Angst essen Seele auf ...

Immer mehr Streß am Arbeitsplatz belastet nicht nur die Mitarbeiter,sondern auch die Unternehmen

Bruno Meier

macht Karriere. Er zieht einen internationalen Fachgroßhandel hoch, schafft 70 Millionen Mark Umsatz, wird Präsident des Fachverbandes und Vorsitzender des Tennisclubs. Er hat immer mehr Erfolg - aber auch immer stärkere Kopfschmerzen; kann nachts längst nicht mehr schlafen. Er geht zum Arzt, doch der findet nichts. "Organisch war ich immer in Topform, ich bin ein Supersportler", sagt Meier stolz.

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Gegen die Beschwerden schluckt er Tabletten, ständig mehr, heimlich. Auf Dienstreisen in die Schweiz besorgt er sich die Medikamente rezeptfrei und fährt immer öfter über die Grenze. Bald konsumiert er "im Schnitt 20 Pillen - an guten Tagen", gibt er heute zu und gesteht: "Ich hab' die Nebenwirkungen der Tabletten zu spät erkannt. Man ist im Kopf nicht mehr klar, wird vergeßlich und kann nicht mehr entscheiden. Das ist das Allerschlimmste." Irgendwann schafft Meier sein Pensum nicht mehr, er verkauft seine Firma. Die Sucht hat ihn ruiniert. Er bekommt Magenprobleme, und sein Hausarzt reagiert endlich richtig. Er weist ihn in die Oberbergklinik im Schwarzwald ein, die sich auf Streßpatienten spezialisiert hat.

Typische Folgen von Streß sind Herzinfarkt und Krebs

Dort ist Meier unter seinesgleichen. Diplomaten, Designer, Manager, Richter, Ärzte, in der luxuriösen Privatklinik treffen sich die Stützen unserer Gesellschaft, ausgepowert und krank. Die meisten Patienten sind inkognito da, kommen depressiv oder suchtkrank und voller Scham über das eigene Versagen. Dabei geht es vielen vermeintlich gesunden Kollegen draußen nicht viel besser.

Das Karlsruher Institut für Arbeits- und Sozialhygiene, das seit zwölf Jahren Gesundheits-Checkups für deutsche Führungskräfte anbietet, kam nach der Auswertung von über 6000 Tests zu dem Schluß, daß 85 Prozent der untersuchten Manager an Beschwerden ohne organische Ursache leiden. Übermäßiger Streß ist ungesund, darüber sind sich die Wissenschaftler inzwischen weltweit einig. Typische körperliche Folgen sind etwa Bluthochdruck und Herzinfarkt, Magen-Darm-Erkrankungen oder Krebs. "Aber auch die Sucht ist ein sehr üblicher Weg zu reagieren", meint Jochen von Wahlert, Chefarzt in der Oberbergklinik. "Im Dauerstreß entwickeln viele Menschen Ängste oder Depressionen, die sie mit Alkohol oder Medikamenten bekämpfen." Arbeitssucht und Eßstörungen seien oft die Folge. Über einen Mangel an Kunden braucht sich von Wahlert nicht zu beklagen. "Jährlich", so schätzt er, "kommen 10 bis 15 Prozent mehr Patienten zu uns."

Die Managementgesetze der neunziger Jahre fordern ihre Opfer. Nach dem Motto "möglichst lean" bekommen in den Betrieben immer weniger Arbeitnehmer immer mehr Aufgaben zugeteilt. Und das scheint sich so bald auch nicht zu ändern. Als das Forsa-Institut im Auftrag der Time/ System Management Organisation Hamburg im August 500 Führungskräfte zu ihren Zukunftsperspektiven befragte, rechneten drei Viertel der Manager mit deutlich steigendem Leistungsdruck. "Bei deutschen Unternehmen stehen derzeit ganz zu Recht die Themen Globalisierung, Wettbewerb und Leistungsfähigkeit im Vordergrund", meint Michael Lorenz, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Kienbaum und Partner. "Das Dumme ist nur, daß viele Firmen dabei vergessen, daß sie die Mitarbeiter unterstützen müssen, mit den neuen Anforderungen zurechtzukommen."

