Die Erlösung der Mandarine
Mao isolierte China. Jetzt rückt sein Nachfolger Jiang das Reich in die Mitte der Weltpolitik
Peking
Wie denn damals die Gipfeltreffen mit Mao verliefen, möchten wir von einem Doyen der chinesischen Diplomatie erfahren. Der alte Kommunist lächelt sanft: "Es ging um die Parteilinie, und im Zweifelsfall sprach Mao philosophisch. Er konnte ausländischen Delegationen stundenlang seine Dialektik vortragen, die erst aus seinem südchinesischen Dialekt ins Mandarin und dann in die Sprache seiner Gäste übersetzt wurde." Das waren die Zeiten, nur 30 Jahre ist es her, in denen China in der Welt allein stand: gegen die Supermächte USA und Sowjetunion, gegen Japan und Indien, bejubelt nur von den westlichen Studentenbewegungen der sechziger Jahre, die in Mao ihren kulturrevolutionären Helden entdeckten.
Doch nun hat sich die Weltlage verändert. China steht nicht mehr allein. Spätestens die asiatische Finanz- und Wirtschaftskrise hat enthüllt, welch zentralen Platz die Volksrepublik in den Zeiten der Globalisierung einnimmt. Ihre Währungsstabilität rettete Asien in den zurückliegenden Krisenmonaten vor noch tieferen Einbrüchen. Welche außenpolitischen Ziele verfolgt Peking heute, wo sieht es seinen Platz in der Welt?
China, und vorerst nicht mehr Japan, garantiert heute Wachstum - oder zumindest die Hoffnung darauf - für einen Kontinent, auf dem die Mehrheit der Menschheit lebt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist der Rollenwandel Chinas auf der Weltbühne, von der das Land vor zwei Jahrhunderten abgetreten war, die wohl bedeutendste internationale Entwicklung der vergangenen zwei Jahrzehnte. Die Volksrepublik ist in dieser Zeit zum Magneten für die Investitionen von Ausländern und Auslandschinesen geworden. Sie hat trotz der Asienkrise die Aussicht, im kommenden Jahrhundert zur größten Volkswirtschaft der Welt anzuwachsen. Allein die Folgen des Tiananmen-Massakers, dem der fruchtlose, weil wirtschaftlich nicht mehr durchführbare Versuch einer Isolierung Pekings durch den Westen folgte, konnten das historische Comeback Chinas eine Zeitlang verdecken.
Bis in die achtziger Jahre gab es keine Pekinger Außenpolitik
"Das große China steckt voller Widersprüche. Die kommunistische Diktatur wird dort gewiß keine weiteren 40 Jahre überdauern", weissagte ein forscher Joschka Fischer in der Opposition. Doch im ZEIT- Interview hat er sich jüngst mit Kritik an Peking zurückgehalten. Einerseits weiß er um die notorischen Rückschläge im deutsch-chinesischen Verhältnis wie zuletzt die offensichtlich unbegründete Ausweisung des Pekinger Spiegel- Korrespondenten Jürgen Kremb. Andererseits spürt er, daß die außenpolitischen Erfolge der Volksrepublik seit dem Ende der Mao-Zeit in Deutschland von vielen unterschätzt werden.
Das bessere Verstehen begann mit Deng Xiaoping: "Franz Josef Strauß und Helmut Schmidt waren Mitte der siebziger Jahre seine ersten westdeutschen Gäste. Von da an erfaßten diese Spitzentreffen die konkrete internationale Lage", erinnert sich ein chinesischer Spitzendiplomat.
Man kann den Wandel in der chinesischen Außenpolitik also durchaus mit dem Aufbau Pekings oder Shanghais vergleichen: Wo sich früher Bauernhütten duckten, recken sich heute Hochhäuser. Noch vor 20 Jahren saßen im Pekinger Außenministerium fromme Parteischüler abgeschottet von der Welt und rezitierten die Worte ihrer Parteiführer. Heute genügt ein Anruf im Planungsstab des Ministeriums - und beim anschließenden Treffen im Café läßt sich frei über die Weltstrategien Pekings und des Pentagons diskutieren. Im Gegensatz zu den älte- ren Diplomaten, die ihre Auslandserfahrungen meist in einem sozialistischen Land machten, studieren die jüngeren heute im Westen. Man merkt es ihnen an. China verfügt heute über einen auswärtigen Dienst, mit dem es sich in der Welt sehen lassen kann.
