Ursprünglich wollte Wilhelm Barthlott bloß den Verwandtschaftsgrad von Pflanzengruppen ergründen. Dazu legte der Botaniker Blätter unter ein Raster-Elektronenmikroskop, betrachtete deren Oberflächen und hoffte, aus deren Struktur herauslesen zu können, welches Grünzeug gemeinsame Vorfahren hat. Manche Pflanzen, so fiel ihm dabei auf, mußten vom Schmutz gesäubert werden, bevor sie unter das Mikroskop wanderten. Andere dagegen nicht - blitzblank hatten sie im Freien gestanden. "Anfangs glaubten wir, das hinge mit dem Standort zusammen", sagt Barthlott, der inzwischen an der Universität Bonn lehrt. Doch heute, zwanzig Jahre nach den ersten Untersuchungen, weiß er: Es lag an der Oberfläche.

Ihr verdanken Pflanzen wie Kohl, Kapuzinerkresse, Schilf, Akelei, Tulpe oder die Lotosblume, daß ihnen die Blattpflege besonders leicht fällt. Wie die Flügel von Schmetterlingen und Libellen sind sie gegen Verschmutzung immun. Weil ihre Oberflächen nicht benetzbar sind, das Wasser abperlt, reinigen sich ihre Blätter von selbst. Denn beim Abrollen nehmen die Tropfen jeglichen Schmutz mit, und, was für die Pflanze noch wichtiger ist, auch Bakterien, Pilzsporen oder Algen werden weggespült. Selbst Kleber wie Uhu oder Pattex können sich nicht halten. Jeder Regenguß - bereits ein kräftiger Morgentau genügt - sorgt so für ein stets sauberes grünes Outfit. Hausfrauen und -männer können vor dieser effektiven, mühelosen Putzmethode nur vor Neid erblassen.

Inzwischen haben Barthlott und seine Mitarbeiter die Blätter von über 200 Pflanzen unters Mikroskop genommen und Patente angemeldet, um die selbstreinigenden Oberflächen technisch nachzubauen. Bereits vor zwei Jahren präsentierte der Bonner Botaniker eine weiße Platte, die er mit einer Mischung aus feinem Ruß und Farbe bestäubte und anschließend wässerte. Im Nu war die Platte wieder sauber - im Gegensatz zum Vergleichsobjekt mit einer herkömmlichen, auf Hochglanz polierten Lackschicht. Dort bildete der Ruß auch nach längerem Spülen schmutzig-graue Schlieren.

Kooperationspartner aus der Industrie entwickeln nun Produkte mit dem Lotoseffekt, wie Barthlott das Prinzip nach der Pflanze getauft hat, die in asiatischen Religionen Reinheit verkörpert. Der Markt ist riesig: Autolacke, für die ein Regenguß wie eine Waschanlage wirkt, Fensterscheiben, die zum Putzen nur abgesprüht werden müssen, Verkehrsschilder, die nicht verdrecken und immer trocken sind, Solarzellen, die immer optimale Leistung abgeben, Gartenmöbel, die sich bei jedem Schauer selbst säubern. Im Haus könnte die Reinigung von Sanitäranlagen künftig ohne Scheuerlappen und Chemie, nur mit einem Schlauch oder einem Eimer Wasser, erledigt werden.

Leicht zu reinigende Oberflächen haben derzeit Hochkonjunktur. Auf der Hannover Industriemesse im April präsentierte das Saarbrücker Institut für Neue Materialien (INM) schmutzabweisende Beschichtungen. "Danach bekamen wir mehr als 500 Anfragen", sagt Helmut Schmidt, der Direktor des INM. Die Anwendungen reichen von der Leuchtdiode bis zum Öltanker. Die Saarbrücker denken allerdings nicht an Botanik, sondern setzen auf sogenannte Nanokomposite: Mit einem ausgeklügelten Verfahren stellen sie Oberflächen her, in die Millionstel Millimeter große Partikel eingestreut sind. So können sie deren Eigenschaften maßschneidern, sie etwa kratzfest machen oder wasser- und damit schmutzabweisend. Vor ein paar Jahren schon ersann das INM eine Methode, um Fensterscheiben zu beschichten, so daß sich diese mit einem feuchten Lappen putzen lassen. Bis zum Jahr 2000 könnten die Scheiben auf dem Markt sein. Für die Industrie bastelten die Saarbrücker Gußformen, Walzen und Drahtgeflechte, an denen nichts haften bleibt.

Auch für kommerzielle Firmen boomt das Geschäft mit der Sauberkeit: Mit Teflon, dem Klassiker der Schmutzabweiser, werden nicht mehr nur Pfannen beschichtet, sondern auch Jacken und Hosen. Seit drei Jahren baut die Flugzeugindustrie Fenster in die Cockpits, die mit einer wasserklaren Chemikalie des amerikanischen Herstellers TPG beschichtet sind. Moleküle des Mittels dringen in die obersten Glasschichten ein und verhindern, daß sich Wasser und Dreck zu einer schlierigen Masse zusammenklumpen. Die Tropfen perlen einzeln ab und nehmen dabei Schmutzpartikel mit. Seit Oktober liefert BMW sein 8er Coupé mit solchen Scheiben aus. Die Reaktionszeit soll sich so bei Regen um mehr als eine Sekunde verkürzen - bei Tempo 100 sind das über 27 Meter. Nach 25 000 Kilometern läßt die Wirkung der Beschichtung indes nach.

Die deutsche Firma Villeroy & Boch bietet seit wenigen Wochen schmutzabweisende Badkeramik an. CeramicPlus hat eine äußerst glatte Oberfläche, an der Dreck kaum haftet. Wasser zieht sich zu Tropfen zusammen und fließt mit Schmutz und Kalk ab. Zum Putzen soll ein feuchter Lappen genügen, ohne Reinigungsmittel. Den Aufpreis von rund 100 Mark pro Waschbecken, Toilette oder Bidet amortisiere sich so binnen kurzem, behauptet Unternehmenssprecher Hans-Hugo Braumann. Aus welchen Materialien CeramicPlus hergestellt werde, sei so geheim, daß nicht einmal er selbst es wisse.