"Das wird sich mittelfristig rächen", glaubt Professor Johannes Siegrist, Streßforscher am Institut für Medizinische Soziologie der Heinrich Heine Universität in Düsseldorf. In ein paar Jahren sei mit einem weiteren Anstieg der streßbedingten Krankheiten zu rechnen. Doch Streßabbau ist in deutschen Unternehmen zur Zeit höchstens ein Thema für den Betriebsarzt. Ob Siemens oder SAP, die deutschen Firmen bieten den Mitarbeitern zum Streßabbau bestenfalls einen Wochenendkurs in autogenem Training oder den betriebseigenen Squashplatz zum Austoben nach Feierabend. "In der Personaloder Organisationsentwicklung der Betriebe wird das Thema nicht berücksichtigt", bedauert Siegrist.

Die internationalen Forscher aber sind davon überzeugt, daß nur eine Kombinationstherapie wirkt. Zum einen müssen die Mitarbeiter lernen, mit ihrem persönlichen Streß umzugehen. Zum anderen aber müssen auch die Firmen umorganisiert werden. So fordern die Forscher zum Beispiel, daß die Mitarbeiter mehr Anerkennung für ihre Leistungen und mehr Entscheidungsspielräume bekommen, daß Arbeitszeiten flexibler gestaltet werden und unproduktives Zeitabsitzen im Büro nicht mehr als karrierefördernd gilt.

Streßforscher Siegrist und sein amerikanischer Kollege Robert Karasek haben zudem wissenschafliche Modelle entwickelt, mit deren Hilfe sich Streßfaktoren in einzelnen Unternehmen diagnostizieren und messen lassen. Wissenschaftler in Großbritannien und Schweden propagieren streßmindernde Organisationsstrukturen und testeten sie sehr erfolgreich an Großunternehmen wie ABB oder Zeneca.

"In Deutschland aber fehlt der Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Wirtschaft völlig", meint Professor Siegrist. Ein Grund dafür sei wohl, daß früher zum Thema Streß viel Unseriöses geschrieben worden sei. "Jetzt, wo wir wissenschaftliche Fakten haben, interessieren sich die Manager nicht mehr dafür."

Dabei ist Streßabbau nicht nur ein Thema für Mediziner und Menschenfreunde. Er rechnet sich auch. Zum einen nämlich entgehen den Unternehmen durch überforderte und damit leistungsschwächere Mitarbeiter Gewinne. Zum anderen entstehen enorme Kosten für die Gesellschaft, die für Streßfolgen wie Krankheit oder Frührente zu zahlen hat. Nachdem fromme Appelle wenig fruchteten, versuchen inzwischen denn auch immer mehr Streßforscher, Politiker und Manager mit Kostenrechnungen für das Thema zu ködern.

Die ersten Kalkulationen machten die Amerikaner. Sie rechneten Ende der achtziger Jahre aus, daß arbeitsbedingter Streß die Unternehmen in den Vereinigten Staaten rund 150 Milliarden Dollar jährlich kostet. Das britische Gesundheitsministerium und der britische Industrieverband schätzen allein die Kosten streßbedingter Fehlzeiten in den Firmen auf jährlich fünf Milliarden Pfund.

In Deutschland haben die beiden Wirtschaftswissenschaftler Winfried Panse und Wolfgang Stegmann von der Fachhochschule Köln vor zwei Jahren die Kosten von betrieblich verursachten Ängsten zusammengerechnet, wobei, so Stegmann, die Begriffe Angst und Streß in der Studie beinahe austauschbar seien. Nach ihren Berechnungen beträgt der Schaden für die deutsche Wirtschaft derzeit jährlich über 100 Milliarden Mark. "Dabei gehen allein durch die Bekämpfung von Streß mit Medikamenten 20 Milliarden Mark verloren", warnt Stegmann. "Wer Schlaftabletten nimmt, ist auch am nächsten Morgen nicht topfit und muß mit mindestens 20 Prozent Leistungseinbußen rechnen."

Wie können Streßkosten berechnet werden?

