Ganz normale Frauen
Klischees verboten - eine Sammlung biographischer Porträts
Warum lesen wir ein Buch? Weil es Dinge erklärt, über die wir nichts wußten. Weil es hilft, dem eigenen Alltag zu entfliehen. Weil es uns vertraut macht mit fremden Gedanken - und manchmal auch mit den eigenen: Ein Buch, das sich zu lesen lohnt, ersetzt Gespräche, die wir nicht selbst führen konnten.
Das neue Buch der österreichischen Juristin und Autorin Eva Rossmann ist so eines. Es lehrt uns 14 Menschen kennen, quer durch alle Sozial- und Altersgruppen. Ganz normale Frauen nennt Rossmann ihre Sammlung von Porträts - unspektakuläre weibliche Biographien, die sie nach ausführlichen Gesprächen aufgezeichnet hat.
An anderer Stelle treffen wir auf das gesellschaftliche Gegenbild: die Hausfrau und Mutter von drei Kindern. In ihrer sorgfältig aufgeräumten Einbauküche, auf dem Tisch eine Schale mit Nüssen und Vollwertkeksen, steht sie der Interviewerin Rede und Antwort. Nein, frustriert ist sie nicht, im Gegenteil. Sie genießt ihr Leben als berufslose Gattin und empfindet es als frei von lästigen Pflichten. Glaubt man ihren Schilderungen, gibt es kaum ein harmonischeres Dasein. "Ich habe kein Problem mit Frauen, die arbeiten. Sie tun mir eher leid", sagt sie und streicht ihrer jüngsten Tochter die Haare aus der Stirn. Sie erzählt von langen Spaziergängen, Gesprächen mit ihren Kindern und den vielen Büchern, die sie Zeit hat zu lesen. Nachts allerdings plagen sie Angstträume, und an vieles in ihrem Leben kann sie sich einfach nicht mehr erinnern. Ihre erste Ehe mit 19? "Das habe ich alles verdrängt."
Wild muß es sein, wenn es Spaß machen soll
Dann ist da die 17jährige, die noch am Anfang steht und sich optimistisch vornimmt, Familie und Job miteinander zu verbinden; oder die Lesbierin in den Wechseljahren, deren Sohn "sich zu einem sehr liebevollen Menschen entwickelt"; oder die Putzfrau Anfang 30, die abends am liebsten fernsieht und häkelt, aber von deren Temperament und Eigensinn sich manche eine Scheibe abschneiden könnte. "Man lebt lustiger, wenn man nicht alles hineinfrißt", gibt sie selbstbewußt zu Protokoll und bekennt: "Ich bin eine Radikale." "Wild" muß es sein, damit ihr das Leben Spaß macht.
Eva Rossmann hat all diese Frauen zum Nachdenken und zum Reden gebracht und die Zwischentöne dabei nicht überhört. Biographische Floskeln, die jeder parat hat, der sein Leben erzählt, läßt sie nicht durchgehen. An vielen Stellen liest man die Neugierde, die Intensität, auch die Skepsis, mit der Rossmann gefragt haben muß, zwischen den Zeilen mit.
Und oft ergaben sich während der Begegnungen andere Perspektiven als jene, unter denen sie das Gespräch aufgenommen hatte. So entsteht aus der Sammlung von Lebensläufen ein keineswegs oberflächliches Panorama, das den Blick für die Hintergründe schärft.
Am Ende des Buches steht, sicher nicht zufällig, die Lebensgeschichte einer 97jährigen, die von sich selbst sagt: "Ich komme aus der dritten Welt." Neun Kinder waren sie daheim; da mußte schon die Siebenjährige säckeweise Erbsen klauben für die Konservenfabrik. "Uns hat die Not geformt", sagt die Frauenrechtlerin und ehemalige Widerstandskämpferin nicht ohne Stolz. Das so verstaubt klingende Wort von der "Solidarität" füllt sich angesichts ihres langen Lebens mit Sinn. Man könne es, auch heute, nicht groß genug schreiben, meint die Alte und blickt skeptisch auf die Schlaraffenlandkinder der Gegenwart: "Die werden nicht solidarisch sein, sie haben es nicht gelernt."
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 1998
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