Vom Nutzen der verlogenen Bilder

Das Sprengel Museum in Hannover zeigt Landschaften von GerhardRichter von Petra Kipphoff

Manchmal muß man nur das Naheliegende tun, um eine Entdeckung zu machen. Dietmar Elger, Kustos am Sprengel Museum in Hannover, hatte Mitte der achtziger Jahre als Sekretär bei Gerhard Richter gearbeitet. Und in dieser Nähe zum Künstler und dem Atelier ein Thema wahrgenommen, das eher marginal und unspektakulär, zudem von einer fast verführerischen Beredsamkeit schien: die Landschaft. Gewundert hatten sich natürlich auch die Kritiker und Kunstfreunde, als im Werk von Gerhard Richter seit Mitte der siebziger Jahre das eine oder andere Wolkenmeer, hier eine Meeresstille oder dort ein vernebeltes Gebirgsmassiv, schließlich sogar eine grüne Wiese auftauchen. Stand hier vielleicht auch noch die blaue Blume des Novalis? Ach!

Aber zum einen war man es ja gewohnt, daß Richter, der nie populäre, aber immer unangefochtene Künstler, der seit Jahren auf der Capital-Liste der Spitzenverdiener seiner Branche ganz oben steht, ein Maler der scharfen Kehrtwendungen war. Und zum anderen hatte Richter genau zu dieser Zeit mit seiner Serie der großformatigen, im abstrakt-expressionistischen Gestus gemalten Bilder begonnen. Und wer gerade noch über die Varianten des Monochromgrau bei Richter meditiert hatte, dem sprang aus diesen Leinwänden eine leuchtend kalte Farbpracht ins Gesicht. Stoff genug für heiße Spekulationen, aus denen Richter sich, wie immer, heraushielt, das Geheimnis seiner Wandelbarkeit, wie immer, mit der einen oder anderen stoischen Bemerkung in Nüchternheit verschlossen haltend. "Meine Bilder sind gegenstandslos, wie Gegenstände sind sie selbst Gegenstände. Somit sind sie inhaltslos, bedeutungs- und sinnlos wie die Gegenstände oder Bäume, Tiere, Menschen oder Tage, die da sind ohne Grund und ohne Zweck und Ziel. Um diese Qualität geht es. (Trotzdem gibt es gute und schlechte Bilder)", notierte er 1984.

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Als die kleine Konstante der großen Kontinuität hat sich die Landschaft in Richters Werk fortgesetzt bis zum heutigen Tag, von den rund vierzig Gemälden der Ausstellung im Sprengel Museum sind zwei große Seestücke erst in diesem Jahr entstanden. Und im ersten Moment will es auch scheinen, als habe der Maler sich hier einen stillen Fluchtort geschaffen, eine Eremitage, in der zum Beispiel Caspar David Friedrichs Mönch nach seinem großen Monolog am Meer einkehren könnte. Aber spätestens wenn man entdeckt hat, daß auf Richters großem Seestück (See-See) von 1970 der graue Himmel über dem grauen Meer einfach eine Verdoppelung des auf den Kopf gestellten grauen Meeres ist, dann weiß man, daß die Lust an der Landschaft nicht der Urlaub des Künstlers von sich selber ist.

Nicht das selige Eintauchen in die Natur als eskapistisches Kontrastprogramm zu den Anstrengungen der Zivilisation bieten Richters Bilder, sondern den Blick des Städters aus dem Fenster, vom Aussichtspunkt, von Bord eines Schiffes. Also die Distanz. Paradise Lost. Daß die Geburt der Landschaftsmalerei sich allein dem Naturverlust verdanke, ihn zu kompensieren suche, schrieb Diderot 1767, eine kühle Erkenntnis, die von der Romantik in ein Lebensgefühl mit umgekehrtem Sehnsuchtsvorzeichen umgemünzt wurde. "Die Landschaft ist am Staub zugrunde gegangen", für Fernand Léger, den Maler der Verschwisterung von Mensch und Maschine, war das Thema mit unserem Jahrhundert zu Grabe getragen. Gerhard Richter könnte Légers Feststellung mit neuen Belegen wie Abgase, Abwässer, Kontaminierung fortsetzen und bestätigen. Statt dessen malt er Landschaftsbilder, und Oskar Bätschmann, der alles weiß über dieses Genre, nennt sie in seinem Katalogtext "Kuckuckseier".

Das Mißgeschick wird zum Stilmittel

Davos, Hubbelrath, Korsika, Grönland, Venedig, Koblenz, Teneriffa: im Atlas, dem Arbeits- und Bilanzbuch, in dem Richter von allem Anfang an seine fotografischen Vorlagen dokumentierte (inklusive der Fotos, die er nicht verwendete), kann man nachschauen, woher die Motive kommen, die unterschiedlicher und zufälliger nicht sein können und dann allesamt zu Bildern werden, die nur Gerhard Richter malen konnte. Eine Mischung von Alltag im Rheinland, Reisen und Ferien, wo gerade immer. Wolken und Wasser sind überall und ohne feste Geographie, aber bei der Betrachtung von Hubbelrath wird auch der, der es kennt, es nicht wiedererkennen. Auch die Unterscheidung von Grönland und Venedig ist kaum zu treffen, weil Gerhard Richter über jedes seiner Motive den Schleier der Unschärfe legt, der oft genug auch ein veritabler Grauschleier ist. Die Nobilitierung der Unschärfe vom Mißgeschick des Fotografen zum Stilmittel des Malers, der ohne Bedauern das Verschwinden der eindeutigen Bilderbotschaften festgestellt hatte, findet bei Richter im Frühwerk zunächst im Maßstab eins zu eins statt. Verwackeltes Foto, verwackelt gemaltes Bild. Aber dann benutzte Richter nicht mehr Vorlagen aus der Zeitung, dem Familienalbum oder verrutschte Schnappschüsse, sondern wurde selber zum ausdauernden und professionellen Fotografen. Der in der Weichspülung des Motivs den Fotocharakter im Bild dann wieder weitgehend auslöschte.

"Schließe dein leibliches Auge, damit du mit dem geistigen Auge zuerst siehest dein Bild. Dann fördere zutage, was du im Dunkeln gesehen, daß es zurückwirke auf andere von außen nach innen" - was Caspar David Friedrich zur Geburt des Bildes notierte und gleichzeitig zur Anweisung für den Landschaftsmaler machte, ist von Richter so weit nicht entfernt, wie es klingt. Richters "leibliches Auge" ist die Kamera, und was sein "geistiges Auge" dann reproduziert, hat er, um allen Mißverständnissen vorzubeugen, in einer Notiz von 1986 so beschrieben: "Meine Landschaften sind ja nicht nur schön oder nostalgisch, romantisch oder klassisch anmutend wie das verlorene Paradies, sondern vor allem ,verlogen' (wenn ich auch nicht immer die Mittel fand, gerade das zu zeigen), und mit ,verlogen' meine ich die Verklärung, mit der wir die Natur ansehen, die Nat ur, die in all ihren Formen stets gegen uns ist, weil sie nicht Sinn noch Gnade, noch Mitgefühl kennt, weil sie nichts kennt, absolut geistlos, das totale Gegenteil von uns ist, absolut unmenschlich ist." Eine Paraphrase zu Thomas Buddenbrook, der am Strand von Travemünde die breiten Wellen der Ostsee nur so interpretieren kann: "Endlos, zwecklos, öde und irr".

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