Christo-Kunstprojekt Auf der Suche nach dem Baum
"Wrapped Trees" von Christo und Jeanne-Claude im Park der FondationBeyeler bei Basel
Christo hat einen Wald gebaut. Per Kran und Hebebühne. Mit Planen und Stricken. Von Hand und dank zahlreicher Helfer. Letzte Woche wurden die maßgeschneiderten Hüllen über 163 Bäume gestülpt, mit Reißverschlüssen in Form gebracht, mit Seilen festgezurrt und verschnürt. Wrapped Trees. Linden, Buchen, Birken, Eichen, Kastanien und Gingkos. Oder Obstgehölz. Oder Haselnußsträucher. Projektbaustelle war der Park rund um die Stiftung Beyeler bei Basel und jenes Privatmuseum, das der Kunsthändler sich von Renzo Piano bauen ließ. Drei Jahre nach der unvergeßlichen Reichstagsverhüllung von Berlin lud Ernst Beyeler Christo und Jeanne-Claude in das verträumte Riehen an der deutschschweizerischen Grenze.
Jetzt sind die Bäume verpackt. Der Waldlauf hat begonnen. Und Hunderttausende sollen es werden. Bis zu zehntausend Gäste an jedem Wochentag. Die Tram Nummer 6 und 2 ist mit Baum-Ticket gratis. Parken ist unmöglich. Es gibt Package-Angebote. Christo und ein Schweizer Frühstück, Zugfahrt und Hotel. Falls die Prognosen eintreffen, bricht der öffentliche Verkehr der kleinen Vorstadtgemeinde zusammen. Dem sehen alle gefaßt entgegen.
Ja, selbst bis dato aquarellverliebte Ureinwohner von Riehen werden zu Christo-Kollaborateuren. Sie haben keine seiner Lectures versäumt. Sie mahnen jetzt: "Bloß keine Voreingenommenheit." So agitieren selbst der Wachmann und der Traminstrukteur. Nicht nur eine engagierte Frau, Ursula von Berlepsch, die Dame in den Siebzigern, die seit August sehr passioniert Bäume im Museumspark zeichnet. Und jetzt auch den ganzen Prozeß der Verpackung. "Einfach so, zum Spaß." Das nimmt man ihr gern ab.
Und wirklich. Bei Sonne betrachtet, hat Christos Wald ja auch die charmanten Eigenschaften einer Sandburg am Strand. Das sind Bauten ganz jenseits aller üblichen Formen, unberechenbar, irgendwie unschuldig. Jedenfalls nutzlos und irreal, schön und vergänglich. Bei bedecktem Himmel allerdings gleichen die Bäume im grauen japanischen Stoff doch eher bedrohlichen Brocken. Sie werden zur überdimensionalen Theaterstaffage. Und man erinnert sich wieder, daß auch Wrapped Trees ein eingetragenes Warenzeichen ist, juristisch festgezurrt und wohlkalkuliert zu vermarkten. Natürlich werden in Skizzen, Postkarten, Fotos, Zeichnungen, Kunstdrucken und Büchern, neuerdings auch in Kalendern, Christos Projekte dokumentiert. Sie sind eine Geldanlage, bestimmt zum Verkauf. Christos Arbeit zielt eben doch nicht nur allein auf die ästhetische Wirkung oder den ideellen Wert einer vergänglichen Performance. Es geht schon auch um sehr saftige Preise. Dazu gibt es ebenso klare wie bekannte Freiheit-kostet-Geld-Aussagen. Die kampferprobten Standards haben sich auch für die Schweiz nicht geändert. Nur Jeanne-Claudes Stimme schmettert sie heute noch lauter. Keine Widerrede. Schluß.
Sicherheitshalber erzählt sie selbst - und Christo nickt - noch einmal schnell die lange Geschichte. Denn ohne Geschichte keine Legende. Ohne Legende kein Projekt. Und ohne Legende zum Projekt keine begeisterte Gemeinde. Wrapped Trees, das begann vor drei Jahrzehnten. Schon 1966 gehörte ein Baum in Hülle zur Christo-Ausstellung im Stedelijk in Amsterdam. Aber jetzt hatten sie mit Ernst Beyeler das Glück auf ihrer Seite. Herzlicher Applaus.
Christo und Jeanne-Claude, das ist immer ein Hit. Der künstlerische Clou aber ist dem Hausherrn selbst gelungen. Mit seiner Ausstellung Magie der Bäume. Denn hier findet sie wirklich und ganz unverhüllt statt, die Suche nach dem Baum-Phänomen. Es ist kein enzyklopädischer Überblick. Wie auch? Mit Bäumen geht jeder irgendwann künstlerisch um. Neben dem Atmen und Lieben braucht der Mensch auch das Baumen. Nun geben 120 erlesene Kunstwerke den hölzernen Autoritäten die Ehre. Baumzitate eines van Gogh, Picasso, Cézanne, Malewitsch, Mondrian, Munch zum Beispiel. Dazu Baumbeschwörungen von Rodney Graham, Bill Viola, Wolfgang Laib, Hamish Fulton oder Richard Long. Jeder forscht auf seine Art, sucht nach der Urkraft zwischen Wurzelstock und Krone. Alles in allem ist das eine phänomenale Baum-Ausstellung geworden. Eine, die mit diesen unbezahlbaren Leihgaben und unbefangenen Zuordnungen im Bereich der klassischen Moderne nur der Hausherr selbst zusammenbringen konnte. Dazu sind konsequenterweise auch erprobte Adressen eingeladen wie Greenpeace und WWF. Sie präsentieren sich auf der gegenüberliegenden Seite der Straße im Sarasin-Park und beschreiben ihre aktuellen Projekte: das Amazonasgebiet, die Regenwälder.
Alle lieben die Bäume. Für jeden ist etwas dabei. Die wohltemperierten Kostbarkeiten gibt's drinnen im Museum, das verpackte Baumspektakel draußen bei Frost und die Baumschützer mit den Spendenschecks im beheizten Zelt. Die Karawane kann kommen. Alle lieben die Bäume. Das ist und bleibt unverhülltes Phänomen. Das kann keiner einpacken. Nicht einmal Christo.
- Datum 19.11.2009 - 17:57 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 49/1998
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