Das alte Geheimnis

Otto F. Kernberg bilanziert Glück und Unglück der "reifen sexuellenLiebe"

Das Beste sei, nicht geboren zu werden; das Zweitbeste: rasch wieder zu sterben. Diese Antwort gab ein Silen dem König Midas, der ihn nach dem Glück gefragt hatte. Psychoanalytiker haben diesen Mythos in Triebpsychologie übersetzt. Das Trauma der Geburt, so Otto Rank, hinterlasse ein Streben nach Rückkehr in den Mutterleib. Da dieses Ziel, die individuelle Existenz aufzuheben, jedoch nicht umstandslos zu erreichen sei, könne der Todestrieb (Sigmund Freud) für ein rasches Verschwinden sorgen, gäbe es nicht noch den Eros - jenen Gegenspieler, der alles daransetzt, das Drama des Lebens zu verlängern und immer aufs neue zu wiederholen.

Einen kleinen Trost für alle, die verschwinden wollen, hält Eros dennoch bereit: den kleinen Tod. Aber wer liefert sich schon gern der Erfahrung der Ohn-Macht in der Beziehung zu einem anderen Menschen aus? Zwar kann man mit Hilfe des Eros aus der Haut fahren und die Ich-Grenzen auflösen. Aber dieses Glück, die Bürde der individuellen Existenz wenigstens für einen Augenblick abzuwerfen, macht schutzlos. Dieses Glück ist gefährlich.

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Also ist die Liebe nichts, wenn sie nicht Wahnsinn ist, etwas Unsinniges, Verbotenes, ein Abenteuer im Bösen - so Hans Castorp in Thomas Manns "Zauberberg". Der Psychoanalytiker Otto F. Kernberg schließt sich dieser Auffassung an. Wer das Glück in der Liebe sucht, muß das Abgründige in sich selbst und im anderen bejahen und damit umgehen können. Das "reife sexuelle Paar" müsse seine eigenen Wertvorstellungen finden und gegen jede konventionelle Sexualmoral verteidigen. Es müßte prägenitale ("perverse") und genitale Wünsche, homo- und heterosexuelle Strebungen, libidinöse und aggressive Impulse integrieren, schließlich müßte es lernen, die in allen menschlichen Beziehungen unausweichlich auftretenden Ambivalenzen zu ertragen und die Ängste vor Grenzüberschreitung zu überwinden. Mehr nicht. - Mehr nicht? Das "reife sexuelle Paar" dürfe sich auch von der Gesellschaft nicht abschließen, wolle es nicht in einer Folie à deux ersticken und an der Binnenaggression zugrunde gehen.

Kernberg kennt also das Geheimnis der "reifen sexuellen Liebe". Sie integriert "Zärtlichkeit und Erotik, besitzt Tiefe und umfaßt miteinander geteilte Wertvorstellungen". Und er verrät uns das alte Geheimnis einer exklusiven Liebesbeziehung - in einer Kompilation aus Freudscher Triebtheorie und modernen psychoanalytischen Auffassungen über die intra- und interpsychische Paardynamik. Die Sprache, die Kernberg benutzt, bleibt dabei allerdings trocken und spröde, trotz der vielen aus der Literatur entlehnten und aus der eigenen Behandlungspraxis entnommenen Beispiele.

Mögen Glück und Unglück der Liebe in Kernbergs Buch also auch genau verrechnet sein, so geht doch die Sinnlichkeit des Themas dabei verloren. Immerhin kann der Leser in Kernbergs Plädoyer für eine dauerhafte Liebesbeziehung, aus der die sexuelle Leidenschaft nicht weicht, die Wertvorstellungen des Autors entdecken. Sie ähneln jenen, die dem bürgerlichen Eheideal des 19. Jahrhunderts zugrunde lagen, wenngleich mit einem Unterschied: Der Bestand der dauerhaften Beziehungen war damals - augenzwinkernd - an eine Doppelmoral gebunden, die es, zumindest Männern, erlaubte, geheime Leidenschaften außerhalb der Ehe auszuleben. Kernberg meint nun, die damit abgespaltenen Triebanteile ließen sich auch in die Paarbeziehung integrieren. Sie könne dadurch sogar stabiler werden. Dennoch wird Sexualität schal, wenn sie der konventionellen Moral folgt, mag diese nun puritanisch oder freizügig sein. In jedem Fall bleibt die Leidenschaft an ein Geheimnis gebunden, das nur das Paar kennt. Wird es "öffentlich", existiert es nicht mehr. Darum sind alle Versuche vergebliche Liebesmüh, das innerste Geheimnis der Liebe aufzudecken. So gesehen, bewahrt auch Kernberg das Geheimnis.

Otto F. Kernberg: Liebesbeziehungen Normalität und Pathologie; Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1998; 320 S., 68,- DM

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 43/1998
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    • Schlagworte Alte | Sigmund Freud | Literatur | Stuttgart
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