Das Rätsel MandelaSeite 2/2
Das stärkste Kapitel steht ganz am Ende. Es widmet sich dem Staatschef und Politiker Mandela nach dem Untergang der Apartheid. Meredith beschreibt seine mitunter groben Fehlurteile, den forschen Umgang mit Kritikern, den Hang zum Starrsinn, all jene befremdlichen Charakterzüge, die den Nimbus seiner geradezu päpstlichen Unfehlbarkeit widerlegen und auch an anderen historischen Leitfiguren - Gandhi, Churchill - zu beobachten waren. Erzbischof Desmond Tutu, ein alter Kampfgefährte, hat das in seiner unnachahmlichen Schlichtheit ausgedrückt: "Na ja, es ist gut zu wissen, daß Mandela auch nur ein Mensch ist." Aber, ceterum censeo, den Menschen bringt uns Meredith kein bißchen näher. Das mag auch daran liegen, daß der Autor - wie die meisten auswärtigen Beobachter - keinen heißen Draht zu Mandela hat. Wir dürfen dem alten Mann auf seinem langen Weg in die Freiheit also nur rückwärts über die Schulter schauen, ihn auf einem Streifzug durch die jüngere Geschichte Südafrikas begleiten. Wer diese Geschichte nicht kennt, ist mit der Lektüre nicht schlecht beraten.
Als Lebensbeschreibung aber kann Merediths Werk ebensowenig gelten wie Fatima Meers Stimme der Hoffnung (1990) oder Mary Bensons Nelson Mandela, The Man and the Movement (1994). Die beiden Autorinnen haben Biographien angekündigt und Hagiographien abgeliefert, verklärte Bilder vom Wirken eines Heiligen. Der aufschlußreichste Zugang zum Enigma Mandela bleibt also vorerst seine Autobiographie. Man darf daher gespannt sein auf Anthony Sampsons Buch, der mit Mandela seit 1951 befreundet ist und das Individuum hinter der Ikone kennt.
Martin Meredith: Nelson Mandela Ein Leben für Frieden und Freiheit; aus dem Englischen von Michaela Meßner; Lichtenberg Verlag, München 1998; 704 S., 49,90 DM
- Datum 09.09.2009 - 10:58 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 49/1998
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