Die Überlebenden müssen sich damit abfinden: Auschwitz entgleitet ihren mit dem Alter immer schwächer werdenden Händen. Aber wem wird es gehören? Keine Frage: der nächsten Generation und dann den darauffolgenden - natürlich solange sie Anspruch darauf erheben.

Es ist etwas erschütternd Zweideutiges in der Eifersucht, mit der die Überlebenden auf dem alleinigen geistigen Eigentumsrecht am Holocaust bestehen. Als wäre ihnen ein einzigartiges großes Geheimnis zugefallen. Als bewahrten sie einen unerhörten Schatz vor dem Verfall und - ganz besonders - vor mutwilliger Beschädigung. Ihn vor dem Verfall zu bewahren liegt einzig bei ihnen, der Kraft ihrer Erinnerung; doch wie sollen sie der Beschädigung, also der Aneignung durch andere begegnen, wie der Verfälschung, den Manipulationen aller Art und vor allem dem mächtigsten Gegner, der Vergänglichkeit? Ängstliche Blicke kleben an jeder Zeile von Büchern über den Holocaust, an jedem Zentimeter Film, der den Holocaust erwähnt: Ist die Darstellung glaubwürdig, die Geschichte exakt, haben wir wirklich das gesagt, es so empfunden, stand der Kübel tatsächlich dort, in genau dieser Ecke der Baracke, waren der Hunger, der Zählappell, die Selektion wirklich so? Und so weiter ... Doch was ist diese Versessenheit auf die peinlichen - und peinigenden - Details, statt daß wir diese schnellstens zu vergessen versuchen? Es scheint, daß mit dem Abklingen der lebendigen Empfindung das unvorstellbare Leid und die Trauer in der Qualität eines Wertes in einem weiterleben, an dem man nicht nur stärker als an allem anderen festhält, sondern den man auch allgemein anerkannt und angenommen wissen will.

Und hier steckt die Zweideutigkeit, von der ich eingangs sprach. Denn dafür, daß der Holocaust mit der Zeit tatsächlich Teil des europäischen - zumindest des westeuropäischen - öffentlichen Bewußtseins wurde, war der Preis zu entrichten, den Öffentlichkeit zwangsläufig fordert. Es kam sogleich zu einer Stilisierung des Holocaust, die heute schon fast unerträgliche Ausmaße annimmt. Ist doch schon das Wort "Holocaust" eine Stilisierung, eine gezierte Abstraktion der deutlich brutaler klingenden Wörter "Vernichtungslager" oder "Endlösung". Es muß vielleicht auch nicht verwundern, daß, während immer mehr über den Holocaust geredet wird, seine Realität - der Alltag der Menschenvernichtung - dem Bereich des Vorstellbaren zunehmend entgleitet. Ich selbst sah mich gezwungen, in mein Galeerentagebuch zu schreiben: "Das Konzentrationslager ist ausschließlich als Literatur vorstellbar, als Realität nicht. (Auch nicht - und sogar dann am wenigsten -, wenn wir es erleben.)" Der Zwang zum Überleben gewöhnt uns daran, die mörderische Wirklichkeit, in der wir uns behaupten müssen, so lange wie möglich zu verfälschen, während der Zwang zum Erinnern uns verführt, eine Art Genugtuung in unsere Erinnerungen zu schmuggeln, den Balsam des Selbstmitleids, die Selbstglorifizierung des Opfers. Und solange wir uns den lauwarmen Wellen später Solidarität (oder des Anscheins von Solidarität) überlassen, lassen wir die wirkliche und keineswegs ohne Bedenken gestellte Frage, die hinter den Phrasen der offiziellen Trauerreden herauszuhören wäre, an unserem Ohr vorbeigehen: Wie soll sich die Welt von Auschwitz, von der Last des Holocaust befreien?

Ich glaube nicht, daß diese Frage ausschließlich aus unlauteren Motiven gestellt werden kann. Es ist eher eine natürliche Sehnsucht, auch die Überlebenden ersehnen ja nichts anderes. Allerdings haben mich die Jahrzehnte gelehrt, daß der einzig gangbare Weg der Befreiung durch das Erinnern führt. Doch es gibt verschiedene Weisen des Erinnerns. Der Künstler hofft darauf, daß er über die genaue Beschreibung, die ihn noch einmal die tödlichen Pfade entlangführt, schließlich zur edelsten Form der Befreiung gelangt, zur Katharsis, an der er vielleicht auch noch seinen Leser teilhaben lassen kann. Doch wie viele solcher Werke sind in den letzten Jahrzehnten entstanden? An beiden Händen könnte ich die Schriftsteller abzählen, die aus der Erfahrung des Holocaust wirklich große Literatur von Weltgeltung hervorgebracht haben. Ein Paul Celan, ein Tadeusz Borowski, ein Primo Levi, ein Jean Améry, eine Ruth Klüger, ein Claude Lanzmann oder ein Miklós Radóti begegnet uns überaus selten.