Durch die neue Professionalität seiner Außenpolitik ist China berechenbarer geworden. "Nie zuvor in der Geschichte waren die Grenzen unseres Landes so sicher wie heute", konstatiert ein Vertreter der Ministerialelite. Mit Rußland, Nordkorea, Vietnam und Kasachstan sind die Territorialverhandlungen ein gutes Stück vorangekommen, mit Indien und Japan wurden sie im beiderseitigen Einverständnis behutsam zur Seite gelegt. Heute droht an keiner Ecke des Riesenreichs ein Grenzkrieg. Für die Mandarine, die sich in einer 5000jährigen Geschichte sehen, in der ihr Reich ständig von ausländischen Invasoren bedroht war, ist das ein Zustand der Erlösung. Noch Mao hatte fest an eine Invasion sowjetischer Truppen geglaubt und jedwede Außenpolitik, auch das mit US-Präsident Nixon 1971 begründete Zweckbündnis, danach ausgerichtet. Er beherzigte, was für alle Kaiser der Vergangenheit galt: Außenpolitik dient der Verhinderung von Krieg. Erst Deng verwarf das Mao-Motto "Krieg oder Frieden" und ersetzte es durch "Frieden und Entwicklung". Seither beherrscht das wirtschaftliche Kalkül die Außenbeziehungen der Volksrepublik.
Jiangs Japan-Visite ist ein Akt chinesischer Selbstüberwindung
In den neunziger Jahren machte die chinesische Diplomatie dann noch einmal einen großen Sprung: Jetzt entdeckte man die Außenpolitik als konstruktives Element beim Aufbau internationaler Beziehungen. China, das bis dahin meist bilateral agiert hatte, verstärkte schlagartig sein Engagement in multilateralen Foren wie der Apec, der asiatisch-amerikanischen Wirtschaftskooperation. In den Vereinten Nationen verhielt sich Peking immer umgänglicher. Die wirtschaftliche Öffnung hatte bewiesen, wie wichtig ausländische Investitionen für den Aufbau einer modernen Volkswirtschaft waren. Exporte kurbelten das chinesische Wirtschaftswachstum an.
Vor diesem Hintergrund konnte sich die Diplomatie nicht länger mit der Beilegung von Grenzkonflikten und der Pflege gutnachbarschaftlicher Beziehungen begnügen. Sie mußte vielmehr aktiv für Vertrauen in eine Republik werben, die mit Ende des Kalten Krieges plötzlich zum einzig denkbaren Supermachtkonkurrenten der USA im 21. Jahrhundert avancierte.
Das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989, bei dem die Volksarmee Hunderte, wenn nicht Tausende von Demonstranten niedermetzelte, erschwerte diese Aufgabe ungemein. Doch gerade damals stellte die chinesische Außenpolitik ihre Eigenständigkeit gegenüber der innenpolitisch repressiven Parteilinie unter Beweis. Qian Qichen, Außenminister von 1988 bis Januar 1998, behielt seinen Posten, obwohl sich sein Sohn an den Protesten der Studenten beteiligt hatte und anschließend nach Amerika geflohen war. In einem anderen Amt hätte das den Vater Kopf und Kragen gekostet. Doch auf das hohe professionelle Ansehen Qians, in dem viele heute den ersten Stardiplomaten Chinas überhaupt erkennen, konnte auch die im Frühjahr 1989 neueingewechselte Parteiführung nicht verzichten. So blieb Qian der einzige Spitzenpolitiker, der nach dem Massaker keine ideologischen Reden halten mußte und statt dessen mit wortgewandtem Pragmatismus die Kontinuität der chinesischen Öffnungspolitik im Ausland beschwor.
Qians redliche Bemühungen zahlten sich aus. Im Oktober 1992 besuchte Kaiser Akihito als erstes japanisches Staatsoberhaupt der Geschichte die Volksrepublik. Der Gegenbesuch von Staatspräsident Jiang in Japan findet in dieser Woche statt - ein ungeheurer Kraftakt chinesischer Selbstüberwindung. Ewige Zeiten galt Japan als Vasallenstaat des Kaiserreichs. Dann folgten in diesem Jahrhundert die japanische Invasion und der Völkermord von Nanking, für den es bis heute keine klare Entschuldigung aus Tokyo gibt. Und doch trauen sich Pekinger Diplomaten nunmehr zu sagen, daß ohne die Zusammenarbeit mit Japan der wirtschaftliche Aufbau Chinas im 21. Jahrhundert undenkbar bleiben muß.
Hohe Barrieren trennten die Volksrepublik auch von ihrem großen Nachbarn im Norden. Schon immer drohte Gefahr aus dieser Himmelsrichtung: Mongolen und Mandschus hatten ganze Dynastien hinweggefegt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hielt die Rote Armee den gesamten Nordosten Chinas besetzt. Auch deshalb war die Angst vor der Sowjetunion groß. Inzwischen spricht vieles dafür, daß die Herrschaftscliquen beider Länder begriffen haben, wie sinnlos ihre alten geopolitischen Streitereien um Sibirien, die Mandschurei und Zentralasien im Informationszeitalter geworden sind. Zwischen Kuala Lumpur und Tokyo hat Jiang dem kranken Jelzin gerade einen Arbeitsbesuch abgestattet. Es war das sechste Treffen der beiden Staatschefs. Weder Mao noch Deng kamen je nach Moskau.
Vergleichbare Durchbrüche erzielte die Volksrepublik in den neunziger Jahren auch zu Nachbarstaaten wie Südkorea und Vietnam, mit denen sie früher blutige Kriege geführt hatte. Nur Indien wies die chinesischen Offerten zurück: Seine Atomversuche in diesem Jahr sollten den Subkontinent als zweite Großmacht Asiens etablieren. Seither spricht die indische Regierung offen von der chinesischen Bedrohung.
