Diesen Sonntag ist Freischütz-Probe, Bühne und Klavier, die ganze bäuerliche Welt gerät da aus den Fugen. Aber Punkt 13 Uhr klettert Zubin Mehta behende aus dem Orchestergraben, total im Gleichgewicht: Um 15 Uhr wird er nach London fliegen, da ist doch noch prima Zeit für Lunch und Gespräch. Höflich hält der neue Münchner Generalmusikdirektor die Tür zum Künstleraufgang auf. Die ZEIT also - "Ist diese Zeitung mehr seriös oder eher ...?"

Zur endgültigen Klärung dieser Frage kommen wir nicht, denn Zubin Mehta braucht Socken, und zwar schnell. Sechs Paar, schwarz, dünn, bloß nicht zu kurz. Im Laden hat sich sofort ein kleiner Kreis gebildet. Natürlich fällt Zubin Mehta auf, die dunklen lebhaften Augen, seine olivfarbene Haut. Der Maestro strömt Weltläufigkeit und Verbindlichkeit aus, wenn er will, auch Wärme. Der Geschäftsführer reicht das Goldene Buch. Die Münchner mögen Mehta, nicht nur die Musikhörigen, denen er im Gasteig zum Beispiel einen bewegenden Bruckner schenkte. Die bayerischen Zeitungen haben den neuen GMD lokalpatriotisch begrüßt. Nur die FAZ nörgelte, die Bayern kriegten wohl den Hals nicht voll. Nichts als Glamourboys: Lorin Mazel (BR), James Levine (Symphoniker), Zubin Mehta - sozusagen die Tycoons aus der CD-Welt der Stardirigenten.

Dieser Mann wirkt längst nicht so glatt, geölt und gebürstet wie sein Ruf. Er schillert in allen Farben. Lebte und lebt in vielen Welten. Ein Inder, der sich in Bombay zu Hause fühlt und in abendländischer Musik. Ein Parse, der auf einer Jesuitenschule erzogen wurde. Ein gelernter Wiener, dessen Herz für Israel schlägt. Wir sind längst aus dem Takt.

Jetzt ist der parsische Prinz 62 Jahre alt, ein bißchen untersetzt und ißt rasend schnell, atemlos. Es ist schon nach halb zwei. "Was schreiben Sie eigentlich? Sie fragen ja gar nichts." Ihm Antworten entlocken, in diesem Streß ... Streß? Er lächelt: "Wissen Sie, was mich nervös macht? Mitte Dezember werde ich mit den Berliner Philharmonikern die Variationen von Schönberg machen. Das ist ein sauschweres Stück. Das drückt mich. Ob ich das schaffe: mit drei Proben und einer Generalprobe."

Bitte ein Paillard vom Kalb, das will er jetzt auch noch haben, mit Spiegelei. "Und viel Pfeffer, wie gestern." Können wir nicht einfach Small talk machen? "Gut," sagt er, ein bißchen überrascht, "dann schmusen wir." Der Kellner rast, und Mehta schneidet seelenvergnügt sieben rote Schoten klein. "So schmeckt es indisch", freut er sich. Bombay ist die Hauptstadt der Parsen, einer Minderheit, gerade mal 80 000 Menschen unter Indiens Millionen. Im 8. Jahrhundert sind die Kinder Zarathustras aus Persien ausgewandert, wurden, wie die Juden, Geschäftsleute, da sie keinen Grund besitzen durften, vermischten sich nicht, Pogrome gegen sie gab es jedoch nie. "Wenn ich zu Hause bin, gehe ich in den Tempel." Zu Hause in Bombay, eine Woche im Jahr.

Zur Premiere von Tristan und Isolde waren seine Eltern in München, beide um die 90 Jahre alt. "Für mich die größte Freude." Mehli Mehta, selbst erstklassiger Geiger und Dirigent, Mehli hatte entschieden, wenn der Sohn schon nicht Medizin studieren wollte, dann sollte er wenigstens eine anständige Musikerausbildung bekommen: Er schickte den 18jährigen Zubin nach Wien in die Dirigentenklasse von Hans Swarowsky. Der hatte noch Theorie bei Schönberg und Webern, das Dirigieren bei Weingartner und Strauss studiert. Und erkannte in dem jungen Inder sofort "den dynamischen Dirigenten, der von Natur aus alles hat". "Zubin war Swarowskys Lieblingsschüler", erinnerte sich der Kommilitone Claudio Abbado einmal, "und ich war nicht neidisch. Zubin war ein Naturtalent. Er war schon damals fertig."

1962 wird er Chefdirigent des Los Angeles Philharmonic, da war er 29. Mehta machte aus zwei mittelmäßigen Orchestern zwei herausragende. Beide hatten bald diesen runden, geschmeidigen und lyrisch temperierten Wiener Klang. Mehta sah damals aus wie ein junger Gott aus Indien - mehr Omar Sharif als Mahatma Gandhi. Und die kalifornischen Medien haben ihr "Zubin Baby" gefeiert wie einen Movie-Star. Als der "music king of L. A." 1978 die New Yorker Philharmoniker als Nachfolger von Pierre Boulez übernahm, flossen Tränen. Geblieben sind ihm aus dieser Zeit ein Landsitz in den Hügeln von Brentwood und die Filmschöne Nancy Diane Kovack, über die Mehta selber sagte: "Eine Cecil-B.-De-Mille-Hausfrau - überlebensgroß." Mit nämlichem Geschick richtete sie gerade Mehtas Staatsopernbüro als schwülstige Schreckenskammer ein.