M ONIQUE BERGMAN: Es ist so still hier, niemand schreit mehr, niemand jammert. Die Halle, wo bis eben ein paar tausend Menschen lagerten, ist leer. Nur der Geruch der letzten drei Tage hängt noch in der Luft, Urin, ausgeschwitzte Todesangst. Es ist heiß, fast 40 Grad. Wo sind sie jetzt, denkt Monique Bergman, als sie in der Halle steht, verloren, klein, blond, ein Mädchen in einem Kampfanzug. Wo sind die Frauen, denkt sie, was geschieht mit den Männern? Sie ist müde, drei Nächte ohne Schlaf.

Stimmt das überhaupt? Steht sie wirklich in dieser Halle bei Srebrenica? Was sind das für Bilder in ihrem Kopf? Menschen rennen, und wer nicht rennen kann, hockt in Schubkarren. Granaten jaulen heran, explodieren. Dann ein schwarzes Meer von Leibern im kleinen Camp der holländischen Blauhelme und drum herum, 30000 mindestens. Eine Frau umklammert Bergman, fleht um Hilfe, noch eine Frau, noch eine. Schreien und Jammern und dann Totenstille, sobald sich ein Serbe nähert. Menschen werden weggezerrt. Schüsse in der Nacht, Leichen auf dem Boden. Soldaten, die Frauen und Männer grob trennen und in Busse drängen. Ein General, der lächelt. Ist das nicht Mladic? Die Busse fahren davon.

Monique Bergman sitzt auf dem Sofa in ihrem Häuschen im holländischen Dinxperlo. Sie ist nicht mehr Soldatin, sie arbeitet in einem Geschäft. Ihre Haut war hell, als das Gespräch begann, jetzt sind die Wangen rot getupft. Sie raucht viel.

Im Januar 1995 hat die Armee Bergman nach Srebrenica geschickt, wo ein holländisches Bataillon, Dutchbat genannt, im Auftrag der Uno 40000 Muslime schützen sollte. Sie waren von serbischen Milizen und der Armee des Generals Mladic umzingelt. Im Juli 1995 stürmten die Serben die Schutzzone, ohne auf Widerstand zu treffen. Die Frauen und Kinder ließen sie ziehen, die Männer, die nicht fliehen konnten, wurden ermordet. Das Rote Kreuz führt eine Liste mit mehr als 7300 Vermißten.

Nach Srebrenica brauchte Bergman ein Jahr lang die Hilfe eines Psychotherapeuten, teilweise täglich. Über 30000 Vertriebene, über 7000 Tote, das größte Massaker in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, und Monique Bergman war schuld. Ich bin schuld, ich bin schuld, von diesem Gedanken kam sie nicht los. Ich sollte schützen und habe nicht geschützt. Als es ihr nach der Therapie besserging, meldete sie sich für einen zweiten Einsatz in Bosnien, "um etwas wiedergutzumachen". Sie hat aufgehört, sich anzuklagen, auch wenn Srebrenica, wie sie sagt, "eine schwarze Seite in meinem Lebensbuch ist". Und sie hat etwas gelernt: "Ich bin nicht mehr naiv."

HENRI BEUNDERS: "Die Niederlande sind nicht mehr das, was sie einmal waren." Mit diesem Satz beginnt ein furioser Essay, den Beunders im renommierten NRC Handelsblad geschrieben hat. Mehr als eine Seite, illustriert mit einer Handgranate, Überschrift: Das verlorene Vaterland. Srebrenica, heißt es dort, habe "ein Ende gemacht mit dieser wohl typisch niederländischen Illusion, daß die Welt übersichtlich ist und daß es für jedes Problem eine Lösung gibt, wenn man es nur will, daß es nur good guys und bad guys gibt und daß man selbst zur ersten Kategorie zählt".

Good guy, bad guy, der Gute und der Böse: Zwei Männer stoßen mit Sektgläsern an, rechts Ton Karremans, der Kommandeur von Dutchbat, links Serbengeneral Ratko Mladic, ein Foto, das im Juli 1995 um die Welt ging. Eben haben die Serben Srebrenica eingenommen, gleich werden sie mit dem Massaker beginnen. Und Karremans läßt zuschauen. Einige seiner Soldaten helfen, die Männer von den Frauen zu trennen.