Der Chronist wird König

Christoph Hein - der neue PEN-Präsident

Ein glücklicher Griff. Ein untadeliger Mann. Von überallher applaudierte es nach Christoph Heins Dresdner Wahl zum Präsidenten des endlich vereinten deutschen PEN. Wer den Hochgelobten auch nur ein wenig kennt, ist eher zum Kondolieren geneigt. Daß dieser Erwählte sich nach seinem Amt gesehnt hätte, ist so undenkbar wie Gerhard Schröders freudiger Verzicht aufs Kanzleramt. Immer wieder hat Hein Mönchszelle und Elfenbeinturm zu Dichters natürlichen Residenzen erklärt.

Ein harter Mensch mit bösem Blick, das liefert die Erinnerung als erstes Urteil über Christoph Hein. 1982 war Der fremde Freund erschienen, im Westen ediert unter dem Titel Drachenblut: ein Klops von depressiver DDR-Realität, den auch staatskritische Leser (wer war keiner?) nur schwer verdauen konnten. Die Erzählung beschrieb das Leben einer Ärztin von knapp 40 Jahren, Single, wohlsituiert in jener zyklischen Normalität von Arbeit, Ostseeurlaub und lauwarmen Liebschaften, für die man nur sehr mittelbar die SED-Herrschaft verantwortlich machen konnte. Hier waren Menschen kalt, nicht einfach ein System. Mindestens so sehr wie die Handlung und ihr katastrophaler Schluß schockierte Heins Ton: spröde, mitleidlose Lakonie. Der will quälen, dachte man und auch: Der schreibt nicht gut. Gut schreiben, das meinte die sprachliche Überwindung der DDR: Christa Wolfs autosuggestive Moralität, die lodernden Dickichte Faulkners, Joseph Roths elliptisch kreisendes Leid. All die Genannten schrieben unweigerlich schön: Bücher zum Besaufen. Heins Sprache verweigerte die Gegenwelt. Seine Ästhetik bot keine Alternative zur Wirklichkeit. Man konnte, was er schrieb, nicht lieben; das war schlimm in einem Land, dessen Mensch die Literatur als Asyl begehrte.

Geboren 1944 als Pastorenkind im schlesischen Heinzendorf. Aufgewachsen in Bad Düben bei Leipzig. Studium von Philosophie und Logik in Ost-Berlin und Leipzig. Hein jobbte als Kellner, Buchhändler und auf Montage. Er schrieb. Mit 19 Jahren und zum Nulltarif wurde er Benno Bessons Regieassistent an der Ostberliner Volksbühne und daselbst 1971 Dramaturg. Ab 1973 war er dort Hausautor - mit der Einschränkung, daß nur wenige seiner Stücke aufgeführt werden konnten. Unter Zensur hat Hein in der DDR gelitten, unter Selbstzensur nie. Wie sich das durchhalten ließ? Mit Arroganz, sagt Hein, übrigens ein freundlicher, zugetaner Mensch mit wenig Neigung zum gemütlichen Palaver. Hein redet bestimmt. Seine Wörter schlendern nicht, sie eilen zur Arbeit.

Das Ende der DDR hat Christoph Hein in vielen Stücken annonciert. Keines wurde so als Prophetie verstanden wie Die Ritter der Tafelrunde, abgedruckt in Sinn und Form im Fluchtsommer 1989. Morsch und müde behaust der untote Heldenhaufen die Artusburg, eingesargt in eine Geschichte von Ruhm und Verbrechen, die man für das Große Ziel beging: den Gral. Sie haben ihn nicht gefunden. Es gibt den Gral sowenig wie ein Leben ohne Gral, doch eine Jugend kommt, der dieses Heiligste nichts gilt. Mordret, Artus' Sohn, wird den sagenumwobenen Wackeltisch des ritterlichen Politbüros ins Museum schaffen.

Und dann war das Stück zu Ende, wie die DDR. Hein stand im Wendeherbst auf seiten der Bürgerrechtler und arbeitete in der Kommission zur Aufklärung staatlicher Gewalt am 40. Jahrestag der DDR. Er sprach bei der Halbmillionen-Demonstration auf dem Ostberliner Alexanderplatz, an jenem 4. November 1989, als eine Revolution, die gerade zu beginnen schien, auf ihrer Höhe schon ihr Ende fand. Hein sagte später, eigentlich habe er seit 1968 keine Hoffnung mehr auf einen demokratischen Sozialismus gehabt. Gewaltfreiheit, das sei sein dringendster Wunsch gewesen.

Dem DDR-PEN wurde Christoph Hein 1985 zugewählt. Allerdings sei ihm damals der Sinn des elitären Clubs nicht völlig klar gewesen. Stephan Hermlin habe ihn erinnert, wie seinerzeit der Internationale PEN bedrohte Schriftsteller aus Hitlerdeutschland zu bringen half. Im Einsatz für verfolgte Autoren sieht Hein auch heute den Hauptsinn des weltweiten PEN-Netzwerks.

Und die Vergangenheitsbefragung?

Und der Ost-West-Unterschied?

Das Zusammenwachsen wird vermutlich so lange dauern, wie beide deutsche Staaten getrennt waren.

Sind Sie enttäuscht über die geringe Wirkmacht von Literatur im geeinten Deutschland?

Nein, sagt Hein. Man möge sich erinnern, daß er auf dem DDR-Schriftstellerkongreß 1987 nicht nur gegen die Zensur gesprochen habe, sondern auch darüber, wie künstlich die DDR-übliche Hochschätzung von Literatur sei. Bücher hätten als Ersatz für freie Medien funktioniert; das sei vorbei.

Was blieb Ihnen vom elterlichen Pfarrhaus?

Prägungen, sagt Hein. Viele erkennt man erst spät. Meine Sprache kommt stark von der protestantischen Bibelübersetzung, die Luther ja als Sprechender, als Prediger geschaffen hat.

Woher stammt Ihr kühler Ton?

Ich begreife mich als Chronist, sagt Hein. Die Chronisten der Fürsten im Mittelalter schrieben, wenn sie tapfer waren, auch die schlimmen Geschichten auf, die sie Kopf und Kragen gekostet hätten, wenn der Fürst sie gelesen hätte. Aber der war zum Glück Analphabet. Mit Rührungen, mit Moral und Sentiment verstelle ich mir nur den Blick. Ich liefere keine Interpretationen.

Christoph Heins Begehr ist die wertfreie Erzählung, als trüge die Welt ihre Deutung in sich selbst, als stünden ihre Erzähler nicht schon immer in Ideologie. Aber das weiß er, wenn er zwecks job description einen klassischen Bestsellerautor zitiert: "Nachdem schon viele es unternommen haben, Bericht zu geben von den Geschichten, die unter uns geschehen sind, die uns das überliefert haben, die es von Anfang selbst gesehen und Diener des Worts gewesen sind: habe ich's auch für gut angesehen, nachdem ich alles von Anbeginn mit Fleiß erkundet habe, daß ich's dir (...) in guter Ordnung schriebe, auf daß du erfahrest den sicheren Grund der Lehre, in welcher du unterrichtet bist."

 
Service