Man legt diesen opulenten Band enttäuscht aus der Hand. Da hat man gerade 700 Seiten über den Werdegang des südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela gelesen und über den Menschen Mandela herzlich wenig erfahren. In 28 ziemlich trockenen und bisweilen langatmigen Kapiteln zeichnet der britische Journalist Martin Meredith die Vita eines Mannes nach, der zu den Ikonen des Jahrhunderts gehört: Ziegenhirte, Missionsschüler, Faustkämpfer, Advokat in der ersten schwarzen Anwaltskanzlei, bewaffneter Guerillero, berühmtester Gefangener der Welt, schließlich Staatspräsident, der das Wunder am Kap - den friedlichen Übergang von der Apartheid zur Demokratie - vollbringt. Die deutsche Ausgabe, rechtzeitig zum achtzigsten Geburtstag von Mandela im Juli erschienen, preist diese Tour de force vollmundig als "definitive Biographie" an. Tatsächlich aber handelt es sich um eine Monographie über den schwarzen Befreiungskampf, in deren Mittelpunkt Mandela steht.

Keine neuen Fakten, wenig überraschende Einsichten, nichts, was nicht schon an anderer Stelle nachzulesen wäre. Meredith schöpft kräftig aus den bekannten Primärquellen, aus den gesammelten Reden Mandelas, aus seinen frühen Artikeln in Michael Harmels Zeitschrift Liberation, aus der vierbändigen Dokumentation From Protest to Challenge, dem unverzichtbaren Vademecum zur Geschichte des Widerstands. Das historische Gerüst entlehnt er bei Leonard Thomsons A History of South Africa. Das wertvollste Material aber liefert der Protagonist selber: Hätte Meredith die Autobiographie von Mandela nicht ausgeweidet, dann wäre sein Buch so spröde ausgefallen wie eine Magisterarbeit. Dennoch: Die Fülle der Anleihen aus den persönlichen Erinnerungen des meistverehrten Staatsmannes unserer Zeit löst das Dilemma des Chronisten nicht. Mandela bleibt uns fremd, eine unergründliche historische Lichtgestalt, starr und unbeseelt wie eine Götzenstatue. Es erging Meredith offenbar wie Arthur Schlesinger mit Roosevelt, der "außergewöhnliche Herzlichkeit mit undurchdringlicher Zurückhaltung" verband. Mandela "wurde ein Meister darin, seine Gefühle hinter einer Maske zu verbergen", schreibt Meredith über die Gefängnisjahre des Friedensnobelpreisträgers. Gerade diese unfaßbar lange Zeit - im 46. Lebensjahr eingesperrt, entlassen im 74. - birgt den Schlüssel zu Mandelas Persönlichkeit.

Davon ist jedenfalls Anthony Sampson überzeugt, dessen autorisierte Biographie im nächsten Jahr, wenn Mandela von der politischen Bühne abtritt, in den Buchhandel kommen soll. Vom revolutionären Hitzkopf zum visionären Führer, vom zornigen Untergrundkämpfer zum milden Versöhner - die Zeit im Kerker als Zeit der Reife. "Es ist, als ob ein Teil von Mandela immer noch in dieser schmalen Gefängniszelle lebt; aber jetzt ist es die Zelle eines Philosophen", glaubt Sampson. Ausgerechnet die Passagen über Mandelas Gefangenschaft gehören zu den schwächsten im vorliegenden Buch. Es gelingt Meredith jedenfalls nicht, hinter die Maske zu schauen.