Furcht vor dem Chaos

Wieder aufgelegt: Eduard Bernsteins Schrift über die deutsche Revolutionvon 1918/19

Für Deutschland ist der 9. November 1918 der Geburtstag der demokratischen Republik, das heißt, der Selbstregierung seines Volkes." Das schrieb Eduard Bernstein im Frühjahr 1921 gleichsam als Geleitwort zu seinem Buch über die deutsche Revolution 1918/19. Nur zweieinhalb Jahre nach dem Ende des Kaiserreichs unternahm er darin als einer der ersten den Versuch, Ursprung und Verlauf der umwälzenden Ereignisse zu beschreiben und die Legenden zu zerstören, die sich darüber bereits gebildet hatten. Rechtzeitig zum 80. Jahrestag der Novemberrevolution hat der Berliner Historiker Heinrich August Winkler diese frühe Diagnose einer der folgenreichsten Umbruchperioden deutscher Geschichte neu herausgegeben - ein lobenswertes Unterfangen, denn ohne Zweifel ist Bernsteins Schrift ein wichtiges zeitgenössisches Dokument, das auch dem heutigen Leser interessante Einblicke eröffnet, zumal der von Teresa Löwe sachkundig zusammengestellte wissenschaftliche Apparat ihm den Zugang erleichtert.

Eduard Bernstein? Wenn man sich seiner erinnert, dann allenfalls noch im Zusammenhang mit dem großen "Revisionismusstreit" um die Jahrhundertwende. Damals stellte der sozialdemokratische Theoretiker einige der Grundannahmen der marxistischen Parteilehre in Frage und forderte unverblümt, die SPD solle sich endlich zu dem bekennen, was sie in Wirklichkeit schon sei - "eine demokratischsozialistische Reformpartei". Das auszusprechen war um 1900 noch ein Sakrileg, und seitdem galt Bernstein nicht nur bei den Linken um Rosa Luxemburg, sondern auch in der "alten Mitte", beim Parteivorsitzenden August Bebel und dem Cheftheoretiker Karl Kautsky, als Rechtsabweichler, von dem man sich distanzieren mußte.

Anzeige

Im Ersten Weltkrieg allerdings schloß sich Bernstein aus Protest gegen die "Burgfriedenspolitik" des SPD-Mehrheitsflügels der oppositionellen Minderheit, der "Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands" (USPD), an - ebenso übrigens wie sein einstiger Widersacher Karl Kautsky. Nach Ausbruch der Revolution schickte ihn die neue Partei als Beigeordneten ins Reichsschatzamt, doch im Grunde wünschte sich Bernstein schon damals nichts sehnlicher als ein Ende der Parteispaltung. Im Dezember 1918 trat er, obwohl noch Mitglied der USPD, wieder der Mehrheitspartei bei. Diese Doppelmitgliedschaft endete im März 1919, als ihn die USPD aus ihren Reihen ausschloß.

Man muß diese Hintergründe kennen, um die nun wieder publizierte Revolutionsschrift aus dem Jahre 1921 richtig einordnen zu können. Denn es handelt sich hier keineswegs um einen möglichst unparteiischen Bericht aus der Sicht eines distanzierten Historikers, sondern um den - mit vielen subjektiven Impressionen unterlegten - Versuch einer Rechtfertigung der mehrheitssozialdemokratischen Politik in den entscheidenden Revolutionsmonaten.

Bernstein wollte erklären, warum die deutsche Revolution relativ friedlich, ohne radikalen Bruch mit dem Vergangenen verlaufen war. Sein Grundaxiom lautete: Je industriell entwickelter eine Gesellschaft sei, je größer das Maß der Arbeitsteilung, desto weniger vertrüge sie "Maßnahmen, die auf ihre radikale Umbildung abzielen". "Gleichviel ob sie sich darüber theoretisch Rechenschaft ablegten oder nicht, haben die maßgebenden Führer der Sozialdemokratie dies aus der Einsicht in die tatsächlichen Verhältnisse begriffen und ihre Praxis in der Revolution danach eingerichtet." Hier klingt bereits an, was der Politikwissenschaftler Richard Löwenthal in einem Aufsatz aus dem Jahre 1981 den "Anti-Chaos-Reflex" von Bevölkerungen in hochindustrialisierten Gesellschaften genannt hat, der jeder revolutionären Veränderungsdynamik enge Grenzen setze.

Von dieser Prämisse ausgehend, verurteilte Bernstein alle Bestrebungen, die auf eine rasche und gewaltsame Umwälzung der bestehenden Verhältnisse hinausliefen. Das betraf vor allem den linken Flügel der USPD, dem bis Ende 1918 auch noch die Spartakusgruppe um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht angehörte. Wie viele Sozialdemokraten neigte auch Bernstein dazu, den Einfluß dieser Gruppe auf die Arbeiterschaft erheblich zu überschätzen. Die Anhänger von Spartakus waren für ihn nichts weiter als gefährliche Desperados, welche russische Methoden auf Deutschland übertragen wollten. Überall sah er die "Agenten der Bolschewisten" am Werk, die angeblich darauf aus waren, "die deutsche Republik mit Aufwand großer Geldmittel nicht zu einer ruhigen Entwicklung als demokratisches Gemeinwesen kommen zu lassen". Wie sich die stark verschwörungstheoretisch grundierte Bolschewismusfurcht allmählich zur kollektiven Hysterie steigerte, das ist in Bernsteins Schrift mit Händen zu greifen. Und offenbar hat der Autor selbst an das Schreckgespenst geglaubt, das er da präsentierte.

Daher war es auch nur konsequent, daß Bernstein Eberts Pakt mit den alten Militärs zwecks Bekämpfung des "Bolschewismus" prinzipiell guthieß, auch wenn er die gefährliche Abhängigkeit sah, in die sich die MSPD-Führung dadurch begab. Selbst für Noskes brachiale Niederschlagung der Berliner Januarunruhen - in diesem Buch wie in vielen ihm folgenden fälschlicherweise als "Kommunistenaufstand" bezeichnet - fand Bernstein Worte des Verständnisses. Zwar billigte er nicht den Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, doch weigerte er sich auch beharrlich, die Frage nach der politischen Verantwortlichkeit der MSPD-Volksbeauftragten für die entsetzliche Bluttat zu stellen. Und diese Frage ist bis heute ein Tabu unter sozialdemokratischen Historikern geblieben.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service