Auch haben!

Eine eigene Homepage im Internet vertäuen - Protokoll eines Selbstversuchs

Ich habe das Internet gehaßt. So wie ich in den siebziger Jahren "Videokunst" gehaßt habe oder "Breakdance" in den Achtzigern, ich haßte die ganze Computerszene, dieses ganze verantwortungslose Gerede über Bytes und Speichervolumen.

Ich bin nicht fortschrittsfeindlich. Im Gegenteil. Ich trug als erster eine Swatch-Uhr, besaß das erste Faxgerät im Dorf und freue mich, 150 Jahre alt zu werden. Echt. Doch schon als ich Mitte der achtziger Jahre meinen ersten Computer kaufte, hatte ich den Ehrgeiz, das Ding zu bedienen, ohne Computerfreak zu werden.

Computer? Ein ganzes Studio auf Stelzenbeinen hockt mitten im Zimmer

So vergingen die Jahre, ich stieg auf Apple um. Als ich mir mal wieder einen neuen kaufte, entdeckte ich, daß die neue Computergeneration langsamer geworden war. Der neue hatte den Kopf so voll, daß er nicht mehr logisch denken konnte. Und häßlich war er. Früher war da ein sauberer Würfel von der Größe eines frechen Berliner Pflastersteins. Jetzt hockte ein ganzes Studio auf Stelzenbeinen mitten im Zimmer, mit Dauermigräne vor Eigenstreß. Ein Freund übertrug mir das kleine Gehirn ("Wörd Vier") des Kinderwürfels auf den großen, da machte es wieder Spaß.

Dann kam alles anders. Ich hatte einen Freund. Nie hatte ich es für möglich gehalten, daß dieser brillante Mann dem Internet verfallen würde. Er, der mit einem genialen, poetischen, sprachmächtigen Buch über die 78er Generation in der Gesellschaft "angekommen" war, hatte sich eine Homepage eingerichtet.

Ich muß nicht erklären, was eine Homepage ist? Wer das nicht weiß, sollte nicht weiterlesen und eine ABM-Stelle beantragen. Auf dieser Homepage schrieb mein Freund seinen neuen Roman - und die Welt las mit! Alle sprachen davon. Ich dachte: Auch haben! Sofort!

Ab in den Internet-Laden. Da merkte ich, mein Trick mit den Knöpfen zog nicht mehr.

Man geht in ein Geschäft, sagt, man wolle eine Homepage haben, und wird zugelabert. Man müsse erst mal ins Internet, und da gebe es bestimmte Programme, solche und solche. Nach fünf Minuten unterbricht man und sagt: "Ich weiß, was das Internet ist, ich will nur eine Homepage." Woraufhin der Mann, wie ein Politiker, fortfährt: "Ja, das ist eine interessante Frage, lassen Sie mich erst einmal..."

Er redet weiter. Sein Hirn ist so wildwuchernd wie das Internet selbst. Seine Rede ist unbeschreiblich häßlich. In dieser Sprache gibt es keine Adjektive, keine Substantive, keine Verben, jedenfalls keine deutschen. Es gibt Hilfsverben auf Englisch. Es gibt keine Bilder. Es gibt keine Gerüche, Töne, Begierden, Schmerzen, Machtverhältnisse, Ungerechtigkeiten, Liebeshändel. Es gibt nur diese Sprache, die man sich beim Klempner verbitten würde: "Machen Sie gefälligst den Abfluß sauber. Ich will nicht wissen, wie Ihr Dreikreuzschlüssel funktioniert!"

Der Mann sagt: "Sie gehen auf AOL, laden über free transmission project die files auf Compuserve, was Sie aber nicht müssen, weil Sie einfach ins Menü gehen und sehen, daß internet solutions das Equipment zum Sondertarif unter Umständen zur Verfügung..."

Sie sagen: "Ich wollte doch nur..." Er sagt: "Genau, sag' ich ja, Sie können es natürlich noch anders machen, zum Beispiel shiften Sie sich über FTP bei T-Online an, klicken über Galaxy alles ab, und dann ... ah, Scheiße, jetzt ist er abgestürzt, Augenblickchen..."

Jetzt darf er erst mal mit der Maschine vor sich hin spielen, ein unfreundlicher Rücken.

Ich telefonierte mit allen Service-Info-Hotlines. Wurde Mitglied bei T-Online, bei AOL und Compuserve. Keiner glaubte mir, daß es mir nur um die eigene Homepage ginge. "Aber im Internet können Sie so viele Sachen machen! Sie können den Katalog der Hundekettenauszeichnungen aller Rassehunde von Schleswig-Holstein aufladen, jedenfalls wenn Sie den Server vom A3-Scanner unter Umgehung der ISDN-Zugangsmodi hyperventilieren..." Ich sage, daß ich keine Hunde mag. "Kein Problem! Da gehen Sie einfach über 3434 cps in den Einwahlknoten von Mannesmann Mobilfunk, rufen bei denen extern über den Hausapparat an, zurück auf die eigene Internet-Seite, dann ... ja, dann können Sie über ein zweites CD-ROM-Laufwerk andere tolle Sachen abrufen, ein Tupperware-Angebot für Hausfrauen oder..."

Der Typ, der mir ein Modem verkaufte, gab mir eine Liste mit 30 Providerfirmen, die Homepages anbieten. Drei Billionen Zahlen und Tarife. In den Computerzeitungen waren Tests abgedruckt: Meistens war die Telekom auf Platz eins. Aha, dachte ich, offenbar eine gute Firma. Ich rief an: ob sie nicht eine gute Providerfirma wüßten? Sie hatten eine. Über fünf Hotline-Notnummern in Frankfurt, Denver, Berlin, Solothurn und München erreichte ich einen Herrn vom Kundendienst der Deutschen Telekom in der Destouchestraße gleich bei mir gegenüber! Ich ging rüber.

Fast unterschrieb ich einen Einjahresvertrag. Ich sollte 20 MB gestellt bekommen. Wie viele Seiten waren das? Das wußte keiner. Ich sollte 595 Mark einmalig und dann immer 195 monatlich für die 20 MB bezahlen. Ich unterschrieb - und erfuhr, daß die 20 MB pro Jahr ins Internet gestellt würden. Außerdem seien es gar nicht 595 Mark im Jahr und 195 Mark monatlich, sondern 2238 Mark und 180 Mark monatlich. Hä? Ich riß meinem Freund das Blatt wieder aus der Hand. Er sagte, er könne mir nicht helfen, ich wisse ja noch nicht einmal, ob ich den Netscape Navigator als USB-Hub oder mit dem 21-Zoll-Schirm betreiben wolle. Er sah mich angeekelt an.

Am nächsten Tag veröffentlichte ein Kollege seine eigene Homepage. Er startete sein "Öffentliches Tagebuch" mit einer Breitseite gegen mich. Ich konnte mich nicht wehren.

Ob ich auch aufgab? Sie erfahren es, wenn Sie dieses Kürzel anklicken: www.joachimlottmann.de

 
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