Mitten im Leben
"Mistlers Abschied": Weshalb Louis Begleys neuer und nunmehr fünfter Roman ein bedeutendes Werk ist
Wieder hat der amerikanische Schriftsteller Louis Begley einen ergreifenden, meisterhaften Roman geschrieben, und wieder lesen wir die Geschichte eines Mannes, der reich ist, der Erfolg hat und den eine fundamentale Lebenskrise ereilt. Und wieder frage ich mich, wie Begley das macht.
Daß er ein Könner ist, der Sprache und Form beherrscht, das wissen die Leser von Begleys Büchern Schmidt , Der Mann der zu spät kam und Wie Max es sah. Sie wissen, daß der pure Inhalt in seinen Romanen zumeist eher unerheblich, ja banal ist und daß er sensationelle Wendungen meidet. Zugleich kennen Begley-Leser den seltsamen Sog, der sie dazu bringt, sich für die Lebensgeschichte von Menschen (und immer sind es ältere Männer) zu interessieren, mit denen man kaum etwas gemein hat und die man, träfe man sie auf einer Stehparty, kaum für interessante Gesprächspartner hielte.
Sind die Krisen, denen Ben (der Mann, der zu spät kommt) oder Schmidt ausgesetzt sind, nicht ebenfalls trivial? Da stirbt eine Ehefrau, da heiratet eine Tochter den falschen Mann, da scheitert eine späte Liebe an mangelndem Mut. Am Ende bleibt der Sprung ins Wasser oder die Flucht in die Arme einer vollbusigen Kellnerin.
Und Vermögen ist immer genug da. Eigentlich zuviel, denn Begleys Helden sind, wenn sie nicht gerade weinen, unablässig damit beschäftigt, den teils ererbten, teils erarbeiteten Reichtum zu mehren, und nichts scheinen sie mehr zu fürchten, als Steuern zu zahlen.
Auch Mistler in Begleys neuem Buch ist, obwohl von einer tödlichen Krebserkrankung gezeichnet, geradezu besessen von dem Trieb, den Verkauf seiner Werbeagentur zu optimalen, steuersparenden Konditionen abzuwickeln. Was dazu führt, daß er die äußerst ansehnliche Fotografin namens Lina, angetan lediglich mit einem Bademantel, in seinem Hotelzimmer mit Blick auf den Canal Grande warten läßt, rasch ein paar Faxe liest und mit seinem Agenten in New York telefoniert, während ihn die zutreffende Vermutung, daß Lina unter dem Bademantel nackt ist, durchaus beschäftigt.
Sex und Macht, das ist trivial. Weshalb aber sind Begleys Bücher auf ihrer Rückseite so furchtbar? Es sind todtraurige Geschichten. Was man erst merkt, wenn es zu spät ist. Dann steckt man als Leser schon in der Tinte und wundert sich nur, wie das Leben so spielt.
Bei Begley ist es immer zu spät. Schmidt zum Beispiel begreift erst im gereiften Alter, daß er ein ziemliches Arschloch ist, und Max merkt es nie. Und Ben hat es immer geahnt, aber nie den Mut, vielleicht auch nicht die Chance gehabt, sein Schicksal zu wenden. So mächtig Begleys Männer auch scheinen, sie sind immer auch erbärmlich.
- Datum 19.11.1998 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1998
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