Am Ende sind es die Opfer, die als unversöhnlich gelten

Viel häufiger geschieht es, daß man den Holocaust seinen Verwahrern entwendet und billige Warenartikel aus ihm herstellt. Oder daß man ihn institutionalisiert, ein moralisch-politisches Ritual um ihn errichtet und einen - oft falschen - Sprachgebrauch konstituiert; Wörter werden der Öffentlichkeit aufgenötigt und lösen beim Hörer oder Leser fast automatisch den Holocaust-Reflex aus: Auf jede mögliche und unmögliche Weise wird der Holocaust den Menschen entfremdet. Der Überlebende wird belehrt, wie er über das denken muß, was er erlebt hat, völlig unabhängig davon, ob und wie sehr dieses Denken mit seinen wirklichen Erfahrungen übereinstimmt; der authentische Zeuge ist schon bald nur im Weg, man muß ihn beiseite schieben wie ein Hindernis, und am Ende bestätigen sich die Worte Amérys: "Als die wirklich Unbelehrbaren, Unversöhnlichen, als die geschichtsfeindlichen Reaktionäre im genauen Wortverstande werden wir dastehen, die Opfer, und als Bet riebspanne wird schließlich erscheinen, daß immerhin manche von uns überlebten."

Ein Holocaust-Konformismus entwickelte sich, ein Holocaust-Sentimentalismus, ein Holocaust-Kanon, ein Holocaust-Tabusystem und die dazugehörige zeremonielle Sprachwelt; Holocaust-Produkte für den Holocaust-Konsumenten wurden entwickelt. Die Auschwitz-Lüge entwickelte sich. Doch es entstand auch die Figur des Auschwitz-Schwindlers. Inzwischen kennen wir einen mit Literatur- und Menschenrechtspreisen überhäuften Holocaust-Guru, der aus erster Hand von seinen im Vernichtungslager Majdanek gesammelten unbeschreiblichen Erfahrungen berichtete, die ihm als drei- oder vierjährigem Kind dort widerfahren seien, bis man feststellte, daß er zwischen 1941 und 1945 - wenn nicht im Kinderwagen oder zum Zwecke eines gesundheitsfördernden Spaziergangs - keinen Fuß vor die Tür seines bürgerlichen Schweizer Zuhauses gesetzt hat. Inzwischen leben wir inmitten von dinosaurierhaftem Spielberg-Kitsch und dem absurden Stimmengewirr aus der unfruchtbaren Diskussion um das Berliner Holocaust-Mahnmal; und man wird sehen, es kommt die Zeit, da die Berliner, und natürlich die dorthin verschlagenen Fremden (mir erscheinen vor allem die Gruppen beflissener japanischer Touristen vor meinen Augen), in peripatetische Betrachtungen versunken und umbraust vom Berliner Verkehrslärm in dem mit Kinderspielplatz ausgestatteten Holocaust-Par k spazierengehen, während ihnen Spielbergs 48 239 Interviewpartner ihre eigene, individuelle Leidensgeschichte in die Ohren flüstern - oder brüllen? (Denke ich darüber nach, was es auf diesem Holocaust-Spielplatz, der nach einer vor Monaten in der FAZ vorgeschlagenen Deutung ein Geschenk der ermordeten jüdischen Kinder an ihre unbekannten Berliner Kameraden wäre, für Spiele geben mag, dann kommt mir, ich kann nichts dafür, offensichtlich infolge meines in Auschwitz verdorbenen Assoziationshaushalts, sofort die Boger-Schaukel in den Sinn, dieses im Frankfurter Auschwitz-Prozeß bekannt gewordene Gerät, auf das sein Konstrukteur, der erfindungs reiche SS-Unterscharführer Boger, seine Opfer spielerisch mit dem Kopf nach unten anschnallte, um ihre derart ausgelieferten Hinterteile zum Spielzeug seines sadistischen Wahns zu machen.)