Im gleichen Sinne entwickelten sich die Beziehungen zu Europa, wo China heute mit Frankreich und Großbritannien über "allumfassende Partnerschaften" verfügt. Pekings Ansinnen, ein ähnliches Vertragswerk auch mit der Bundesrepublik zu unterzeichnen, wird nun zu einem Prüfstein für Joschka Fischer werden. Der Außenminister muß entscheiden, ob er es damit anderen westlichen Ländern nachtut oder - wie die Chinesen das sehen würden - ob er ein eigenständiges Verhältnis zwischen zwei bedeutenden Mächten begründet.
Tatsächlich ist der außenpolitische Schmusekurs des Westens mit den Pekinger Kommunisten ja nicht risikolos. Alle sagen, der Westen müsse China einbinden. Aber welches China dabei heranwächst, bleibt offen. Trotz des Pragmatismus, der heute in Peking regiert, bleiben die Ziele der chinesischen Außenpolitik unklar. Das beginnt dort, wo die Probleme scheinbar gelöst sind: bei der Territorialfrage. China erhebt Anspruch auf das riesige Seegebiet des Südchinesischen Meeres rund um die Spratly-Inseln. Dort werden reichhaltige Ölvorkommen vermutet. Für die südlichen Nachbarstaaten, die hier ebenfalls Gebietsansprüche geltend machen, symbolisiert der Spratly-Konflikt die ständige Bedrohung durch eine Machtausdehnung Chinas. Auch Taiwan fühlt sich bis heute bedroht, weil Peking eine militärische Intervention noch immer nicht ausschließt.
Wie dauerhaft ist das chinesische Wirtschaftswunder?
Die Taiwanfrage gilt spätestens seit der Raketenkrise vor zwei Jahren als Lackmustest für das außenpolitische Verhalten Chinas. Im Effekt erscheint das Ergebnis von 1996, als amerikanische Flugzeugträger zur Verteidigung Taiwans vor der chinesischen Küste auftauchten, der Kubakrise von 1963 vergleichbar: Der plötzlich denkbare Krieg der Großmächte begründet anschließend eine Ära der Entspannungspolitik. Eine Zukunftsgarantie aber birgt auch das seither verbesserte Verhältnis zwischen Peking und Washington nicht. Denn sowenig, wie sich in den siebziger Jahren das friedliche Ende der Sowjetunion voraussehen ließ, so unmöglich ist heute schon vorauszusagen, welchen Weg China im 21. Jahrhundert gehen wird: den einer auftrumpfenden, nationalistischen Großmacht, die ihre Nachbarstaaten - wie es einst die Kaiser taten - zum Kotau zwingt, oder den Weg einer modernen Nation, die Einsehen in die Gleichberechtigung der Völker hat?
Folgt man Oskar Weggel, dem Senior unter den deutschen Chinaforschern, so gibt es Grund zur Hoffnung: "Mit seinem marktwirtschaftlichen Credo hat sich das reformerische China auf Interdependenzzwänge eingestellt." Die neue, "partnerschaftliche" Pekinger Außenpolitik beinhalte eine "Metamorphose von wahrhaft historischen Ausmaßen". Doch andere mißtrauen dieser Einschätzung: Pekings Weigerung, einer Nato-Intervention im Kosovo zuzustimmen oder militärische Sanktionen gegen den Irak zu billigen, verweisen aus Sicht westlicher Kritiker auf eine altmodische Auslegung des Völkerrechts. Zweifel anderer Art gründen auf den Erfahrungen der Asienkrise. "China ist nach außen stabil. Aber ist es das auch nach innen?" wurde kürzlich am Rande einer außenpolitischen Tagung der Pekinger Konrad-Adenauer-Stiftung mit chinesischen Experten gefragt. Nicht wenige fürchten ein Ende des Wirtschaftswunders, das notgedrungen auch unabwägbare außenpolitische Folgen haben könnte. Aber selbst wenn die Reformer in Peking Kurs halten können, drohen gewaltige Anpassungsprobleme. "Die Integration Japans in die Weltwirtschaft ist bis heute nicht bewältigt. China stellt den Westen vor ungleich größere Aufgaben", warnt der deutsche Botschafter in Peking, Konrad Seitz.
Auch der Blick aufs Ganze bleibt umstritten. Peking spricht jetzt gerne von einer "multipolaren Weltordnung" und unterstellt gerade Europäern und Japanern, daß auch sie eine Welt, in der nicht mehr alles auf Washington hört, im Herzen tragen. Daran mag grundsätzlich etwas richtig sein. Doch der Begriff "multipolar" ist problematisch: Er sieht in China den Pol oder die Mitte Asiens - und nicht in Japan. Im Kern enthält er zudem einen ideologischen Sprengsatz gegenüber dem Ansinnen auf eine universale Weltordnung, in der die Menschenrechte für alle verbindlich sind.
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1998
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