Der Lümmel
Im Comedy-Team der "Wochenshow" ist Ingolf Lück der Perfektionist - ein Medienarbeiter
Die Nase. Wenn sich Anchorman Lück nach "den witzigsten Nachrichten der Welt" zur schönen Anke wendet, ihren Blick aufnimmt, zurück in die Kamera grinst und sein "Danke, Anke" zelebriert, dann haben alle Zuschauer sie gesehen - diese Nase. Sie ist das, was man "markant" nennt; laut Lück "nur eine Umschreibung für häßlich". Aber klar hat er, der Komödiant, gelernt, über sie zu spotten: "Eignet sich gut fürs neue Breitwandformat, wenn ich zur Seite gucke."
Seit 1985, als Ingolf Lück als frecher Moderator der ARD-Hitparade Formel Eins Furore machte, ist die Nase auch so etwas wie sein Markenzeichen. Mindestens daran erkennt man den langen Kerl, der mit 40 noch aussieht, als hätte ihm die Mama eben geraten, seine Jeans zu waschen. Breitbeinig hängt er auf dem Stuhl, weiß nicht, wohin mit seinen endlosen Gliedern, zwirbelt nervös die blonden Wuselhaare über der Stirn zusammen. Nichts an diesem Lümmel erinnert an das gestylte "Boss-Model": So nennen die Comedy-Kollegen den Typ, den Lück Samstag abends auf dem Schirm gibt. Schlips, Weste und hellgrauer Cinque-Anzug sind die Insignien dieser Moderatorenrolle. Der private Lück mit Spray in den Haaren? Niemals!
Das Zuschauerinteresse für den Sat.1-Renner am späten Samstagabend ist in den vergangenen Monaten stetig gewachsen. Zwar gibt es die Wochenshow schon seit April 96. Scherz, Satire, Ironie ohne tiefere Bedeutung: Nachrichtenbilder mit neuem Text unterlegt, Nonsens-Umfragen, zuvor gedrehte Lachnummern als Einspieler. Aber Ende 97 hat die Show ihr Format verdoppelt, wobei sich "Format" in diesem Fall nicht nur auf die Dauer von nunmehr einer Stunde bezieht. Die längere Sendezeit schuf Raum für mehr "Live-Acts" im Studio. Es schlug die Geburtsstunde von "Ricky's Popsofa" und "Sex-TV" - Sketch-Highlights, die für die Zielgruppe zwischen 14 und 49 inzwischen Kult sind. Wenn sich Anke Engelke als Dummchen "Ricky" im Minirock neben ihrem Talk-Gast windet oder "Brisko Schneider" alias Bastian Pastewka sein "Hallo, liebe Liebenden" ins Mikro haucht (so unglaublich watteweich, daß seine Fettröllchen dagegen waschbretthart wirken), dann brüllt das Publikum, bevor der erste Satz gefallen ist.
Und es zahlt, was wichtiger ist, satten Lohn in Form von Einschaltquoten. Traumhafte 5,58 Millionen Zuschauer im Schnitt, den neuen Rekord, erreichten Lück & Co. in der Sendung am 21. November. Seit dem Ende von RTL-Samstag Nacht macht das Wochenshow- Team die erfolgreichste Comedy-Show im deutschen Fernsehen. "Jetzt sollten wir aufhören", witzelt Ingolf. Aber die Verträge sind längst bis Ende 99 verlängert.
Es summt. Freitag abend macht sich in den Räumen des Capitols in Köln eine Spannung breit, die sich greifen läßt. 18 Uhr. Bleiben 30 Minuten bis zur Generalprobe, 120 Minuten bis zur Live-Aufzeichnung. Noch im Sommer wurde hier Harald Schmidts tägliche Sendung gedreht; seitdem sein Troß mit neuer, eigener Produktionsfirma auf die andere Rheinseite gezogen ist, wird im Capitol für die Wochenshow gedacht, gesichtet, geschrieben. Und heute abend natürlich gepudert, gestylt, vor allem gewartet. "Geht's Ihnen gut?" fragt Ingolf Lück. Unter Hochdruck tigert er ziellos über den Flur. 18.20 Uhr, endlich, die Maske ist frei! Lück, der Lümmel, verwandelt sich dank Grauhaarperücke, Frack und Bart in den Oberlegationsrat Dr. Joseph Altenbrunner. Oh, er haßt Perücken und dies Zeug. "Wir kämpfen um jeden Schnäuzer", seufzt die Maskenbildnerin. Sie ahnt, daß er sich Haare und Bart bis zum Ernstfall um 20 Uhr wieder vom Kopf reißen wird.
Der Oberlegationsrat Altenbrunner ist Teil eines Studio-Sketches in der Rubrik "Wochenshow- Regional", diesmal: Österreich. Der Schweizer Marco Rima mimt wunderbar grantelnd den Kellner in Hans-Moser-Manier, Anke Engelke sitzt als Frau Professor Dr. Schwammerl neben Altenbrunner am Kaffeehaus-Tisch. Mit dem Dialekt haben sich die Darsteller schwergetan. Den richtigen Ö-Ton sollte ihnen das Video einer ORF-Talk-Show einprägen, aber darüber kam es dann zu einem kleinen Dissens: Anke wollte den Zungenschlag so echt wie möglich nachahmen, Ingolf meinte, man müsse gnadenlos übertreiben, weil man's eh nicht richtig könne. Dem Ergebnis merkt man die Mühe an. War nicht so doll. Das Publikum klatscht trotzdem.
Ein total dickes, unsportliches Kind
- Datum 03.12.1998 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1998
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