Ein düsterer RomantikerSeite 2/2

Mit expressiver Energie, ohne jedes Auftrumpfen

Beim vierten Konzert handelt es sich um eine Fantasie de Concert in zwei langen Sätzen, die 1885 von Tanejew uraufgeführt wurde. Später begnügte er sich damit, wiederum nur den ersten Satz mit seinem rhetorischen Eingangssolo zu spielen. Die 1893 geschriebenen Zigeunerweisen beruhen höchstwahrscheinlich auf von Tschaikowsky instrumentierten Skizzen Franz Liszts. Gedacht waren sie als Konzert für die gefeierte Pianistin Sophie Menter, die das Werk 1909 als eigene Arbeit bei Schirmer & Mosel herausbrachte.

Hoteev spielt diese romantischen, depressiv eingedunkelten und mit leidvollen biographischen Mementos durchsetzten Konzerte mit äußerster expressiver Energie, aber ohne jeden auftrumpfenden rhetorischen Gestus. Die gewohnte Brillanz der figurativen Passagen weicht einem lyrisch-melodischen Duktus. Die langsamen Seitenthemen versucht er "zu singen, wie der Tenor Sergej Lemeshew die Lieder Tschaikowskys gesungen hat", zumal in den Konzerten wiederholt Motive aus den Opern zitiert werden, etwa Tatjanas Briefszene aus Eugen Onegin im Seitenthema des G-dur-Konzerts. Er sieht in Tschaikowsky einen Romantiker, der während der Aufführungsgeschichte - Doktrin der parteikontrollierten sozialistischen Ästhetik - in einen "optimistischen Realisten" verwandelt wurde. Deutlich spürbar ist, daß Vladimir Fedossejew sich vom Konzept seines Solisten Andrej Hoteev voll und ganz hat überzeugen lassen. Exzellent die Solisten des Tschaikowsky Symphony Orchestra Moskau, insbesondere das kantable Spiel des Cellisten Viktor Simon. Das Klangbild der Aufnahme entspricht der musikalischen Konzeption: Es ist voll, dunkel, kompakt und entspricht dem düster-pathetischen Charakter dieser an- und aufregenden Gegendarstellung.

Peter Tschaikowsky, Die vier Klavierkonzerte.

Zigeunerweisen, Allegro in c-moll. Andrej Hoteev, Klavier. Tschaikowsky Symphony Orchestra Moskau. Dirigent: Vladimir Fedossejew. Koch/Schwann. 3-6490-2. Drei CDs

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