Soll Bonn die Auslieferung von PKK-Chef Abdullah Öcalan verlangen? Der Kurdenführer traf am 12. November in Rom ein und hat in Italien politisches Asyl beantragt. Doch gegen Öcalan liegt ein deutscher Haftbefehl vor: Er soll sich hierzulande allerdings allein für den Auftragsmord an einem "Abtrünnigen" 1984 in Rüsselsheim verantworten, nicht aber für die Gewalttaten der Kurdischen Arbeiterpartei außerhalb Deutschlands.

Mit Blick auf die knapp 2,3 Millionen Türken in Deutschland, von denen rund 400 000 Kurden sind, will die Bundesregierung die Kurdenfrage und die damit verbundene potentielle Gewalt nicht importieren. Solche Zurückhaltung ist rechtsstaatlich fragwürdig. Dennoch ist sie politisch legitim. Die möglichen Konsequenzen eines Prozesses für die innere Sicherheit sind nicht einfach von der Hand zu weisen. Deshalb handelt die Bundesregierung richtig, wenn sie auf eine Auslieferung des Kurdenführers verzichtet.

Die türkische Regierung hat sich schwer verrechnet. Aus Gründen innenpolitischer Profilierung suchte sie im September in Sachen Öcalan die Konfrontation mit Syrien, bis hin zur Kriegsdrohung. Öcalan lebte seit 1980, seit seiner Flucht aus der Türkei, in Damaskus. Syrien unterstützte die PKK als Druckmittel. Denn durch den Bau des Atatürk-Staudamms in Anatolien hatte die Türkei den Syrern buchstäblich das Wasser des Euphrat abgegraben. Da Ankara wenig Neigung zeigte, mit Damaskus über eine vertragliche Begrenzung der gestauten Wassermengen zu verhandeln, förderte Syrien den Krieg der PKK gegen die Türkei nach Kräften.

Die PKK aber konnte diesen Guerillakrieg nie gewinnen. Die Bilanz ist verheerend: über 30 000 Tote, über 3000 zerstörte kurdische Dörfer, Millionen von kurdischen Kriegsflüchtlingen, die in den Elendsvierteln vor allem Istanbuls leben. Die Terroraktionen der PKK und die Massaker der türkischen Sondereinheiten und Todesschwadronen bedingen sich dabei gegenseitig. Täglich läßt sich Ankara den Feldzug gegen die Kurden zehn Millionen Dollar kosten. Die Rechnung ging auf: In den letzten beiden Jahren erlebte die PKK eine Niederlage nach der anderen. Im Januar dieses Jahres räumte Öcalan erstmals ein, der Krieg gegen den türkischen Staat sei verloren.

Die Hoffnung, die PKK endgültig zerschlagen zu können, erklärt Ankaras Kriegsdrohung gegenüber Syrien. Damaskus gab nach, Öcalan wurde nach Moskau abgeschoben. Aus Jubel über diesen vermeintlichen Sieg entging dem türkischen Geheimdienst der nächste Schachzug der PKK: Öcalans Exil in Rom, gedacht als neue Heimstatt für die nächste, die politische Phase. Eine Flucht nach vorn, um die militärische Niederlage zu kompensieren.

Gerne vergleicht sich Abdullah Öcalan mit Jassir Arafat, dem die Weltöffentlichkeit den Wandel zum Staatsmann ebenfalls zubilligte. Allerdings können die Kurden, anders als die Palästinenser, nicht mit internationaler Unterstützung für einen eigenen Staat rechnen. Öcalan spricht daher seit zwei Jahren von einem "Zusammenleben von Türken und Kurden innerhalb eines gemeinsamen föderativen Staates, vergleichbar etwa der Regelung in der Schweiz oder in Belgien", wie er in einem ZEIT- Gespräch erklärte.

