Sich selbst und allen unbequem
Der Weg des Martin Walser als "geistiger Brandstifter"
Endlich, dachte ich noch am Abend des 11. Oktober, endlich ein Bruch mit dem Friedenspreisritual, in dem ein kluger Mensch einen guten Menschen erklärt zum Denkmal und Leuchtturm, und dieser bewährt sich dann auch gleich in der doppelten Funktion. Endlich keine Preisträger-Rhetorik, die musterhaft nur sich selbst und eine allseits anerkannte und willkommene Gesinnung vorführt. Sondern ein öffentlicher Akt der "Selbsterkundung" - so jedenfalls hat Walser seinen Paulskirchenauftritt vor Duisburger Studenten zu erklären versucht: "Ich taste in meinen Bewußtseinszuständen herum, um mich kennenzulernen."
Das klingt so sanft, so behutsam, das täuscht. Wer immer einer Rede von Walser zuhört, der gerät mit dem Redner in einen Strudel von Fragen, Vermutungen, Provokationsversuchen, "geistigen Brandstiftungen", auch und gerade im eigenen Bewußtsein. Wo nämlich der Selbsterkunder, wie er uns immer wieder verraten hat, zwar lauter mögliche Meinungen vorfindet, aber zu jeder auch immer schon die Gegenmeinung: "Ich teile so ziemlich alle landläufigen Meinungen. Und zwar in einem mich manchmal selber erschreckenden Ausmaß." Deshalb der Kampf, der Krampf, die Zerrissenheit beim öffentlichen Auftritt, deshalb auch immer wieder die Lust am Tanz über Tabuminenfelder. Inständig wird versucht, ein inneres Stimmengewirr reich auszudrücken, doch übrig bleiben dann nur ein paar grelle Signale: "Moralkeule", "Wegschauen", "Erinnerungsdienst".
Denn plädiert hatte Walser schließlich für die Einsamkeit des Gewissens und für den Verdacht, ein öffentlich präsentiertes, gut schlechtes Gewissen wäre keins, sondern "Lippengebet", also ritualisiert und instrumentalisierbar. Damit war er beim Holocaust, und einzig das ist haftengeblieben. (Walser, altmodisch, sagt immer nur "Auschwitz", meidet die von Hollywood geprägte Holocaust-Vokabel. In deren Schutz sich flüssiger, feierlicher, heuchlerischer debattieren läßt als unter den harten, richtigeren Namen "Judenmord" oder "Endlösung".) Gespenstisch verhallt ist auch die pathetisch gewagte Laudatio Frank Schirrmachers. Die Walser zwar feiern wollte als nationalen Heros, eine Art Posthölderlin (erst Jakobiner, dann "vaterländische Wende"), doch unter dem Titel "Sein Anteil" unüberhörbar zielte auf die zentrale These, dieser immer neu zu bestimmende Anteil an Auschwitz sei Walsers treibendes Thema gewesen und geblieben.
Alles verwischt, vergessen, verdrängt. Um so verwilderter der neue Streit um das Wund-, das Schand- und Schuldmal Judenmord. Wer das berührt, hier in Deutschland und auf deutsch, nicht betulich und rituell, sondern empfindlich, auch aggressiv, der provoziert immer noch giftige Erregung. Auch Ignatz Bubis, mit Erleichterung und Schrecken sei es festgestellt, reagiert dann ganz und gar als Deutscher.
Während fremde Stimmen - man denke an Konrád, Kertész oder Saul Friedländer -, die eigentlich Betroffenen also, gelassen bleiben und schlichtend reden wie Weise, verliert der besonnene Klaus von Dohnanyi Geduld und Fassung, nennt der sonst so gefaßte und genaue Reemtsma die Walsersche Rede Stammtischrhetorik, keiner Auseinandersetzung wert. (Hat dieser große Mäzen Arno Schmidts nie wahrgenommen, daß in dessen Werk, wie kaum je in unserer Kleinbürgerliteraturgeschichte, sich der deutsche Stammtisch hochstemmt ins Sprachlabor und zum Parnaß?)
Dieses deutsche Debattengift hat Walser kaum so ahnungslos herausgereizt wie damals Philipp Jenninger mit seinem unglücklichen Versuch, in auch einer Feierstunde einmal nicht das übliche Lippengebet zum Judenmord aufzusagen, sondern auf eigene Faust zu dessen Ursachen vorzudringen. Man hat ihn dafür aus dem Amt gejagt. Aber Walser kann man nicht aus seinem Werk jagen.
