Appell am Beckenrand
Die japanische Küche ist erfreulich fettarm; trotzdem komme ich nicht umhin, gelegentlich Sport zu treiben. Dieser Tage fand ich, es sei Zeit, mal wieder schwimmen zu gehen. Leider fehlte auf der Benutzungsordnung des Hallenbades der wichtigste Punkt, nämlich: Unterschiede zu Schwimmbädern im Rest der Welt. So kam es, wie es kommen mußte: Ich verlor mein Gesicht, und zwar gleich mehrmals. Doch der Reihe nach.
Möglichst unauffällig inspizierte ich das große Becken. Alles lief ruhig, geregelt und zielstrebig ab. Die Schwimmrichtungen waren vorgegeben, niemand tollte im Wasser herum, keiner rief laut - typisch japanische Betriebsamkeit eben. Von seinem erhöhten Sitz aus überwachte ein Bademeister mit Flüstertüte die Szene. Ich hatte den Eindruck, dem Training einer Profimannschaft beizuwohnen. Daher beschloß ich, ebenfalls möglichst professionell aufzutreten und mit meinem recht zügigen Kraulstil den Japanern zu zeigen, zu welchen Leistungen ein Gaijin in der Lage ist.
Ich stürzte mich mit Startsprung vom Kopfende des Beckens ins Wasser. Warum war da kein Startblock gewesen? Sollte etwa? "Klonk", machte mein Kopf, als er auf den Boden des Beckens stieß. Benebelt tauchte ich auf, und schon sah ich den riesigen Mund der Bademeisterflüstertüte auf mich gerichtet, dahinter ein fuchtelnder Arm. Ich vernahm Satzfetzen mit ...nai. Das ist die Endung, mit der man aufgefordert wird, etwas zu unterlassen, und zwar nicht in der höflichen, sondern in der einfachen Form, in diesem Fall auch als Gesichtsverlust-Form zu bezeichnen.
Niemand drehte den Kopf oder schaute mich an - offensichtlich alles Tokioter in diesem Bad. Nach ein paar Verbeugungen im hüfttiefen Wasser durfte ich meine Bahnen fortsetzen. Doch kurz darauf fiel mir auf, daß ich niemandem mehr ausweichen mußte. Freie Bahn, toll. Bei der nächsten Wende allerdings paßte mich der Mann mit der Flüstertüte ab. Was rief er? Irgendwas mit ...te, der Endung, mit der man aufgefordert wird, etwas zu tun, und zwar nicht in der höflichen, sondern in der Einfachform, der Zweite-Gesichtsverlust-Form sozusagen. Jetzt erst nahm ich wahr: Das Becken war leer. Alle Schwimmer saßen auf Stühlen am Rand. Also raus aus dem Wasser und "sumimasen, wakarranai, shitsurei shimas, gomennasai!" gemurmelt (so etwas wie "'tschuldigung").
Was jetzt? Der Oberbademeister zählte durch, etwa viermal. Dann ein unbekanntes Zeichen: Hand zum Kopf, gestreckter Arm nach rechts, Hand zur Brust. Ein Signal für die Hilfsbademeisterin, nun ebenfalls durchzuzählen. Viermal. Schon überkam mich leichtes Frösteln, als endlich die Hilfsbademeisterin dieses "Ich habe durchgezählt und es sind alle da"-Zeichen gab. Drei Pfiffe des Oberbademeisters, anschließend ein weiteres, diesmal gemeinsames Durchzählen, und schon trillerten beide in ihre Pfeifen. Ganz klar: Der Höhepunkt des Wachwechsels stand bevor. Und richtig: Der Oberbademeister erhob sich und machte den Stuhl für die Hilfsbademeisterin frei.
Schon wollte ich erleichtert ins Becken springen, da bemerkte ich, daß die Mitschwimmer sich nach wie vor in Sitzstarre befanden. Tatsächlich schlenderte nun der Oberbademeister, in der Linken eine Pipette, in der Rechten ein pH-Meter, am Beckenrand entlang. An sechs Stellen entnahm er Wasserproben. Offensichtlich waren die Werte unbedenklich, was in einem Schwimmberichtsbogen festgehalten wurde. Inzwischen schlotterte ich am ganzen Körper. Endlich erhob sich die eben eingeführte Oberbademeisterin, um zwei Minuten lang über die Schwimmrichtung der Bahnen aufzuklären. Ein letztes Trillern, eine Fanfare, und tatsächlich, das Becken wurde freigegeben.
Übrigens wird die Prozedur alle zwei Stunden wiederholt. Aus Sicherheitsgründen, wie ich erfuhr.
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- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 50/1998
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