Ein düsterer Romantiker

Eine aufsehenerregende CD-Aufnahme: Andrej Hoteev spielt Neufassungen derKlavierkonzerte von Tschaikowsky von Juergen Kesting

Scheiden tut weh, vor allem wenn es gilt, von lieben Gewohnheiten Abschied zu nehmen. Peter Tschaikowskys Klavierkonzert in b-moll ist als Teststrecke für Hochgeschwindigkeitshände ein Favorit der Virtuosen und ihrer Anbeter. Sieben Minuten für das "Allegro con fuoco" gilt als eher gemessenes Tempo. Die meisten brachten die Oktaven und die finale Laufpassage noch 30 Sekunden schneller hinter sich. Den Geschwindigkeitsrekord aber hält nach wie vor Sankt Vladimir, er raste, live unter George Szell, nach 5'55" und vor (!) dem Orchester in den Beifall.

Der Blick auf die Stoppuhr liefert schwerlich Maßstäbe für den Rang einer Interpretation. Doch wenn sich ein Pianist für den dritten Satz des Tschaikowsky-Konzerts 8'43" Zeit nimmt, verändert sich mit dem gemäßigten Duktus der Charakter und die Zeitstruktur des Konzerts: Der Reißer verwandelt sich in ein Werk, das symphonischen Charakter hat wie das B-dur-Konzert von Johannes Brahms. Nicht als "virtuose Solisten-Konzerte, sondern als Symphonien für Klavier und Orchester" seien Tschaikowskys vier Klavierkonzerte konzipiert, erklärt Andrej Hoteev im Kommentar zu seiner integralen Neuaufnahme der vier Konzerte, die nicht weniger als eine vollständige Revision bedeutet: In dieser Form und Struktur sind die Werke unbekannt und unerkannt geblieben.

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Um so überzeugter ist der aus Sankt Petersburg stammende und heute in Hamburg lebende Pianist - ein Schüler von Lev Naumow -, "Tschaikowskys Klavierkonzerte für das dritte Jahrtausend" präsentieren zu können. Ohne die starken und entstellenden Kürzungen und ohne die traditionellen rasanten Tempi. Hoteev konnte sich bei seiner Arbeit auf die Autographen und auf zahlreiche biographische Dokumente im Tschaikowsky-Archiv von Klin stützen. Das Verhältnis zwischen Klavier und Orchester, so hatte der Komponist an seine Gönnerin Nadeschda von Meck geschrieben, sehe er "als Kampf von zwei ebenbürtigen Kräften ... ein gewaltiges, an Farbenreichtum unerschöpfliches Orchester, mit dem sich der kleine, unscheinbare, doch geistesstarke Gegner auseinandersetzt und auch siegt, wenn der Pianist nur begabt ist".

Noch zu Lebzeiten des Komponisten sorgten vor allem die Pianisten Alexander Siloti und Sergej Tanejew dafür, daß die episch-langen symphonischen Episoden des zweiten Konzerts, die auf verblüffende Weise an den Duktus Bruckners erinnern, gestrichen wurden. Sie galten ihnen als zuwenig pianistisch - ein Vorwurf, mit dem Nikolai Rubinstein schon die Aufführung des b-moll-Konzerts verweigert hatte.

Aber in Hoteevs Fassung wird plötzlich das Seitenthema wichtiger als der sich mächtig auftürmende akkordische Beginn des b-moll-Konzerts. Viermal wird da in emphatischer Steigerung ein fallendes Motiv akzentuiert: Des-A. Auch Tschaikowsky - "mein Programm ist immer das Ewig-Weibliche" - war ein Komponist, der geheime Anspielungen in seine Musik einwob. Und dieses Des-A war, wie Hoteev herausfand, ein verzweifelter Anruf an die Sängerin Desirée Artôt, die durch Freundesintrigen abtrünnig gewordene Verlobte des Komponisten. Auch im Mittelteil des langsamen Satzes, der seit Siloti in ein teilchenbeschleunigtes Prestissimo verwandelt wird, gibt es eine solche Anspielung. Die Bratschen zitieren ein französisches Lied, das Madame Artôt immer wieder zu singen pflegte.

Mal wieder eine Edition aus dem Geiste akribischer Notenstecherei? Und warum eigentlich vier Klavierkonzerte? Anders als die Hymne der Klavier-Virtuosen wird das Konzert in G-Dur (op. 44) im Konzertsaal nur selten gespielt, und selbst Spezialisten ist die Einleitung des zweiten Satzes kaum bekannt. In Form eines kammermusikalischen Tripelkonzertes für Violine, Cello und Klavier angelegt, wurde sie von Siloti gestrichen, weil der gefeierte Solist sich nicht über längere Strecken mit einem begleitend-figurativen Klavierpart begnügen mochte. In seiner Ausgabe ist das Konzert um zwei Fünftel gekürzt.

Das Es-dur-Konzert op. 75 wird seit langem als einsätziges "Allegro brillante" aufgeführt, und wieder ist die Tempowahl aufschlußreich. Statt der üblichen 14 oder 15 Minuten nimmt sich Hoteev 21 Minuten Zeit, um den mit Rheingold-Anklängen beginnenden Satz mit seinen blockartig gereihten drei Themen und der endlosen Kadenz wie einen symphonischen Satz von Bruckner zu zelebrieren. Als Tschaikowsky das 1893 vollendete Werk Sergej Tanejew vorspielte, riet ihm dieser, den zweiten und den dritten Satz zu streichen - sie seien nicht "klavieristisch". Nach dem Tod des Komponisten (1893) edierte Tanejew das "Allegro brillante" als drittes Konzert; den Andante-Satz mit seinem elegischen Cellosolo unterschlug er wie das Allegro-maestoso-Finale.

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