ostsee. Man mußte weg sein, aber man mußte irgendwohin kommen. Man durfte es nicht so machen wie Vater, der weggewollt hatte, aber immer nur ziellos auf die offene See hinausgefahren war. Wenn man kein anderes Ziel hatte als die hohe See, so mußte man immer wieder zurückkehren. Erst dann ist man weg, dachte der Junge, wenn man hinter der offenen See Land erreicht.

Ich hatte mir die Sache so überlegt: Ich nehme den Roman - Sansibar oder der letzte Grund von Alfred Andersch -, besuche die Orte, wo er spielt, und suche die Personen, von denen er handelt: einen Pfarrer, einen Fischer, einen Jungen, einen Kommunisten und den Lesenden Klosterschüler, jene Holzfigur, die - so geht der Roman - im Spätherbst 1937 aus Deutschland emigrieren muß. Es ist die Figur eines jungen Mannes, der in einem Buch liest; ein Stück Kunst, das die Nazis auf die Liste derjenigen Kunstwerke gesetzt hatten, die nicht mehr in der Öffentlichkeit gezeigt werden sollten.

Laufe zum Hafen. Ein paar kleine Kutter schunkeln am Steg. Schlage nach: Fischer Heinrich Knudsen, wenn du es genau wissen willst. Mein Kutter heißt "Pauline" , "Pauline" oder "Rerik 17". Präg es dir ein! Rerik 17 sehe ich nicht, aber Rerik 14 ist da. Daneben ein Fischer. Er zurrt eine Kiste Fisch auf sein Moped und brettert hoch ins Dorf. Ich folge ihm bis in den Hinterhof. Da ist Betrieb. Eine junge Frau sitzt, den Kinderwagen ruckelnd, in der Sonne, eine ältere steht unterm Verschlag an der Waage, ein Mann zieht mit einem ganzen Arm voll dicker, geräucherter Aale des Weges, ein anderer will Schollen, aber nicht so platte. "Und Sie?" Ich möchte einen Fischer, um mit dem zu reden. "Dann müssen Sie unseren Schwiegervater fragen", sagt die junge, "der kann am besten erzählen."

Knudsen

Fritz Pinkis heißt er. Damit das gleich man klar ist: "Am 22. November 1989 habe ich drüben beim Pastor die SPD in Rerik mit gegründet. Und bis heute haben wir keine Leute dabei, die früher in der SED oder CDU waren. Wir sind sauber, und das wollen wir auch bleiben."

Fritz Pinkis kennt Alfred Anderschs Geschichte. Nicht den Roman, aber den Film, den Bernhard Wicki 1986 drehte. "Der Fischer Knudsen da", sagt Pinkis, "ist 'ne tolle Figur." Dieser Knudsen hat die Schnauze gestrichen voll von seiner Partei, die nichts tut, um die Nazis zu besiegen. Knudsen: Ihr sollt uns in Ruhe lassen, sagte er. Können wir nicht einfach Genossen bleiben, ohne etwas dafür tun zu müssen?

Pinkis ist anders. Der hält nicht mehr still. "Kann ich auch nicht", sagt er. Vier Jahre saß er für die SPD im Bauausschuß von Rerik. "Bin gleich nach der Wende drüben die Häfen abgefahren und hab' gesehen, wie's hier bei uns nicht werden soll." Dann kamen die Investoren nach Rerik und wollten große Hotels und einen Ponyhof bauen. "Wir haben im Bauausschuß viel abgelehnt", sagt Fritz Pinkis zufrieden. Die Rechnung geht auf: "Die Urlauber kommen. Von Juni bis August war hier kein Zimmer mehr frei." Was aber wird, wenn tatsächlich nebenan auf der Halbinsel Wustrow die Fundus-Gruppe ihre Ferienanlagen errichtet? Gegen den Willen der Bevölkerung und der Kommune hat die Landes-Liegenschaftsgesellschaft die Halbinsel, auf der früher Militär - erst Wehrmacht, dann Sowjetarmee - stationiert war, an den Investor verkauft. "Das ist die größte Sauerei, die es gibt", flucht der Fischer. Der Widerstand im Ort ist massiv.

