Eine lächerliche Liebe
Zum Film "Love & Death on Long Island"
Eine Szene aus dem wirklichen Leben, am Strand von Long Island: Wellen, Wind, der helle Sand ... und Ronnie, ein junger Filmstar, einsam spazierend, mit seinem Hund. Wo aber ist der andere, wo ist Giles in diesem Moment? Weit weg, auf der anderen Seite des großen Meeres. Er ist wieder nach London zurückgekehrt und kündigt uns aus der Ferne eine seltsame Geschichte an. Sie handelt von einem Wahn: einer einseitigen, radikalen, jähen Begierde.
Giles, Mitte 50, ist Schriftsteller und verwitwet. Er ist ein Solitär, aber keineswegs unglücklich dabei. Staunend verfolgt er, wie die Welt um ihn herum immer kurzatmiger wird. Eines Tages verirrt er sich in ein Kino. Es ist die Hölle: Der Film heißt Hotpants College II. Ein Machwerk, in dem aufgeregte College-Jungen ihre blanken Gesäßhälften präsentieren, während die Girls auf dem Campus reihenweise in Ohnmacht fallen.
Es beginnt ein unschuldsvolles Erwachen. Giles verwandelt sich in einen Ronnie-Bostock-Maniac: Er legt ein Album mit Starfotos an, entläßt seine Haushälterin, verschlingt Ronnies Lieblingspizza. Aber das genügt ihm nicht: Er reist nach Long Island, spürt Ronnie und seine Freundin auf.
Love & Death on Long Island ist eine schwebende Komödie mit überraschenden Abgründen. Giles liebt Ronnie. Eine unerfüllte, einseitige Liebe. Ronnie (Jason Priestley) ist eine Kunstfigur, fürs Zelluloid erfunden. Alles an ihr ist Berechnung. Für Ronnie gibt es längst keinen Unterschied mehr zu den unzähligen Leinwandhelden, in die er sich für seine Fangemeinde verwandelt. Er leidet darunter, aber zu leiden ist sein kokettes Tagesgeschäft. Im Grunde ist er ein Spießer.
Moment der Leidenschaft, Moment der Erstarrung
Giles kämpft dagegen an. Mit seiner engen Anzugsweste, die ihm die Luft abschnürt, lebensfern, wie er ist. John Hurt gelingt dabei ein akrobatisches Manöver: Er spielt die Obsession, aber er stattet sie zugleich mit einem tiefen Unernst aus. Giles bezirzt seinen Ronnie, erfindet kindische Lügen, schmeichelt ihm mit hochfahrenden Vorbildern. Aber keine Sekunde lang besteht die Gefahr, daß Ronnie die schwelgerischen Verse Whitmans mit seiner neuen Rolle in Hotpants College III verwechselt.
In Tod in Venedig von Luchino Visconti (1971) wird der alternde Komponist Georg von Aschenbach am Ende zur Karikatur. Er sitzt am Strand, den Jüngling Tadzio vor den gebrochenen Augen, sterbend, dahinschmelzend. Die Schminke zerläuft, zieht schwarze Bahnen übers Gesicht. Eine Entstellung. So weit läßt es Regisseur Richard Kwietniowski nicht kommen. Sein Debütfilm erzählt keineswegs von einer narzißtischen Verwandlung im Angesicht des Todes. Das einzig Bedrohliche, was Giles widerfährt, ist die Blase am Fuß, die er sich auf Long Island läuft. Mit Viscontis Meisterwerk hat sein Abenteuer genausowenig gemein wie mit einem Hotpants -Streifen. Als Giles dem Jahrzehnte Jüngeren endlich seine Liebe gesteht, friert die Kamera die Szene einfach ein. Es ist der einzige Moment von Leidenschaft in diesem Film, ein Moment der Erstarrung gleichwohl. "Mein Gott, was habe ich da getan", sagt Giles ungläubig, als Ronnie verschwunden ist.
Irgendwann schlägt Ronnie ungnädig zurück. Giles sitzt wieder im Kino in London: Titelsequenz von Hotpants College III , dem neuen Ronnie-Bostock-Meisterwerk. Die Stimme von Ronnie. Er muß eine lächerliche Szene am Grab seiner Mutter spielen. Und zitiert unverfroren einen Vers vom Dichter Whitman. Giles hatte ihn ihm vergeblich eingeflößt, auf der Veranda in Long Island. Es ist Ronnies hinterhältiger, später Triumph: um ihn herum schockiertes Schweigen.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 1998
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