Ja, der Überlebende sieht ohnmächtig zu, wie man ihn um seine einzige Habe bringt: um die authentischen Erfahrungen. Ich weiß, viele stimmen mir nicht zu, wenn ich Spielbergs Film Schindlers Liste Kitsch nenne. Man sagt, Spielberg habe der Sache einen großen Dienst erwiesen, da sein Film Millionen in die Kinos lockte, darunter viele von denen, die dem Thema "Holocaust" sonst uninteressiert gegenüberstanden. Das mag stimmen. Doch warum soll ich als Überlebender des Holocaust und im Besitz weiterer Erfahrungen des Terrors mich darüber freuen, daß immer mehr Menschen diese Erfahrungen auf der Leinwand sehen - und zwar verfälscht? Es ist offenbar, daß der Amerikaner Spielberg, der übrigens in der Zeit des Krieges noch nicht auf der Welt war, keine Ahnung hat - und haben kann - von der authentischen Realität eines nazistischen Konzentrationslagers; warum quält er sich dann aber damit ab, diese ihm unbekannte Welt so auf die Leinwand zu bringen, daß sie in jedem Detail authentisch erscheine? Die wichtigste Botschaft seines Schwarzweißfilmes sehe ich in der am Ende des Films in Farbe erscheinenden siegreichen Menschenmenge; ich halte aber jede Darstellung für Kitsch, die nicht die weitreichenden ethischen Konsequenzen von Auschwitz impliziert und der zufolge der mit Großbuchstaben geschriebene MENSCH - und mit ihm das Ideal des Humanen - heil und unbeschädigt aus Auschwitz hervorgeht. Wenn es so wäre, würden wir heute nicht mehr über den Holocaust reden oder höchstens so wie von einer fernen historischen Erinnerung, wie, sagen wir, von der Schlacht bei El-Alamein. Für Kitsch halte ich auch jede Darstellung, die unfähig - oder nicht willens - ist zu verstehen, welcher organische Zusammenhang zwischen unserer in der Zivilisation wie im Privaten deformierten Lebensweise und der Möglichkeit des Holocaust besteht; die also den Holocaust ein für allemal als etwas der menschlichen Natur Fremdes festmacht, ihn aus dem Erfahrungsbereich des Menschen hinauszudrängen versucht. Doch für Kitsch halte ich auch, wenn Auschwitz zu einer Angelegenheit bloß zwischen Deutschen und Juden, zu etwas wie einer fatalen Unverträglichkeit zweier Kollektive degradiert wird; wenn man von der politischen und psychologischen Anatomie der modernen Totalitarismen absieht; wenn man Auschwitz nicht als Welterfahrung auffaßt, sondern auf die unmittelbar Betroffenen beschränkt. Darüber hinaus halte ich natürlich alles für Kitsch, was Kitsch ist.

In Ungarn wird anders über den Holocaust geschwiegen

Vielleicht habe ich noch nicht erwähnt, daß ich hier von Anfang an von einem Film spreche, von Roberto Benignis Das Leben ist schön. In Budapest, wo ich diese Zeilen schreibe, wurde der Film (noch?) nicht gezeigt. Und falls er später gezeigt werden sollte, wird er sicher nicht die Diskussionen auslösen, die er, wie ich höre, in Westeuropa hervorgerufen hat; hier wird anders über den Holocaust geschwiegen, anders über ihn gesprochen (wenn sich denn über ihn zu sprechen nicht vermeiden läßt) als in Westeuropa. Hier gilt der Holocaust seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges durchgängig bis zum heutigen Tag als ein sozusagen "heikles", durch Schutzwälle aus Tabus und Euphemismen vor dem "brutalen" Wahrheitsfindungsprozeß geschütztes Thema.

So habe ich den Film mit, man kann sagen, unschuldigem Blick angesehen (von einer Kassette). Da ich die Vorwürfe nicht kenne und die kritischen Texte nicht gelesen habe, kann ich mir, ehrlich gesagt, nicht gut vorstellen, was an diesem Film so umstritten sein soll. Ich glaube, da läßt sich wieder ein Chor von Holocaust-Puritanern, Holocaust-Dogmatikern, Holocaust-Usurpatoren hören: "Kann man, darf man so über Auschwitz reden?" Aber was heißt, genauer betrachtet, dieses so? Nun, so humorvoll, mit den Mitteln der Komödie - würden die wohl sagen, die den Film mit den Scheuklappen der Ideologie gesehen (genauer: nicht gesehen) und nicht ein Wort, nicht eine Szene daraus verstanden haben.

Benignis Auschwitz-Film ist tragisch, nicht komisch

Vor allem ist ihnen entgangen, daß Benignis Idee nicht komisch, sondern tragisch ist. Zweifellos entfaltet sich die Idee, wie auch die Hauptfigur des Guido, nur sehr langsam. In den ersten 20, 30 Minuten des Films fühlen wir uns zwischen die Kulissen irgendeiner altmodischen Burleske versetzt. Erst später versteht man, wie organisch sich diese unmöglich scheinende Einführung in die Dramaturgie des Films - und des Lebens - einfügt. Während man die Slapstick-Einlagen des Haupthelden nach und nach als unerträglich empfindet, tritt hinter der Maske des Clowns langsam der Zauberer hervor. Er erhebt seinen Stab, und von nun an ist jedes Wort, jeder Zentimeter Film durchgeistigt. In dem der Videokassette beigegebenen Informationsheft lese ich, daß die Macher des Films große Sorgfalt auf die Alltagswelt des Lagers, auf die Authentizität der Gegenstände, der Requisiten und so weiter verwendet hätten. Zum Glück ist ihnen das nicht gelungen. Die Authentizität steckt zwar in den Details, aber nicht unbedingt in den gegenständlichen. Das Tor des Lagers im Film ähnelt der Haupteinfahrt des realen Lagers Birkenau ungefähr so, wie das Kriegsschiff in Fellinis Schiff der Träume dem realen Flaggschiff eines österreichischungarischen Admirals gleicht. Hier geht es um etwas ganz anderes: Der Geist, die Seele dieses Films sind authentisch, dieser Film berührt uns mit der Kraft des ältesten Zaubers, des Märchens.

Auf dem Papier sieht dieses Märchen, auf den ersten Blick, ziemlich unbeholfen aus. Guido lügt seinem vierjährigen Sohn Giosuè vor, Auschwitz sei nur ein Spiel; es werde nach Punkten bewertet, wie man die Schwierigkeiten übersteht, und der Sieger werde einen "echten Panzer" gewinnen. Aber hat diese Erfindung nicht eine ganz wesentliche Entsprechung in der erlebten Wirklichkeit? Man roch den Gestank des verbrannten Fleisches und wollte doch nicht glauben, daß das alles wahr sein könnte. Lieber suchte man Überlegungen, die zum Überleben verlockten, und ein "echter Panzer" ist für ein Kind genau solch ein verführerisches Versprechen.