Lieber Herr Siebeck,

ich schreibe Ihnen, um Sie zu belehren. Das mögen Sie wahrscheinlich nicht, aber es ist an der Zeit, daß Ihnen mal jemand erklärt, was Gentechnik ist, da Sie sich schon mehrmals in recht sonderbarer Weise über "genetisch veränderte Lebensmittel" aufgeregt haben. Ich sollte vielleicht, damit Sie den Rest des Briefes noch lesen, erklären, daß ich Ihre Beiträge meistens mag und daß ich gerne esse und gerne koche, allerdings sicher nicht so gut wie Sie, da haben Sie mir etwas voraus. Beruflich habe ich mit Genforschung (aber nicht mit Gen-Food) zu tun, da habe ich Ihnen etwas voraus. Ich bin der Ansicht, und das möchte ich Ihnen auch genau erklären, daß die Gentechnik, entgegen Ihren Aussagen, ganz besondere Möglichkeiten im Vergleich zur herkömmlichen Pflanzenzucht hat, gerade wenn es um Geschmacksfragen geht. Allerdings hat sie diese meines Erachtens noch nicht überzeugend eingesetzt.

Was sind Gene?

Gene enthalten die Bauanleitung für alle Stoffe in einer Pflanze. Eine Pflanze hat etwa 20000 verschiedene Gene. Jede Pflanzenzelle enthält alle diese Gene in doppelter Ausführung, je eines von der Mutter, und eines vom Vater. Die Information in diesen Genen gleicht einem Rezept, das, ausgeführt, einen Pflanzenstoff ergibt (es gibt also 20000 Produkte der Pflanzengene, die meisten kennt man noch gar nicht). In den einzelnen Zellen sind jeweils nur die Stoffe vorhanden, die dort gebraucht werden, also Blattgrün in den Blättern, Gift in den Knollen, Aromastoffe in den Früchten. Entsprechende Gene verschiedener Pflanzen sind ähnlich, aber nicht identisch. Deshalb sind auch die Stoffe nicht identisch und die Pflanzen jeweils anders.

Was unterscheidet Kultur- und Wildpflanzen?

Wildpflanzen setzen sich meist gut durch, weil ihre Gene Abwehrstoffe produzieren: Beim Wildapfelbaum werden etwa die Rostpilze von irgendeinem Gift in den Blättern abgeschreckt, der Apfelstecher findet die Schale zu hart, die Äpfel zu bitter, kein Mensch ißt sie freiwillig, weil sie holzig, klein und sauer sind. Ein kultivierter Apfelbaum hat Bitterstoffe, Holziges, Säure et cetera meist verloren - dafür hat der Apfel Aroma, Saft und Süße, er schmeckt uns. Aber Apfelstecher, Rost, Vögel und Nachbarbuben mögen ihn ebenfalls. Faulen tut er auch schnell, weil die Schale so dünn ist und leicht Fäulnisbakterien eindringen können.

Worin unterscheiden sich die Gene von Wild- und Zuchtapfelbaum? Der Zuchtbaum hat viele Eigenschaften des wilden Vorfahren verloren: viele Gene für Bitter- und Kampfstoffe, die ihn widerstandsfähig gegen Fraßfeinde und Infektionen machen. Gut für den Feinschmecker, schlecht für die Pflanze. Deshalb muß der Baum geschützt und beschnitten werden, damit seine Äste die großen Früchte tragen können. Man spritzt auch besser, wenn nicht viele Äpfel verwurmt sein sollen.