Tierversuche : Bremer Affentheater

Besuch im Labor eines Hirnforschers, der ständig unter Polizeischutz steht

Würde derzeit ein Titel für den bestgehaßten Wissenschaftler Deutschlands vergeben, so wäre Andreas Kreiter wohl der heißeste Anwärter darauf. Der Nachwuchsforscher hat kaum seine erste Professur an der Universität Bremen angetreten, da ist er schon bundesweit umstritten. Egal, ob auf dem Uni-Campus, in der Bremer Bürgerschaft oder in den Berichten von Radio und Zeitungen - seine geplanten Experimente zur Hirnstromableitung an lebenden Affen wecken überall tiefsitzende Emotionen.

Für Tierschützer ist der 35jährige Hirnforscher ein skrupelloser "Affenfolterer", der aus ehrgeizigem Karrierestreben vor keiner Schandtat gegen wehrlose Kreaturen zurückschreckt. In Briefen wird ihm die "Mentalität eines Dr. Mengele" attestiert oder unverblümt Gewalt angedroht: "Ihnen gegenüber würde ich mir mit Freuden erlauben, ein Sadist zu sein." Doch auch für manchen Gelehrten ist Kreiter inzwischen ein rotes Tuch. 104 Professoren der Universität Bremen haben ein Memorandum unterzeichnet, das die Hirnforschung an Affen "aus ethischen Gründen" als "unverantwortlich" ablehnt. "Der Mann ist unheimlich, ohne jede Emotion", gab ein anonymer Bremer Wissenschaftler einem Reporter zu Protokoll und brachte damit eine weithin gepflegte Überzeugung zum Ausdruck.

Er hat sich sogar schon fast daran gewöhnt, daß er seit einem Jahr unter ständigem Polizeischutz steht. Nicht gewöhnt hat er sich daran, permanent mit dem Gefühl der Bedrohung leben zu müssen. Als er im vergangenen Herbst nur mit knapper Not militanten Tierschützern entkam, erfuhr er, daß die brieflichen und telefonischen Angriffe keine leeren Drohungen waren. "Schlimm ist es vor allem für meine Frau und meine Kinder, die nicht mehr ohne Aufsicht aus dem Haus dürfen", sagt er. So schrieb die Aktion Tierbefreiung Bremen an Kreiters Frau, man freue sich besonders auf ihren kleinen Sohn Lukas, "er paßt in seinem Alter wunderbar in einen kleinen Affenstuhl". Der ständige Psychoterror erinnert den Hirnforscher mitunter schon an totalitäre Systeme. "Es herrscht offenbar in manchen Kreisen kein Gespür mehr dafür, daß es gewisse Grenzen gibt."

Doch Anpassung war noch nie Kreiters Sache. Schon als Student in Tübingen verstieß er gegen die damals herrschende Political Correctness: Als der AStA einen Professor brandmarkte, der angeblich geheime Militärforschung an Fledermäusen betreibe, weckte dies erst recht Kreiters Neugier. "Wenn so offensichtlicher Schwachsinn erzählt wird, steckt oft etwas Spannendes dahinter", dachte sich der Student. In Tübingen, einem Zentrum der Kognitionsforschung, stieß Kreiter bald auf den "faszinierenden Gedanken, daß man die Arbeitsweise des Gehirns verstehen könne" - eine Faszination, die ihn bis heute nicht losgelassen hat.

Freilich wurde ihm schon damals klar, daß "der einzig sinnvolle Weg, etwas darüber herauszufinden", das Experiment am wachen Tier sei - eine Position, die auf den vehementen Widerspruch vieler Tierschützer stößt. Sie bestreiten entweder schlichtweg, daß man vom Tier auf den Menschen schließen könne, oder favorisieren "nichtinvasive Methoden", etwa den Einsatz bildgebender Verfahren. Der erste Einwand zeugt für den Hirnforscher von biologischem Unverständnis, "denn grundsätzlich sind tierische und menschliche Gehirne vergleichbar aufgebaut". Und die bildgebenden Verfahren seien zwar für gewisse Fragestellungen sehr sinnvoll, "doch um wirklich die Funktion einzelner Zellen und deren Zusammenwirken analysieren zu können, sind sie zeitlich und räumlich zu ungenau. Sie messen Blutfluß anstelle von elektrischer Hirnaktivität."

In seiner Diplomarbeit untersuchte Kreiter erstmals die neuronale Aktivität narkotisierter Katzen, die nach dem Versuch eingeschläfert wurden. Blieb er dabei völlig gefühllos? Oder regten sich da auch in seinem Hirn gewisse Skrupel? "Sicher, das ist immer eine schwierige Situation", gibt der Forscher zu und vergleicht die emotionale Belastung mit der eines Medizinstudenten bei der ersten Sektion einer Leiche oder dem ersten Besuch auf einer Intensivstation. "Aber über moralische Skrupel muß ich mir vorher im klaren sein", sagt er entschieden - und für ihn ist diese Entscheidung klar.

Anders als viele wohlmeinende Tierfreunde kann der Biologe der Forderung nichts abgewinnen, Mensch und Tier ethisch auf eine Stufe zu stellen. "Das ist ein romantisch verklärtes Bild", sagt der Biologe. "Die Menschheit hat in ihrer ganzen Geschichte immer Nutztiere gehalten." Wer das ablehne, dürfe konsequenterweise auch kein Fleisch essen oder keine Lederkleidung tragen. "Doch wir leben heute unter so unnatürlichen Bedingungen, daß die emotionale Bindung an Tiere oft eine Ersatzfunktion für mangelnde menschliche Beziehung übernehmen muß." Geradezu erschreckend findet es Kreiter, wenn in diesem Zusammenhang die Forderung laut wird, anstelle von Tierversuchen lieber gleich Menschenversuche zu machen.