Sagt er und geht seine Netze vorbereiten. Ich gehe zur Kirche. Eine schöne, stolze Backsteinkirche, viel zu groß für einen Ort wie diesen. Lege den Kopf in den Nacken, um den Turm zu bestaunen. Der reicht sicher bis über die Düne und weit hinaus auf das Meer. Drinnen spielt jemand Orgel. Der Raum ist voller Musik. Und voller Bilder: Engel unter den Decken, Heilige, pralle Trauben. Aber kein Lesender Klosterschüler zu sehen. Die Küsterin grinst, natürlich. Das geht hier vielen so. "Gehn Se mal rüber ins Heimatmuseum, da ist einer, der kennt das."

Ein Viertel aller Touristen kommt wegen Sansibar zum ersten Mal nach Rerik, erzählt der Mann vom Heimatmuseum. Hartnäckigen Fragern kopiert er einen Aufsatz. Darin stellt er klar: Wenn überhaupt an einem realen Ort, dann spielt der Roman in Wismar. Rerik bekam erst 1938 seinen Namen - nach einem Handelsplatz der Obotriten aus dem 9. Jahrhundert. Bei Groß-Strömkendorf an der Wismarer Bucht wurden kürzlich vermutlich Reste davon gefunden.

Also nach Wismar. Ich hatte gelesen, was nun kommen würde: Die Kiefern hörten auf einmal auf, die Straße erhob sich noch einmal auf den Rücken der Moräne, und von oben bot sich das erwartete Bild: die Weiden, die Koppeln, von schwarz-weißen Kühen und von Pferden gefleckt, dann die Stadt, dahinter das Meer, eine blaue Wand. Aber die Stadt war zum Staunen. Sie war nichts als ein schieferfarbener Strich, aus dem die Türme aufwuchsen. Aber es sind nicht die Türme von Wismar, die staunen machen. Es ist die neue Halle der Werft, dieser gewaltige, in den Farben des Himmels gestreifte Kasten, der wie ein Vorhang vor der Bucht hängt. Auf die Kirchen war ich gefaßt. Aber auf eine Stadt mit einer solchen Halle?

Der Junge

Ich suche mir ein Zimmer, am Hafen natürlich, Hotel New Orleans. ("Wo, bitte, geht's zum Mississippi?" - "Da gehn Se hoch zum Markt, und dann ist's links." Tatsache, es gibt hier eine Kneipe, die so heißt.) Dann such' ich einen Jungen. Den da vielleicht? Ist strohblond, die Haare ein wenig zerzaust, und steht mit einer Tasche Pilze vor einem Schaufenster rum.

"Wovon träumst du?"

Auf lange Zeit Arbeit zu haben, eine Wohnung, eine bezahlbare, und dann eine Familie gründen zu können, eine richtige. Das kann man ja nur, wenn man Arbeit hat und weiß, daß man diese Arbeit behält. Da müßte mehr getan werden, damit man als Jugendlicher schon weiß, wofür man überhaupt da ist, wofür man gelernt hat.

Oliver heißt er, ist Dachdecker von Beruf und arbeitslos seit einem Jahr. Sätze wie: Man müßte weg sein machen ihn wütend. Steckt die Hände in die Tasche, läßt den Pilzbeutel baumeln, sagt: "Ich fühl' mich hier heimisch. Ich möchte hier nicht weg. Meine Familie, meine Freunde, alle leben hier. Ich seh' nicht ein, daß ich hier weggehen muß, nur um Arbeit zu finden." Umgekehrt ist das doch so: Wenn in Wismar ein Dach gedeckt wird, kommen Dachdecker aus Gadebusch, Lübeck, Hamburg oder Bremen. "Das tut nicht not. Die sollen doch den heimischen Firmen die Arbeit lassen und zu Hause bleiben." Olivers lichtblaue Augen funkeln. "Mir wäre schon viel geholfen, wenn ich so leben dürfte wie meine Eltern."

Träum nur weiter von Sansibar, denk' ich, das hier ist Wismar. Arbeitslosenquote 23,8 Prozent (Ende August), Tendenz steigend.

Man hatte mir die Handynummer gegeben von einem, der als junger Kommunist in die Stadt kam, um hier die Partei zu verstärken. Ich wollte ihn treffen - als Gegenüber zu Gregor, von dem Alfred Andersch erzählt. Der kam, um für die KP zu organisieren - aber hatte beschlossen zu kneifen. Ich gehe natürlich, weil ich Angst habe, dachte er unerbittlich. Aber ich gehe auch, weil ich anders leben will. Ich will nicht Angst haben, weil ich Aufträge ausführen muß, an die ich... Er fügte nicht hinzu: nicht mehr glaube. Er dachte: Wenn es überhaupt noch Aufträge gibt, dann sind die Aufträge der Partei die einzigen, an die zu glauben sich noch lohnt. Wie aber, wenn es eine Welt ganz ohne Aufträge geben sollte? Eine ungeheure Ahnung stieg in ihm auf: konnte man ohne einen Auftrag leben?