Bei der Kalkulation von Streßkosten müssen die Forscher mit vielen vagen Variablen rechnen: Die Opportunitätskosten, die den Firmen entstehen, weil gestreßte Mitarbeiter innerlich gekündigt haben, die Kosten für Fehlentscheidungen unter Druck, die Kosten für die Fehlzeit wegen einer streßbedingten Erkältung - oft müssen Schätzungen statt Statistiken herhalten.

Deshalb beschloß die Europäische Union 1995, nach Rechenmodellen zu suchen, mit denen sich Streßkosten europaweit einheitlich erfassen lassen. Im Auftrag der Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen in Dublin machten daraufhin Wissenschaftler in Skandinavien und Großbritannien die ersten Vorschläge. Die Wissenschaftler des Stockholmer Karolinska-Instituts etwa kamen dabei zu dem Ergebnis, daß Schweden allein für die medizinische Versorgung von Streßopfern, für krankheitsbedingte Fehlzeiten und Frühverrentung jährlich mindestens 900 Millionen Mark ausgibt, 10 Prozent der gesamten schwedischen Gesundheitskosten. Die Summe ist im Vergleich zu anderen nationalen Schätzungen gering. Die Forscher haben sich auf die statistisch erfaßten Streßkosten beschränkt. Ihr Modell ist deshalb, so gestehen sie selbst, "keine Ideallösung". Viele Kosten fehlen. Und auch die statistischen Fakten, die als Streßindikatoren gelten, sind nicht immer zuverlässig. So hat in Deutschland der Krankenstand gerade ein Rekordtief erreicht. Doch die Menschen sind nicht weniger gestreßt, im Gegenteil, sie haben Angst, wegrationalisiert zu werden, und lassen sich deshalb nicht mehr so oft krank schreiben. Die schwedische Streßrechnung nimmt solche Entwicklungen nicht auf.

Auch die deutschen Betriebskrankenkassen und Berufsgenossenschaften arbeiten derzeit an Modellen, um künftig die psychischen Belastungen am Arbeitsplatz zu analysieren und zu erfassen. Sie haben begriffen, wie teuer Streß sein kann. Am schnellsten von allen Europäern aber haben offensichtlich die Briten verstanden, daß sich die Überforderung von Mitarbeitern nicht auszahlt. In Großbritannien haben Streßforscher derzeit Hochkonjunktur, das britische Gesundheitsministerium beschäftigt sich mit dem Thema ebenso wie der britische Industrieverband, und auch die Firmen sind sensibilisiert.

Der Fall des Bankmanagers Nick Leeson war alarmierend

Der Fall Nick Leeson alarmierte die Nation. Der Wertpapierhändler der britischen Traditionsbank Barings hatte sich wiederholt, aber erfolglos über zuviel Streß beschwert. 1995 drehte der Mann, völlig überfordert, durch, verstieg sich in absurde Spekulationen und stürzte die Bank mit 800 Milliarden Pfund Verlusten in den Ruin.

Der Sozialarbeiter John Walker brachte die Firmen dann endgültig dazu, das Thema Streß ernst zu nehmen. Im November 1994 hatte der Mann seinen Dienstherrn, den Northumberland County Council, verklagt, weil er wegen Arbeitsüberlastung zwei Nervenkrisen erlitten hatte. Die Richter verurteilten 1996 den Arbeitgeber zur Zahlung von 175 000 Pfund Schadenersatz. Über 400 ähnliche Fälle sind bei britischen Gerichten anhängig.

Inzwischen, so meint Cary Cooper, Professor am Institute of Science and Technology der Universität Manchester, "gibt es in den Chefetagen ein Umdenken. Die Leute hier haben verstanden, daß Streß höheren Krankenstand, höhere Fluktuation und oft auch niedrigere Produktivität bedeutet." Doch die Manager ziehen nicht unbedingt die Konsequenzen, die Cooper und seine Kollegen propagieren. Statt ihre Firma streßfreier zu organisieren, machen immer mehr Chefs mit neuen Bewerbern einen Streßtest. Nur resistente Kandidaten werden genommen. So hoffen die Firmen künftig besser gewappnet zu sein.

Name von der Redaktion geändert

 
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