"Become a flower. Only for one short day."

Martin Amis, Money.

Der Schriftsteller Martin Amis, da herrscht in seiner Heimat England Übereinstimmung, ist ein Großmaul und Flegel, ein Frauenhas- ser, habgierig, selbstgefällig, überbordend vor Selbstbewußtsein. "Ist mir doch egal", sagt er und grinst, und es bleibt einem nichts übrig, als zu glauben, daß Amis verblüffend wenig dagegen zu haben scheint, nicht gemocht zu werden.

Einmal eine Blume sein. Hin und wieder, ganz selten kommt es vor, daß Martin Amis einen Journalisten zu sich nach Hause einlädt. Dann ist er zuvorkommend und freundlich, bietet Kaffee, Bier und Zigaretten an und lächelt hinter seinem Schreibtisch in dem alten großen Haus am Regent's Park, das er vor zwei Jahren gekauft hat. Dann blickt er wieder ernst und wächsern, trinkt Bier aus der Flasche und raucht eine der zahllosen selbstgedrehten Zigaretten. Wie in Trance sitzt er da, weil er immer nur ein Minimum an körperlichem Aufwand treibt, die Zigarette glüht im Mundwinkel, ein Mann mit starrem Gesicht.

Amis ist klein, seiner unproportional kurzen Beine wegen. Auch seine Arme sind kurz. Beim Gehen schwingen sie nicht, sondern kleben an den Hüften. Nur die Augen blicken wach aus dem traurigen, aschgrauen und alternden Jungengesicht. Dabei ist dem Mann kaum etwas mißlungen in seinem siebenundvierzigjährigen Leben. Der produktive Romanschriftsteller verbringt jeden Morgen drei Stunden am Schreibtisch, "danach wird's schlecht"; am Nachmittag zwei Stunden Tennis, alle zwei bis drei Jahre ein neues Buch, zwischendrin Essays und Rezensionen - ein gelungener Lebensentwurf. Und für den Fall, daß das Schreiben nicht funktioniert hätte, lag noch ein Alternativplan bereit. Dann wäre er halt Professor geworden, sagt Amis. Für das akademische Sicherheitsnetz habe er während seines Studiums schon gesorgt. Aber diese Überlegungen sind heute überflüssig, es hat ja geklappt, sogar richtig gut. Es gibt auch eine schöne und junge Frau in dem großen Haus, neben den drei Kindern von zwei Frauen. Für den Rest seines Lebens prognostiziert Amis noch "fünf bis sechs Romane, mehr nicht". Er könne das nur abschätzen, weil er seine Midlife-crisis schon hinter sich habe. Es klingt wie ein Aufatmen.

In seinen Büchern beschreibt Amis das Versagen von Menschen, erfindet sarkastische Geschichten über das Scheitern. "Wer interessiert sich schon für Erfolgsgeschichten?" meint er, der bekannt ist für Wutausbrüche, wenn er zum Beispiel beim Tennis oder Schach verliert. "Nuklearexplosionen" hat sein Kollege Julian Barnes solche Anfälle genannt. "Amis ist der schlechteste Verlierer, den man sich vorstellen kann", sagt Barnes. Früher stand er jede Woche mit Amis auf dem Tennisplatz. "Ich bin halt besser. Da verliert man ungern", antwortet Amis nicht ohne Arroganz. Diese sei übrigens mit ein Grund gewesen, daß er in seiner Jugend von mehreren Schulen flog. Doch Niederlagen akzeptierte Amis nie. Er trainierte heimlich Tennis, legte sich einen Schachcomputer zu, mit dem er ganze Nächte verbrachte, und in Oxford schloß er als Bester seines Jahrgangs ab, "besser als mein Vater". Das war ihm wichtig.

Weil Martin Amis zu den bedeutenderen Literaten Großbritanniens zählt und noch dazu der Sohn eines berühmten Schriftstellers ist, interessieren sich auch Leute für ihn, die selten ein Buch in Händen halten. Englische Bou- levardzeitungen machen sich über seine Pro-vokationen und seine schlechte Laune Gedanken - und wenig wohlwollende dazu. Meistens gelangen Beobachter zum selben Ergebnis: Martin Amis leidet unter seinem Vater, dem 1995 verstorbenen Literaturnobelpreiskandidaten und von der englischen Königin zum Ritter geschlagenen Sir Kingsley Amis. Er war ein klassischer Übervater. In Talk-Shows offenbarte er, daß er "das Zeug" seines Sohnes nicht lesen könne, "weil es mich fürchterlich langweilt". "Martin hat den schwierigsten Pfad gewählt für einen Kampf, den jeder Sohn mit einem starken Vater zu kämpfen hat", sagt Amis' Freund Salman Rushdie. "Er hat sich in die Arena begeben. Er hat zu schreiben begonnen." In der Arena ging es nicht um Leben und Tod, aber um den Un-terschied zwischen Sein und Dasein. "Ich muß schreiben, und darum habe ich immer gekämpft", erklärt Martin Amis. "Niemand durfte mich aus der Literatur vertreiben, mein Vater nicht, auch die Journaille nicht."