Heinz Schönhoff heißt er. Wir treffen uns in einem Hinterhof im schmalen, verblichenen Versammlungsraum der PDS, in dem nur die weich gepolsterten Sitzungssaalstühle noch an vergangene Herrlichkeit erinnern. Er ist zur Zeit Sprecher der PDS im Kreis Wismar.

Heinz Schönhoff hat eine Bilderbuchkarriere gemacht im sozialistischen Staat. Jugendverband, Parteischule, Wirtschaftssekretär auf der Werft. 1988 kam er aus Berlin zurück - als Nachfolgekader für den Parteisekretär im mächtigsten Betrieb der Stadt. "Für uns, die wir voll drinsteckten, ist das" - später nennt er "das" den totalen Absturz - "fast wie über Nacht gekommen." Statt den Sozialismus aufzubauen, bekam Heinz Schönhoff nun den Auftrag, den Sozialismus abzubauen: den Machtapparat, die Büros der Partei, die Kampftruppen auf der Werft. "Andere haben sich in der Zeit erschossen."

Und dann hatte er erst mal keinen Auftrag mehr. Bewarb sich, fand Arbeit, redete wenig über das, was geschehen war. "Ich habe mich in Arbeit gestürzt. Das ist ja meistens das beste, wenn man eine Krise hat." Und heute? Ist Heinz Schönhoff Unternehmer, hat 20 Angestellte, vier Lehrlinge und einen BMW. "Bonzenauto", sagen die jungen Genossen aus dem Westen. "So ist es halt", sagt Heinz Schönhoff. "Das ist nicht nur ein Prestigeding. Das ist auch ein Stück Lebensqualität. Und irgendwo hatten wir im Osten ja auch Nachholbedarf."

"Haben Sie jemals überlegt auszusteigen?" Spät, sehr spät.

Heinz Schönhoff hat sich von der Partei nie ganz getrennt. Zwar zog er sich zurück. "Ich wollte es ausprobieren, ehrlich, das neue Leben." Aber er blieb. Und er spürte, daß etwas fehlte. Ein Kegelverein? Engagement. "Da habe ich 1996 bei der PDS angeklopft. Ja, haben die gesagt, aber das ist heute nicht mehr so wie früher, daß man gebeten wird." Ein halbes Jahr war er Gast. Später, im Rausgehen, erzählt er: Das war die schönste Zeit. "Ich konnte sagen, was ich dachte." Dann nimmt er sich wieder zurück. Jetzt, als Sprecher im Kreisverband, will er natürlich die Partei auch vertreten. Und die ist in Wismar wieder ziemlich dicht dran an der Macht. Da kneifen? Nein. Er fährt zurück an die Arbeit.

Helander

Ich gehe derweil zu den Kirchen, als erstes zu St. Nikolai. "Alfred Andersch hat uns hergeführt", schrieb kürzlich jemand dort ins Gästebuch. Doch vom Lesenden Klosterschüler gibt's keine Spur, dafür eine Fülle von wunderbar geschnitzten Figuren aus dem frühen 15. Jahrhundert. Gehe weiter zu St. Georgen. Im Roman gibt es einen, der hier Pfarrer war: Helander. Der wartete vor seiner Kirche auf ein Zeichen von Gott: Die Querschiffwand. Dreißigtausend Ziegel als nackte Tafel ... auf der die Schrift nie erschien.

Vor St. Georgen steht jetzt ein Bauzaun. Dahinter leuchten Backsteinbögen, zum Teil neu. Eine Tafel erklärt den Touristen Geschichte: Bombenangriff, Zerfall in den Jahren der DDR, Wiederaufbau der größten Kirchenruine Deutschlands. Bitte um eine Spende. Geduckt, ganz eng daneben, die Pfarre. Klopfen. Herein. Auf dem Tisch brennt eine Kerze. Christian Schwarz knipst den Computer aus. Ein Jungengesicht, das Alter schwer zu schätzen, mit Lachen im Blick.

"Wie ist das, neben einer solchen Kirche zu leben?"

"Das ist schwer. Heute sind die Kirchen vor allem Touristenattraktionen, die Stadt freut sich, die Leute bringen Geld. Aber mir ist das zuwenig."