Wer das kennt, konnte auch wissen, daß dieser Friedenspreisträger eher der Richtige wäre für jeden Unfriedenspreis dieser Welt. Seine Lust an der eigenen und anderer Unbequemlichkeit, eine Gereiztheit gegen alle nicht mehr befragten Gedanken und Übereinkünfte haben ihn immer wieder motiviert zum Aufbrechen von Denk- und Fragetabus, auch der eigenen. Dieser Spur des Pamphletisten, des "geistigen Brandstifters" wäre nachzugehen, nicht der seiner Integrität, denn die hat er von "Unser Auschwitz" (1965) bis zur großen Klempererrede (1995) unermüdlich bewiesen.
Wenn er anrennt gegen Brinkmann oder Handke, gegen eine selbstverliebte Literatur, so kann er gegen deren "Narzißmus" seinen Bedürfnis- und Wunschkatalog noch herunterbeten mit dem Furor und den Begriffen des damaligen Zeitgeists: das Engagement vermißt er, soziale Verbindlichkeit und Praxisbezug. Doch das Pamphlet endet in einem groß und weh inszenierten Rückzug: "Wir sind Freizeitgestalter in spätkapitalistischen Gesellschaften ... alle bloß bürgerliche Literaten mit Spielneigungen." Was also: eingreifen oder privat bleiben, Meinungen riskieren, erst austeilen, dann einstecken oder sich lieber verschließen im Kunstraum der Fiktionen? Die Fragen, die Zerrissenheiten bleiben offen. Genauer: werden immer wieder aufgebrochen.
"Er durfte bald keinem mehr sagen, was er ,wirklich' meint", so Walser 1980, als er veröffentlicht, was er seinen inneren "Samisdat" nennt, im tausendsten Band der Edition Suhrkamp, wo der Herausgeber Habermas (ausgerechnet) Walsers noch gehemmtes und sich doch enthemmendes nationales Bekenntnis an die erste Stelle rückt. Der Text liest sich heute noch wie ein Nebelwerfer, der aber lauter auratisch glühende Wortkerne herausschleudert: "Volk", "Nation", "Deutschsein", am Ende gar "Gott", als "Wort für das Bedürfnis nach Ichüberschreitung". Unter den Augen seines (damals noch) Freundes Habermas vollzieht Walser seine Wende. Die eben genau besehen gar keine war. Eine Wasserscheide eher, von der nach "links" verbrauchtes Vokabular abfließt, während sich "rechts" scheinbar Neues sammelt, doch aus dem gleichen Reservoir. Denn immer noch und wieder geht es "um eine gesellschaftliche Ausdrucksweise (im Gegensatz zu einer narzißtischen)", um ein Gemeinschaftsprojekt, um historische Kontinuität und sozialen Zusammenhang, nun in der Wiederherstellung deutscher Geschichte und Identität. Noch nennt sich der Autor Demokrat mit Verwirklichungsanspruch, "also Sozialist". Doch ihm "kommt es so vor, als hätten sich unsere Intellektuellen nach 1918 vom Volk getrennt", es also sitzenlassen mit dem verlorenen Krieg und später mit dem Schuldenberg unter Hitler.
Beginnt hier, was Schirrmacher dann - und das blieb mir zunächst im Halse stecken - "eine der stärksten Rehabilitierungen des Intellektuellen in der Nachkriegszeit" nennt? Und damit andeutet, daß eben der übliche Intellektuelle, volksfern und zersetzend, ein ungerechtfertigtes Dasein führt? (Zersetzend nannte der große alte Mommsen auch die Juden und in dieser Funktion ein Ferment für die Gesellschaft.) Aber Walser bindet seine ersehnte und postulierte neue Einheit von Geist und gemeinem Volk nicht etwa an die Glorie, sondern ausdrücklich an die größte Schande der deutschen Geschichte, an Auschwitz: "Wo das Ich das Höchste ist, kann man Schuld nur verdrängen. Aufnehmen, behalten und tragen kann man nur miteinander." So wird für ihn, was für Grass die deutsche Einheit zu verbieten schien, zum eigentlichen und zwingenden Argument dafür.
