Die scharfen Hunde vom Revier
Wie Wirtschaftskriminelle in Bochum verfolgt werden
Daß die so gar nicht obrigkeitlichstreng wirkenden Herren in ihren Büropullovern selbst hartgesottene Spitzenmanager erzittern lassen, muß sich der Gast stets von neuem ins Bewußtsein rufen. Mühelos könnte er sich in der vorweihnachtlichheimeligen Atmosphäre eines gutgeheizten Gesprächszimmerchens der Bochumer Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität auch in eine Dienststelle des Roten Kreuzes oder von amnesty international versetzt fühlen.
An ihrer Bereitschaft, härter als ihre Kollegen an anderen Brennpunkten der Strafjustiz gegen höchste Amtsträger der Industrie zuzupacken, haben die Verfolger von Wirtschaftsdelikten in den vergangenen Jahren kaum Zweifel aufkommen lassen. Zwei ihrer "Opfer" müssen sich erstmals an diesem Donnerstag vor der Zwölften Strafkammer des Bochumer Landgerichts verantworten: Heinz Gentz, 67, Ex-Personalvorstand der Veba AG, und Ludwig Staender, 68, ehemaliger Chef der Veba Immobilien AG, sind des Betruges und der Untreue angeklagt. Unter dem erpresserischen Druck eines Bauzulieferers, der jahrelang hochrangigen Veba-Managern gefällig gewesen sein soll, sollen sie, so der Vorwurf, dessen Firma zu einem völlig überhöhten Preis aufgekauft haben.
Erst kürzlich hatten die Bochumer Strafverfolger durch einen spektakulären Coup auf sich aufmerksam gemacht: Unter dem dringenden Verdacht, über ein Luxemburger Konto der Dresdner Bank und die unrechtmäßige Deklarierung seiner Privatvilla als Zweifamilienhaus in großem Umfang Steuern hinterzogen zu haben, ließen sie einen der einflußreichsten Akteure im Ruhrgeflecht von Politik und Industrie, den Vorstandsvorsitzenden des Dortmunder Stromkonzerns VEW, Fritz Ziegler, 65, eine Woche lang in U-Haft nehmen. Selbst der neue Kanzleramtsminister Bodo Hombach geriet unter Verdacht. Der frühere NRW-Wirtschaftsminister und Wahlkampfberater Gerhard Schröders hatte sich Mitte der achtziger Jahre beim Bau seines Privathauses in Mülheim an der Ruhr finanziell verhoben. Durch Vermittlung seines Freundes Ziegler nahm er seinerzeit Rat und Tat der Veba-Experten in Anspruch - gegen Rechnung, wie er belegen konnte. Die Bochumer gaben klein bei, der Fall ist ohnehin längst verjährt.
Allein bei der Durchdringung des hochbrisanten Beziehungsnetzes von Führungskräften der Veba-Immobilientochter und privaten Auftragsfirmen gingen den Bochumer Staatsanwälten bisher mehr als 50 Verdächtige ins Netz. Das Strickmuster ist immer dasselbe: Bau- und Gartenarbeiten auf Privatgrundstücken von Topmanagern wurden ganz oder teilweise mit Firmenaufträgen verrechnet.
Je prominenter die mutmaßlichen Empfänger von geldwerten Gefälligkeiten, desto stärker scheint sich der Jagdinstinkt der Bochumer Korruptionsaufklärer zu rühren. "Der kleine Mitarbeiter, der bei der Veba etwas mitgehen läßt und erwischt wird, steht morgen auf der Straße, und die Großen stecken sich ungestraft mal eben 200 000 bis 300 000 Mark zusätzlich in die Tasche", wettert der in der Immobilienaffäre federführende Oberstaatsanwalt Josef Wewers.
Ihre "rechtlichen Mittel voll auszuschöpfen" (Wewers), haben die Prominentenjäger schon früher in einer Reihe spektakulärer Verfahren gelernt. So deckten sie Ende der achtziger Jahre einen umfangreichen Abrechnungsschwindel unter Ärzten im Revier auf. Für Aufsehen sorgte 1991 auch ihr Schlag gegen die sogenannte Pommes Connection, einen weitverzweigten Ring von Frittenhändlern, die einen Teil des Geschäfts mit ihren Kunden am Fiskus vorbei schwarz abgewickelt hatten. So wie sie den Ärzteschwindel über Hinweise auf einen einzelnen verdächtigten Apotheker aufgerollt hatten, führte sie ein auffällig gewordener Großhändler auf die Spur der Pommes-Betrüger. Mit Hilfe ihrer "Domino-Taktik" legten sie in den vergangenen Jahren überdies im Bochumer Opel-Werk die verzweigten Strukturen eines Schmiergeldsystems frei. Ein anonymer Hinweis auf einen über seine Verhältnisse lebenden Techniker hatte die Staatsanwälte hellhörig werden lassen. Inzwischen laufen Strafverfahren gegen 70 Verdächtige von Opel und mehrere Automobilzulieferer.
Anders als im Falle Opel hatten die Bochumer Staatsanwälte in der Veba-Affäre den entscheidenden Tip höchst offiziell aus dem Unternehmen selber erhalten. Die Konzernrevisoren hatten aus dem von einem Detektiv erworbenen Dossier mit belastenden Aussagen über leitende Immobilienmanager keine heiße Spur aufnehmen können. Deshalb reichten sie das Material Anfang vergangenen Jahres an die zuständige Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft in Bochum weiter - dort hatte die inzwischen aus Essen geführte Immobilien-Tochter ihren Sitz. Nach bewährter "Domino-Methode" bekamen die Staatsanwälte schon nach kurzer Zeit von geständigen Verdächtigen der zweiten Führungsebene diskrete Hinweise auf empfängliche Großverdiener in den Chefetagen. Bereits Ende vergangenen Jahres verurteilte das Bochumer Landgericht einen Veba-Prokuristen zu drei Jahren und drei Monaten Freiheitsstrafe. Aufgrund seiner Aussagen erhielt wenig später Ex-Immobilienchef Staender in einem ersten Prozeß für unkorrekt abgerechnete Arbeiten einer Gartenfirma auf seinem Privatgrundstück zwei Jahre Haft auf Bewährung.
- Datum 10.12.1998 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 51/1998
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