Heilsamer Schock

Nach seiner Festnahme in Großbritannien ist der Mythos Pinochet auch bei Chiles Rechten angekratzt

Am Ende half alles Beten nichts. Mit ans Hemd gehefteten Pinochet-Fotos saßen die Anhänger des Generals in der Militärkirche in Santiago, als sei er ein Verschwundener der Militärdiktatur. Auf der Kanzel kam Priester Gonzalo Duarte schnell zur Sache. Zusammen wolle man "Gott um die schnelle Freilassung des Generals Augusto Pinochet Ugarte bitten". Nach der Messe drückten sich die Gläubigen weniger fromm aus. "Allende war ein Hurensohn", tönte es aus hundert Kehlen, bevor man den alten Schlachtruf anstimmte: "Chile, viva Chile Pinochet."

"Niemals verlieren, immer Bezwinger sein" ist der Leitspruch der chilenischen Armee, deren Oberbefehlshaber Pinochet über Jahrzehnte war. Die Entscheidung der britischen Lords, seine Immunität nicht anzuerkennen, war die erste Niederlage Pinochets - und ein Schlag ins Gesicht seiner Anhänger. Niemals hätten sie sich träumen lassen, daß es jemand wagt, ihr Idol anzutasten. Seinen Generälen und Offizieren hatte er nach Wiedereinführung der Demokratie Straffreiheit für ihre Verbrechen gesichert. Seine eigene Zukunft schien er gesichert zu haben, als er nach seiner Abdankung als Heereschef Anfang dieses Jahres einen Posten als Senator auf Lebenszeit annahm - mit Immunität.

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Unabhängig davon, ob Pinochet nach Spanien ausgeliefert wird oder nach Chile zurückkehren darf, haben er und seine Gefährten das Monopol auf die Geschichtsschreibung verloren. Selbst aus der zweiten Reihe der extremen Rechten wird gelegentlich eingeräumt, daß es unter der Militärdiktatur die eine oder andere Menschenrechtsverletzung gab. Das war noch bis vor kurzem undenkbar.

Ein Verfahren gegen Pinochet erscheint auch in Chile auf einmal nicht mehr ausgeschlossen.Bislang galt Pinochet vielen als der Retter, der mit seinem Putsch gegen den sozialistischen Präsidenten Allende 1973 das Vaterland von dem Kommunismus befreit hat.

Präsident Eduardo Frei könnte diese ersten Risse im Block der Militärs und der rechten Parteien ausnutzen. In den vergangenen Jahren hatte sich die große Koalition aus Christdemokraten, Sozialisten und bürgerlichen Parteien mehrfach bemüht, die vom Militär bestellten Senatoren ih- rer Posten zu entheben. Auch hatte sie versucht, den Einfluß der Armee auf die Politik zu verringern und den Nationalen Sicherheitsrat aus der Welt zu schaffen - ein Beratergremium, in dem neben Kabinettsmitgliedern und dem Präsidenten des Obersten Gerichtshofes auch die Oberbefehlshaber der Streitkräfte sitzen. Aber eine entsprechende Verfassungsänderung scheiterte bislang am Widerstand der Militärs.

Jetzt wäre für Frei die Zeit gekommen, die Unterstützung für Pinochet an Bedingungen zu knüpfen, um die politische Macht der Generäle in Chile einzudämmen. Doch Frei deutete nichts dergleichen an. "Wir haben immer mit aller Kraft die Immunität von Senator Pinochet verteidigt", erklärte er und schickte seinen sozialistischen Außenminister José Miguel Insulza nach London. Der sollte dort den Standpunkt seiner Regierung verdeutlichen, wonach spanische Gerichte nicht für Pinochet zuständig seien.

Insgesamt laufen in Chile 14 Verfahren gegen den ehemaligen Diktator, jedoch hielten sie die Kläger bislang für aussichtslos. Das könnte sich dank der Entscheidung der britischen Lords ändern.

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