Christian Schwarz kam vor zwei Jahren nach Wismar, aus einem Dorf im Osten von Mecklenburg. 1300 Gemeindeglieder hat er hier. "Das sind nicht eben viele. Man kann nicht zufrieden sein damit." Aber was tun? Es wäre so einfach: Wenn man einen Kasten Bier in die Kirche stellt, dann ist die Kirche voll. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, Werte zu vermitteln. Und, vorher noch, darum, neu zu bedenken: Was sind die Grundlagen, auf denen wir stehen. "Bis in unser Jahrhundert hinein haben sich Menschen mit Gott auseinandergesetzt. Und dann war auf einmal Schluß. Wir stehen viel zu schnell vor den Fragen der Zeit. Die sind wie ein Sog, der über die Menschen und auch über die Politik hinweggeht."

Was also? Nachdenken? Lesen? Rückzug? Christian Schwarz überlegt das ernsthaft. "Vielleicht müssen wir für eine Zeit in Klausur gehen." Es ist gut möglich, überlegt er, daß die neuen Werte, die er sucht, in Wahrheit alte Werte sind, die man nur neu entdecken muß. Doch das ist schwierig. Wer versteht schon, wenn einer sucht und nachdenkt. "Wenn ich die Arbeitsjacke anziehe und Wände anmale, dann sagen die Leute: Na, Herr Pfarrer, fleißig? Das würden sie nie sagen, wenn ich in einer Ecke sitze und lese. Aber vielleicht wäre ja genau das jetzt nötig."

Die Kerze ist runtergebrannt, der Vormittag ist vorbei. Nur einmal ist jemand reingekommen und hat Post gebracht. Ansonsten: Zeit, Gedanken wachsen zu lassen. Vom Turm schlägt die Uhr. Ich mache mich auf, den letzten meiner Romanhelden zu suchen. Der Lesende Klosterschüler fehlt, jene Holzfigur, die Pfarrer Helander, Knudsen, Gregor und der Junge 1937 gemeinsam vor dem Zugriff der Nazis retten. (Sie bringen auch ein jüdisches Mädchen nach Schweden. Aber von ihr verliert sich die Spur.) Im Roman heißt es: Helander hatte ihn vor ein paar Jahren von einem Bildhauer erworben, dem kurz darauf die Anderen verboten hatten, sein Handwerk auszuüben. Hier in der Region kann nur von einem die Rede sein: von Ernst Barlach. Also: nach Güstrow, an die Stätte seines Wirkens.

Ja, es gibt ihn wirklich. Er ist in der Gertrudenkapelle zu sehen. Werkverzeichnis Nummer 367, Holz, Höhe 1,15 Meter, Ausstellungen: 1933 Chicago, 1936 Berlin. Ernst Barlach hat seinen Lesenden Klosterschüler 1930 für einen Güstrower Stahlwerksbesitzer geschnitzt. Neben das Bücherregal sollte er, und dort blieb er bis 1961, als die Witwe ihn der Stadt schenkte.

Ich geh' ihn besuchen. In der Mischung von Lampenlicht und Fensterlicht wirft das braune Holz Schatten. Ringsum die Figuren hungern und betteln und singen und gehen und klagen. Aber er sitzt still. Stelle mir vor, wie das wäre: er zwischen den mächtigen Backsteinbögen von St. Georgen zu Wismar. Schlage das Buch auf.

Lese, wie der junge Kommunist Gregor ihn sah. Ich habe einen gesehen, der ohne Auftrag lebt. Einen, der lesen kann und dennoch aufstehen und fortgehen. Lese: Wenn die Anderen den "Klosterschüler" angreifen, dachte Helander, ist er das große Heiligtum. Den mächtigen Christus auf dem Altar lassen sie in Ruhe, sein kleiner Schüler ist es, der sie stört. Das Mönchlein, das liest. Lese vom alten Knudsen, der flucht: Der und sein Götze und dann aber doch sagt: Wenn niemand sonst da ist, ihm seinen Götzen zu retten, dann muß ich es tun.

Sehe die vielen, vielen Touristen, die ringsum durch die Kapelle streunen, einzelne Pilger und ganze Busladungen Schwaben. Aber er sitzt und liest. Schulstoff? Pflichtlektüre? Ein wunderbares Buch.

Alfred Anderschs Roman "Sansibar oder der letzte Grund" ist im Diogenes Verlag, Zürich, erschienen