Der Getriebene
Der Pianist Marc-André Hamelin und sein exzentrisches Repertoire
Nein, wie die Tastenlöwen aus dem 19. Jahrhundert sehen sie heute nicht mehr aus. Die waren Grandseigneurs in Kleidung, Gang und Haltung - le beau Dussek, die nobilitas Liszt, der elegante Thalberg, in neuerer Zeit auch Rachmaninow und Horowitz. Ihr Äußeres zeigte alle Insignien des Virtuosen: spindeldürre Figur, spinnenlange Finger, Mähne und ein Gesicht, in das sich herablassende Souveränität eingeprägt hat.
Die virtuosen Notenfresser der Gegenwart sind eher klein, stämmig, manchmal zylindrisch. Sie scheinen ein Ganzkörpermuskel zu sein, arbeiten mit vollem Körpereinsatz über die Tastatur gekrümmt, mit runden Armen in die Tasten wuchtend. Auf der Nase tragen sie Brillen mit dicken Gläsern, um das Gewimmel der Punkte und Fliegenbeine einzuscannen und Nahsicht auf dem Schlachtfeld zu wahren.
Man möchte sie Zentauren nennen, denn sie sind ganz Mann-Klavier, Mensch-Maschine. Sie heißen Marc-André Hamelin, Geoffrey Douglas Madge oder Pierre-Laurent Aimard. Man könnte sie auch die "Getriebenen" nennen, denn es treibt sie, die Grenzen des Machbaren systematisch auszudehnen und stets nach weiteren Übersteigerungen zu suchen. Man täte ihnen unrecht, würde man ihre Triebgründe im Geist des Sportes suchen.
Ganz im Gegenteil. Das Höher-Schneller-Lauter ist die Domäne anderer, all der glatten Jungathleten, die uns so treuherzig aus den Glanzprospekten anblicken und sich in den eingeführten Repertoiredisziplinen von Liszts h-Moll-Sonate bis zu Tschaikowskijs b-Moll-Konzert tummeln. Den Getriebenen aber ist das Gängige zu widerstandslos. Sie bewegen sich auf den vergessenen Seitenpfaden des Repertoires.
Marc-André Hamelin, der 1961 geborene Kanadier, hat in den letzten Jahren für das Label Hyperion Liszt-Paraphrasen, Busoni-Transkriptionen, Alkan-Etüden, Roslavets-Préludes und eine Fülle weiterer Stücke eingespielt, die schwindeln macht. Angst vor Übertreibung kennt er nicht. Und er schreckt nicht davor zurück, alle drei a-Moll-Etüden Chopins übereinanderzumontieren und gleichzeitig zu spielen! Schon die Einarbeitungszeit eines kleinen Teils der vorgelegten Werke würde den Stundenplan haptisch weniger Begabter sprengen.
Charles-Henri Valentin Alkan (1813-1888) wird man wohl auch zu den Getriebenen rechnen müssen. Der drei Jahre ältere Robert Schumann schrieb 1838 über dessen Etüden op. 15: "Man erschrickt vor solcher Unkunst und Unnatur. Liszt karikiert wenigstens mit Geist; Berlioz zeigt trotz allen Verirrungen hier und da ein menschliches Herz, ist ein Wüstling voll Kraft und Keckheit; hier aber finden wir fast nichts als Schwäche und phantasielose Gemeinheit." Schumann suchte in den überaus umfangreichen Stücken Poesie, fand aber nur "eine widerwärtige Öde, wo nichts als Holz und Stecken und Sünderstrick" ist.
Charakterstücke im Sinne der lyrischen Romantik hat Alkan nicht zu bieten. Seine Werke verlangen titanisches Wuchten, den sich ankündigenden Übermenschen und einen Pianisten mit Sisyphusgemüt. In Hamelin hat er einen Vertreter auf Erden gefunden. Die große Klaviersonate op. 33 Les quatre ages bietet Identifikationsstoff genug, denn die Vier Lebensalter-Sonate stellt in vier Sätzen ein Porträt des Getriebenen an sich dar. Der erste Satz Zwanzigjährig - Très vite rauscht in Kaskaden vorüber, die schneller sind als das Auflösungsvermögen des Ohres: Sie verschmelzen zu einem harmonischen Klangband. Dreißigjährig - Quasi-Faust ist Programmusik frei nach dem sattsam bekannten Seelendrama, Vierzigjährig ist in seiner emotional stabilen Seitenlage etwas wohlgefälliger, aber Fünfzigjährig - der gefesselte Prometheus schwankt mit rhythmischen Gestalten einher, die so skurril sind, daß man Hamelin für den Mut, sie nicht zu glätten, bewundern muß. Auch Alkans Ende wäre einen Satz wert gewesen. Er starb den Heldentod der Intellektuellen. Harold C. Schonberg berichtet: "Sein Tod war seltsam wie sein Leben: Als er versuchte, ein religiöses hebräisches Buch oben auf dem Regal zu erreichen, kippte das Gestell um und erschlug den alten Mann."
