Bärenkräfte gegen Aids
Kranke wollen etwas festhalten - Teddys, die Gutes tun
Heiko Sobel hat in elf Jahren 500 Menschen verloren, Menschen, die er als "erster Aids-Pfarrer Europas" betreut und beerdigt, später als Leiter des Zürcher Sterbeheims Lighthouse ganz intensiv auf dem letzten Weg begleitet hat. Vor drei Jahren war seine Kraft aufgezehrt. Er wollte die Tür des Hospizes nicht mehr öffnen, in kein neues Gesicht mehr sehen. Jede Begrüßung war ein Abschied. In seinem Kopf waren nur noch die Bilder vom Elend des Endes. Heiko Sobel hat die Leitung des Sterbeheims aufgegeben, nicht aber den Kampf gegen Aids.
Eine Bärentruppe steht ihm zur Seite - die Aids-Teddys, von denen er in diesem Jahr 125 000 hat anfertigen lassen. Auf ihre Bärenkräfte vertraut Heiko Sobel fest. Seit dem 1. Dezember, dem Welt-Aids-Tag, kann man die Teddys gegen eine Spende von zehn Mark bei den Aids-Hilfen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg erwerben. Der Erlös kommt den jeweiligen Projekten am Ort zugute. Ein Teil des Geldes geht an ein HIV-Kinderprojekt und ein Hospiz in der Dritten Welt.
Als die reformierte Kirche des Kantons Zürich Heiko Sobel 1987 die erste Stelle eines Aids-Pfarrers in Europa anvertraute, gab sie ihm sechs Wochen Zeit, sich bei Aids-Pfarrern und in Sterbehäusern von San Francisco ein Bild von dieser Aufgabe zu machen, die den Menschen bis an seine Grenzen fordert.
Zurück kam er mit seinem ersten Aids-Teddy, einer Art Hoffnungsträger. In San Francisco hat er damals erlebt, daß Aids-Patienten von Krankenwagen nicht mitgenommen und im Krankenhaus isoliert wurden. Aber es habe auch Menschen gegeben, die ihnen Teddys an die Betten brachten. "Der Bär ist das Wappentier San Franciscos, damit wurde den Ausgestoßenen signalisiert: Ihr gehört zu uns."
In Zürich bekam Heiko Sobel andere Botschaften. "Schweinepfarrer" rief man ihm nach, es gab Morddrohungen gegen ihn. Von Aids als der "Strafe Gottes" war die Rede, selten von christlicher Solidarität mit den Leidenden. Die Not seiner Klienten machte ihn erfinderisch. Bei Sascha und Edith zum Beispiel, die heiraten wollten und denen der zuständige Seelsorger die Tür verschloß. Für so was sei sein Gotteshaus nicht zu haben, hatte der Pater gesagt und den an Aids erkrankten Bräutigam gemeint. Kurz darauf meldete eine Wandergruppe ihr Interesse an der Kirche aus dem 12. Jahrhundert an. Daß sich Sascha und Edith unter den Ausflüglern befanden und während des Besuchs heimlich von Heiko Sobel in ihrer Traumkirche getraut wurden, erfuhr der Pater nie.
Sascha lebt nicht mehr. "Sie sind alle tot", sagt Sobel. Allen, die er in den Jahren von 1992 bis 1995 im Lighthouse in Empfang nahm, hat er gleich zu Beginn einen Teddy in den Arm gedrückt. In Erinnerung an San Francisco. Und weil man beim Eintritt ins Hospiz etwas zum Festhalten haben muß. Die Tröster wurden zu letzten Begleitern.
Als dem Lighthouse das Geld ausging, kam Sobel die Idee, die Bären zu Geld zu machen. Ein Fabrikant spendete 3000 Plüschtiere, die der Pfarrer am Zürcher Hauptbahnhof gegen Spenden unter die Leute brachte. Seither entwirft Sobel jedes Jahr einen neuen Teddy. Die Originale mit dem geschützten Aids-Teddy-Zeichen sind bei Sammlern längst begehrt. Die Teddys würden jedes Jahr schöner, sagt Sobel, und wichtiger, weil er immer häufiger den fatalen Satz höre: "Aids ist doch jetzt heilbar."
- Datum 10.12.1998 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 51/1998
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