Das Netz trägt Trauer
Die Web-Seiten vieler Internet-Organisationen erscheinen schwarz gefärbt. Jonathan B. Postel, einer der Väter des Netzes, ist tot. "Wir haben unseren Polarstern verloren", trauert Vint Cerf von der Internet Society um Postel, der am vergangenen Freitag im Alter von 55 Jahren starb.
Zusammen mit Cerf und David Cohen hatte Jon Postel das Transmission Control Protocol/Internet Protocol (TCP/IP) entwickelt, jenes Verfahren, mit dem Millionen Rechner im Internet miteinander kommunizieren. Internationale Wirtschaftsmagazine feierten ihn als "Gott des Superhighways". Ein Star von gestern, so scheint es. Denn viele Online-Medien, die heute mit dem Netz ihr Geld verdienen, zeigen sich vom Tod Postels völlig unbeeindruckt.
Mit seiner sanften Art gelang es ihm, ungezählte Namensstreitigkeiten zu schlichten. Heute stehen sich die Kontrahenten im Kampf um die begehrten Namen im Netz vor Gericht gegenüber und streiten um Millionenwerte. Die Konkurrenz ist härter geworden. Die Geschäftswelt mit ihren unerbittlichen Gesetzen hat die ehemals so demokratische Domäne erobert.
Postel dagegen hatte auf die direkte Demokratie im Netz gesetzt. Von ihm stammt das RFC-Verfahren: Jedes wichtige technische Detail der Netzentwicklung wurde in einem request for comment, einer digitalen Bitte um Kommentierung, um die Welt geschickt, so daß jede interessierte Partei Stellung nehmen konnte. Mit dem RFC Nummer 2468 nimmt das Internet nun Abschied von seinem Leitstern.
Während andere mit dem Internet Millionen scheffelten, blieb Jon Postel wie alle Gründerväter des Netzes im Hintergrund. Am 24. Juli dieses Jahres wurde ihm in Genf die Silbermedaille der International Telecommunications Union (ITU) verliehen, die höchste, sonst nur Staatsoberhäuptern vorbehaltene Auszeichnung. Die Festgesellschaft rollte in Limousinen vor, der Ehrengast kam mit der Straßenbahn.
Unter den neuen Herren des Internet stieß dessen Erfinder auf wachsende Ablehnung, mehr als einmal wurde die Ablösung des "alten Mannes" gefordert. Doch Postel wollte sein Lebenswerk erst dann abgeben, wenn die Verträge zur öffentlichen Kontrolle der Iana weltweit akzeptiert werden. Immerhin: Die ersten Vertragsentwürfe konnte er noch lesen.
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1998
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