Chopin, der gelegentlich gemeinsam mit Alkan Konzerte gab, hatte eine hohe Meinung von ihm, er soll noch auf seinem Totenbett an ihn gedacht haben. Und auch mit Franz Liszt war Alkan befreundet. Und an Liszt muß Hamelin sich natürlich auch messen, schließlich ist er der zu mordende (will heißen: zu überbietende) Übervater aller Tastateure. Daß er der Gründervater aller Übersteigerer sein würde, wußte Liszt selbst. Er schrieb es seinen Etudes d'exécution transcendente (die zweimal überarbeitet werden mußten, bevor ein anderer als er selbst sie spielen konnte und sie sich endlich verkauften) in den Titel ein.
Wie es zur Komposition der Réminiscences de Don Juan gekommen sein könnte, ist beim Anhören der Tondichtung leicht vorstellbar: Liszt beugt sich über die Brüstung seiner Opernloge, unten, auf der Bühne, geben sie Mozarts Don Giovanni, die Handlung gefällt, die Arien merkt er sich, das ist kein Problem, und als der Vorhang fällt, hastet Liszt nach Hause - schon spinnen sich die Melodien in seinem Kopf zu neuen Erzählfäden. Er eilt zum Klavier, greift in die Tasten und überläßt es seinen Fingern, den Phantasien klangliche Gestalt zu verleihen. Doch unter seiner Hand hat die Musik ihre Unschuld verloren, haben die Figuren diabolische Züge angenommen, und unversehens ist aus dem Rokoko-Verführer Don Giovanni der dämonische Don Juan geworden, aus der Opera buffa eine romantische Oper im Westentaschenformat.
Hamelin ist ein fesselnder Erzähler dieser Reminiszenz. Die vertrackten Läufe können seinen Spielfluß nicht aufhalten. Zu eilen hat er nicht nötig, und es ist deutlich zu hören, daß er fest im Sattel sitzt und den musikalischen Ritt lenken kann, wohin es ihm beliebt. Um nicht den Eindruck zu erwecken, Hamelin könne nur donnern und rasen, sei bemerkt, daß er etwa die kargen Verzweiflungsstücke aus der Spätzeit Liszts mit aller Subtilität darzustellen vermag. Überhaupt verfügt er über eine große Palette feiner Abstufungen, versteht den zart getupften Klang ebenso sicher zu setzen wie die große Akkordkanonade.
Daß Hamelin die Musik von Pianisten-Komponisten bevorzugt, ist nicht verwunderlich - er gehört selbst zu ihnen. Seine dargebrachten Etüden lassen ihn als in jedem pianistischen Idiom heimisch erscheinen. Er wandelt in der Praxis von Liszts Transkriptionen, wenn La Dansa von Rossini sein Thema ist, findet untergründig-ironische Töne, wenn er aus Chopins "Schwarzer Tasten"-Etüde eine "Schwarze Gedanken"-Etüde strickt. Und wenn er ein Prélude mit Fuge komponiert, verbindet sich Alexander Skrjabins Harmonik mit Hindemiths Perpetuum-mobile-Stil. Eklektisch gewiß, aber brillant.
Marc-André Hamelin spielt mit Vorliebe das Repertoire der Sonderlinge - und ist vielleicht selber einer. Aber seine ungeheuren pianistischen Fähigkeiten verbinden sich mit originärer Musikalität und überquellender interpretatorischer Phantasie. So bereichert er uns mit Musik, die, weil sie kaum bewältigt wurde, ihre Existenz in den Nischen der Musikgeschichte fristet. Wir werden gewiß noch manch Eindrucksvolles von ihm hören.
Marc-André Hamelin spielt:
(bei Hyperion)
Werke von Charles-Henri Valentin
Alkan; CDA 66794
Werke von Franz Liszt; CDA 66874
Klavierkonzerte von Joseph Marx und
Erich Wolfgang Korngold; CDA 66990
Werke von Nikolaj Roslavets CDA 66926
Werke von Hamelin, Skrjabin, Busoni, Medtner, Sorabji, Rachmaninow u. a.; CDA 67050
Werke von Alkan und Henselt CDA 66717
Live at Wigmore Hall; CDA 66765
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 43/1998
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