Wenn Sie diesen Satz zu Ende gelesen haben, ist schon wieder einem Penis, vermutlich im jüdischen oder einem islamischen Staat, die Vorhaut abhanden gekommen. Allein in den USA, dem einzigen Land, das es ohne religiöse Gründe zu einer beschnittenen Männermehrheit gebracht hat, wird an sechs von zehn männlichen Neugeborenen der dort häufigste aller Eingriffe durchgeführt. 3300mal Tag für Tag. Macht alle dreißig Sekunden eine Beschneidung.

Pardon: sexuelle Verstümmelung. Denn seit sich, vor allem in den USA und im Internet, spärlicher noch in Europa, auch zu dieser Facette menschlichen Leids Selbsthilfegruppen gebildet haben, zählt das abgetrennte Stück Fleisch wieder mehr als bloß ein Fetzen Haut. Ohne die - je nach Schnittstelle - 20 bis 75 Quadratzentimeter Vorhautfläche, so die Botschaft der Antibeschneidungsaktivisten, ohne die 80 Meter Nerven, ohne die darin steckenden 1000 Nervenenden, die das Stück ex aequo mit Lippen und Fingern zum empfindlichsten sensorischen Organ machen, quält sich der sexuell Aktive lustloser durchs Leben. Denn laut Studien des französischen Urologen Gérard Zwang wird bei der Beschneidung nicht nur ein hochempfindliches Teil weggeschnitten, sondern auch ein Organ frei- und damit trockengelegt, das als inneres Organ gedacht sei: die Penisspitze mit ihrer weichen, feuchten, hochempfindlichen Oberfläche. Die Drainage der Eichel führe zu einem desensibilisierten Penis, zu verminderter Gleitfähigkeit, zu Spannungsgefühlen bei der Erektion und letztlich zum Teilverlust des sexuellen Spaßes. Die Ärzte, Psychologen, Juristen und Menschenrechtsexperten, die sich kürzlich zum fünften internationalen Symposium über sexuelle Verstümmelung in Oxford trafen, waren sich über die Verheerungen, die der Schnitt in der männlichen Libido anrichtet, einig. Diese Tatsache werde in den Krankenhäusern und Arztpraxen der westlichen Welt ignoriert. Zudem kamen sie zum provozierenden Schluß, daß es keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen der Beschneidung weiblicher und männlicher Genitalien gebe. In beiden Fällen werde das sexuelle Empfindungsvermögen erheblich reduziert, ohne die Möglichkeit der Fortpflanzung zu zerstören.

Über einen gewichtigen Unterschied aber referierten die von der amerikanischen Beschnittenen-Lobby National Organisation of Circumcision Resource Centers (NOCIRC) und der britischen Filiale der National Organization of Restoring Men (NORM) geladenen Referenten einen ganzen Tag: Beim Mann gibt es ein Zurück zur verhüllten Penisspitze. Die männliche Beschneidung ist reversibel, ohne Skalpell, dafür mit Geduld - und Klebestreifen.

Der Kalifornier Wayne Griffiths, Leiter von NORM, erklärte die Techniken, mit denen sich am verbliebenen Hautrest so zupfen läßt, daß sich spätestens nach zwei Jahren der Beschnittene wieder als intakter Mann fühlen kann. Beständiges Dehnen - zehn bis zwölf Stunden täglich - übt eine Spannung auf das Gewebe des Penisschaftes aus und veranlaßt die Haut zur Bildung neuer Zellen. Mit Pflaster wird erst der Hautrest bis über die Eichel gezogen und angeklebt. Später sorgen Gummiringe und Metallgewichte für die nötige Spannung. Die restaurierte Vorhaut könne die unempfindlich gewordene Eichel wieder sensibler machen, ja sogar zur Behebung von Impotenz beim beschnittenen Mann führen, berichteten die Experten in Sachen Vorhaut-Wiederherstellung.

Die Idee einer sogenannten Restoration ist nicht neu. Die erste Beschreibung einer chirurgischen Wiederherstellung stammt vom Römer Celsus. Johann Friedrich Dieffenbach, Begründer der modernen plastischen Chirurgie, verfeinerte im 19. Jahrhundert die antiken Methoden. Die chirurgische Restoration mit Hilfe angenähter Hautlappen birgt auch heute noch Risiken und ist obendrein teuer. Billiger geht es ohne Skalpell. Die auf dem US-Markt angebotenen tuggers, an der Haut zerrende Zylinder aus rostfreiem Stahl, gibt es in allen möglichen Größen und je nach Stadium des Dehnungsprozesses in verschiedenen Gewichtsklassen. Erste Erfolge verspricht der Hersteller nach zwei Monaten, das Erreichen der gewünschten Länge nach ein bis zwei Jahren. Jeansträger müssen in dieser Zeit allerdings ihre Gewohnheit ändern. Für eine "diskrete Performance" wird "locker sitzende Kleidung empfohlen".

Warum aber, fragen sich beschnittene Männer, die ihr Schicksal ein Leben lang ohne Muckser ertragen haben, wird bei Jungen "dort unten" überhaupt etwas abgeschnitten? Juden gilt die Männerbeschneidung seit Abraham als Zeichen ihres Bundes mit ihrem patriarchalen Gott. Neben dem religiösen Aspekt handelt es sich auch um ein Reinigungsritual. Denn in den Regionen, in denen seit Jahrtausenden am kleinen Freund herumgeschnitten wird, herrscht oft Wassermangel. Entsprechend schwierig gestaltete sich die regelmäßige Reinigung, und Stammesführer Abraham, so wird vermutet, wählte die effektivste Methode, Erkrankungen vorzubeugen, die sich im immerfeuchten Mikrobenbiotop unter der Vorhaut anbahnen können. Auch im Islam ist der Eingriff noch heute fester Bestandteil. Und in den USA wurde er gängige Praxis, nachdem 1870 der Arzt Lewis Sayre mit missionarischem Eifer die Vorzüge der Beschneidung zu predigen begann, nachdem er angeblich einen Fünfjährigen mittels Beschneidung von einer Lähmung geheilt hatte.

Moralapostel des Viktorianischen Zeitalters begrüßten die Reduzierung der Empfindungsfähigkeit als willkommenen Effekt und feierten die Zirkumzision als Präventivmaßnahme gegen Masturbation, als "Befreiung" von Selbstbefriedigungsgelüsten. Ihnen hatte nicht gepaßt, daß der heranwachsende Jugendliche unter der Dusche spätestens beim Zurückziehen der Vorhaut und Einseifen der Eichel einen Lustgewinn verspüren könnte. Ohne Vorhaut fiel das verführerische Rubbeln weg.