Im Gegensatz zur PLO hat die PKK weder eine Satzung noch eine klare politische Linie, noch eine demokratisch legitimierte Führung. Die PKK ist Abdullah Öcalan. Sein Wort ist Gesetz, Abtrünnige müssen mit ihrer Liquidierung rechnen. Gelingt die Demokratisierung der PKK im römischen Exil nicht, ist ihr Sturz in die Bedeutungslosigkeit vorgezeichnet.

Öcalan gründete die PKK 1978. Sie verschrieb sich damals einem vagen Marxismus-Leninismus, weil man glaubte, damit die traditionellen Clan- und Stammesstrukturen unter den Kurden zu überwinden. Doch die PKK hat die ehemals absolute Macht des Agas, des lokalen Großgrundbesitzers, lediglich ersetzt durch die absolute Macht ihres Führers Öcalan. Der Rückhalt, den die PKK noch immer in Anatolien und unter den Exilkurden in Europa genießt, hat allerdings weniger zu tun mit Sympathien für Öcalan: Denn wen sonst sollen die Kurden unterstützen? Die Kriegsverbrechen der türkischen Armee im eigenen Land sind kein Nährboden für eine gemäßigte kurdische Politik. Und die türkischen Regierungen haben in den vergangenen Jahren die meisten demokratisch gesinnten kurdischen Politiker mit Berufsverbot belegt, ins Gefängnis geworfen oder liquidiert.

Die antikurdische Polemik und Hetze der Parteien in Ankara findet breite Zustimmung bei der türkischen Bevölkerung. Im Streit zwischen Ankara und Rom um die Auslieferung Öcalans kommt es in den Großstädten seit Tagen zu Massenschlägereien zwischen Türken und Kurden. Türkische Politiker bedienen sich in der Öffentlichkeit einer Sprache gegenüber ihren italienischen Amtskollegen, die an totalitäre Propaganda erinnert. Italien droht ein türkischer Wirtschaftsboykott, das Fußballspiel zwischen Galatasaray Istanbul und Juventus Turin wurde aus Sicherheitsgründen abgesagt.

Die türkische Politik und weite Teile der Öffentlichkeit sind Gefangene einer überhöhten historischen Legendenbildung. Der zum Gottvater stilisierte Kemal Pascha Atatürk gründete die Türkei in den zwanziger Jahren auf den Trümmern des Osmanischen Reiches. Erst schufen Atatürk und die Armee den Staat, dann die Nation. In Abgrenzung zum untergegangenen Vielvölkerstaat der Osmanen wurde nunmehr das "Türkentum" zum emotionalen Fundament der neuen Republik.

Jeder, der dieses zwangsweise verordnete Einheits-"Türkentum" unter Verweis auf eigene kulturelle Werte, eine eigene Geschichte, Sprache oder Identität in Frage stellt, gilt als Verräter am Erbe Atatürks. Das betrifft insbesondere die Kurden, die etwa ein Sechstel der Gesamtbevölkerung stellen und die größte Minderheit sind. Aber auch die bis heute andauernde Leugnung des türkischen Völkermordes an den Armeniern im Ersten Weltkrieg ist vor diesem Hintergrund zu sehen: Das geheiligte "Türkentum" sei zu solchen Verbrechen schlichtweg nicht fähig, insofern erübrige sich auch jede Auseinandersetzung mit dem Thema.

Es ist tragisch, daß es seit Turgut Özal, der 1993 starb, keinen türkischen Politiker mehr gibt, der in der Kurdenfrage Mäßigung und Beweglichkeit zeigt. Der politischen Klasse in Ankara scheint es auch einerlei, daß ihre Drohungen gegenüber Rom die türkischen Aufnahmewünsche in die EU in noch weitere Ferne rücken. Jetzt müssen die Europäer Flagge zeigen: Solidarität mit Italien und klare Worte in Richtung Ankara. Der türkische Weg nach Europa führt nur über Kompromisse im Umgang mit den Kurden. Die Frage, ob und wo Öcalan vor Gericht gestellt wird, ist dabei zweitrangig. Seine Zukunft hat er bereits hinter sich.