Erst in seinem jüngsten Roman wagt Walser die Gegenprobe
Vor dieser bitteren Logik verblaßt nahezu alles, was Walser von nun an aufbietet an Argumenten für seine Deutschlandsehnsucht, vor allem das albernste, doch am meisten wiederholte, sein Herzenswunsch nach einem unbehinderten Theaterbesuch in Leipzig oder Dresden. Denn um den zu ermöglichen, hätte die Mauer ja nur so durchlässig werden müssen wie die Grenzen vor Wien, Zürich oder Mailand. Wenn Walser stark fühlend formuliert, vergißt er oft, was er denkt. (Hier meldet sich, ich gestehe, in mir eine Gereiztheit, der die nationalen Schwärmereien aus dem katastrophenfernsten Winkel des Landes, vom Bodensee aus, ziemlich luxuriös vorkamen. Man stelle sich vor, wir anderen, vom Kriegsende nach Westen getrieben, hätten um nicht nur be -, sonder ver hinderte Theaterbesuche in Danzig, Königsberg oder Breslau zu jammern begonnen. Ob Walser solche Gegenperspektiven je simuliert hat? Es muß seine nun in siebzig Jahren erprobte Heimatgeborgenheit sein, die ihn auch, "süchtig nach Positivem", immer wieder in irgendeinen Harmoniedunst zieht, zu: DKP-Kameraden oder zum Schafkopfen in Wildbad Kreuth. Mir ist er hier wie dort fremd, und sich selbst, hoffe ich immer noch, auch.)
Sind wir damit vorbeigesegelt am Kern der Debatte? Im Gegenteil, wir sind dicht an ihrem Ursprung, und das ist für Walser seine Erfahrung mit dem Roman Der springende Brunnen . Erst mit diesem Werk ist klargeworden, daß die unendliche Romanserie von Halbzeit bis hin zu Ohne einander und Finks Krieg immer nur von dieser Ohneeinander-, ja Gegeneinander-Welt erzählt, dem wüsten Antipodenreich zu allen Walserschen Visionen von Miteinander, Solidarität, Volk. Jetzt erst, in seinem Kindheitsmuster, wagt er die Gegenprobe. Ausgerechnet in den Jahren zwischen 1933 und 1945 entdeckt er sein Wasserburg als einen Chor von Stimmen, eine Einheit trotz aller Dissonanzen.
Ein gewaltiges Idyll, das Dorf als Welt und Inbild einer Gemeinschaft. Aber zugleich ein Abschiedsbild, denn Schritt um Schritt sieht der Roman diesen Kosmos untergehen in Diktatur und Krieg. Und zeichnet das Bewußt- und Anderswerden von Walsers Alter ego auf, seine Trennung von diesem Kollektiv. Was für ein Unternehmen: noch einmal Buddenbrooks (als "Verfall einer [Dorf-]Familie") plus Tonio Kröger , Portrait of the Artist as a Young Man und As a Young Dog . Joyce und Dylan Thomas, Proust und Thomas Mann schauen dem Erzähler dabei über die Schulter. Aber dann macht er die Erfahrung, daß diese Krönung seines Erzählwerks nicht nur bewundernd, sondern auch von alten Kameraden und neuen Gegnern gelesen wird, den "Meinungssoldaten" im "Meinungsdienst". Diese hellsichtigen Blinden lesen weniger genau, was im Buch steht, als alles, was ihnen darin fehlt: "Ein smarter Intellektueller" - gemeint ist offenbar die zweite Geige im Literarischen Quartett - "hißt im Fernsehen in seinem Gesicht einen Ernst, der in diesem Gesicht wirkt wie eine Fremdsprache, wenn er der Welt als schweres Versagen des Autors mitteilt, daß in des Autors Buch Auschwitz nicht vorkomme."
Dagegen, auch und vor allem dagegen hat Walser rebelliert, wie sein Vorgänger und Antipode Thomas Mann mit seinem "unpolitischen" Protest gegen alle Indienstnahme des Erzählens durch Gesinnungsliteraten. Da halten die "raunenden Beschwörer des Imperfekts" zusammen und halten es nicht für eine "nur" literarische Frage, daß ein Erzählen ohne Vor- und Nachwissen, ohne eingeschaltete und steuernde Moral möglich, erlaubt, ja notwendig bleiben muß. Für den (gewaltigen) Rest der Debatte aber muß Walsers Verdacht stehenbleiben, daß alle, die den "grausamen Erinnerungsdienst" mit unserer "Schande" beflissen betreiben, sich dadurch womöglich "ein wenig entschuldigt", ja "für einen Augenblick näher bei den Opfern als bei den Tätern" fühlen könnten. Das ist so ernst zu nehmen wie seine Beteuerung: "Ich habe es nie für möglich gehalten, die Seite der Beschuldigten zu verlassen."
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 1998
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